"Wenn du nur wüsstest wie recht du hast. Wenn du nur wüsstest wie viele Menschen mit dir spielen."
Wie viele Menschen spielten denn dieses grausame Spiel mit mir? War Leo auch einer davon?
Ich starrte auf mein Handy und auf seine Nummer die auf dem Display aufleuchtete. Wenn das hier alles nur ein Spiel war, wie konnte ich verhindern dass ich abstürzte? Wie konnte ich gewinnen? Ich hatte doch keinen Halt mehr. Niemand war für mich da. Ich war ganz alleine. Ich war die Spielfigur meiner angeblichen Freunde und wollte dieses Spiel nur noch so schnell es ging beenden. Denn eines stand fest, ich würde auf jeden Fall der Verlierer sein. Leicht lehnte ich mich über den Balkon und betrachtete weiterhin seine Nummer auf meinem Handydisplay. Vielleicht hätte er mir die Antwort sagen können auf eine der Fragen die ich mir stellte. Nur eine. Er hätte mir nur eine beantworten müssen. Ich wollte doch nur Klarheit. Möglicherweise aber kannte er die anderen auch gar nicht und er war einer derer die mich wirklich mochten und oh Lord verurteile mich nicht, aber ich konnte mir diese Illusion nicht zerstören. Nicht wenn er einer der Gründe war warum ich noch nicht durchgedreht war. Warum ich nicht weggerannt war, zumindest nicht weiter als ich es eh schon getan hatte. Warum wusste ich nicht, aber er war einer der Gründe wieso ich hier stand. Warum ich mich meiner Vergangenheit stellte.
Ich sperrte mein Handy und steckte es in meine Hosentasche. Die kalte Sommerluft schlug mir ins Gesicht und für einen Moment genoss ich das Leben wirklich. Ich fühlte mich lebendig und dieses Gefühl hatte ich schon viel zu oft in meinem Leben vermisst. Dann aber war es wieder vorbei und ich starrte auf die Straße. Es hätte nur Sekunden gebraucht um zu springen. Ich hätte nur Sekunden gebraucht um meine Arme auszubreiten und für einen Moment zu fliegen, das fruchtbare Spiel zu beenden. Aber ich konnte es Carlo einfach nicht nachmachen. Dafür liebte ich meine Leben zu sehr. Nein, das stimmt so nicht. Ich liebte nicht das Leben, sondern ich liebte Johanna zu sehr um sie alleine zu lassen. Sie war wie eine Schwester für mich. Darum blieb ich. Ich blieb für sie. Für eine Person, die mir jeden Tag mehr bedeutete und für die Person die mich für mein Aufgeben hasste.
Ich drehte mich Richtung Wohnung und verließ den Balkon um in die Küche zu gelangen und die Kaffeemaschine einzuschalten, damit ich eine Tasse mit der schwarzen Flüssichkeit füllen konnte. Genau zu diesem Zeitpunkt schlief Stella neben Markus, das wusste ich. Ich hatte sie nämlich überredet, dass ich auf der Couch schlafen durfte und nun war wenigstens etwas so wie es sein sollte. Wenigstens etwas war nun richtig. An Schlaf aber konnte ich gerade wirklich nicht denken. Egal wie bequem die Couch auch aussah. Da waren einfach immer noch diese unendlich vielen Gedanken, die meinen Kopf fickten.
Gedankenverloren blickte ich durch ihre Küche, über ihr Geschirr das sich aufstapelte, auf die Blätter die auf dem Tisch lagen, auf die offen gelassene Cola Flasche und dann sah ich ihr Handy auf den Küchentisch liegen. Es war die Gelegenheit etwas zu überprüfen. Ich wusste das sie kein Passwort hatte, es war eine einmalige Gelegenheit, nur heute und so nutzte ich den Moment nahm ihr Handy in die Hand und suchte in ihrem Kontaktbuch nach einer ganz bestimmten Nummer. Fast schon erschrocken schnappte ich nach Luft als ich den Namen dann tatsächlich las. Das war die Bestätigung, die ich gesucht hatte mehr brauchte ich nicht und doch hielt mir das Telefon noch ans Ohr. Vielleicht irrte ich mich ja. Es gab viele Menschen die diesen Namen trugen. Es musste nicht unbedingt derjenige sein den ich meinte. Es piepste drei mal bis seine Stimme abnahm. Ich kniff meine Augen zusammen, während ich seiner Stimme lauschte und die Illusion war zerstört. Sie war verschwunden, nicht mehr da. "Stella? Weißt du überhaupt wie spät es ist? Aber auch egal. Was ist los? Ist was mit Alaska?" Auf seine Fragen antwortete ich nicht und blieb einfach stumm stehen. Er war es. Er war es. Verdammt, er war es. Kein Wort verließ meinen Mund. Dazu konnte ich mich nicht zwingen. Um seine Stimme jedoch zu hören musste ich auch gar nichts sagen. Er war so verwirrt von dem nächtlichen Anruf, das er einfach weiter sprach. "Du musst es mir sagen, wenn sie Hilfe braucht. Ich werde kommen. Verstehst du mich? Ich werde für sie da sein. Ich werde ihr helfen. Stella, bitte sag was ich muss wissen wie es ihr geht." Verdammt. Warum musste ich so neugierig sein. Diese Traumwelt in der ich leben wollte, wär doch so viel schmerzfreier gewesen. Warum musste ich sie zerstören? In dieser Welt, wäre alles so leicht gewesen. Ich hätte frei sei können. Aber ich war gefangen in diesem Spiel. "Leo?", fragte ich vorsichtig nach und hörte sein erschrockenes Ausschnaufen. "Alaska?" Ein schriller Piepston ertönte und allmählig sah ich zu meinen Kaffee zurück. Nun war er fertig und ich war auch fertig mit allem. Ich wollte nicht mehr. Gedanken stapelten sich in meinem Kopf. "Du kanntest Carlo?", fragte ich wobei meine Stimme immer brüchiger wurde. Ich konnte mir nichts zusammenreimen. Von einen Leonardo Mudrack hatte Carlo nie gesprochen. Wie konnte das hier die Wahrheit sein? Es war nur ein Zufall, dass sie seine Nummer hatte und es war nur ein Zufall, dass er sich solche sorgen um mich machte. Vielleicht stimmte das alles ja gar nicht und sie bereiteten nur eine Überraschungsparty für mich vor. Sie wollten das ich unten war, damit ich nur noch überraschter gewesen wäre. Doch dann ertönte wieder seine Stimme."Ja", hauchte er mir durch das Telefon engegen. "Aber Alaska, bitte leg jetzt nicht auf und tu nichts unüberlegtes." Wie kam er auf die Idee, dass ich etwas machen würde ohne darüber nachzudenken? All meine Handlungen waren genauso wie sie sein sollten. Okay, möglicherweise waren sie es auch nicht. "Du hast eine Minute Zeit, um mir zu erklären was hier gespielt wird." 1 Minute. Mehr Aufmerksamkeit wollte ich keinen von ihnen geben und doch musste ich es. "1. Kann ich dir es nicht erklären und 2. Reicht eine Minute nicht aus." Eine Träne rollte meine Wange hinunter. Er kannte Carlo. Carlo kannte Leonardo und trotzdem hat Leonardo so getan, als würde ich ihm etwas erzählen, dass er noch nie gehört hatte. Damals am See war er so nett zu mir gewesen. Aber wenn er Carlo kannte und somit wahrscheinlich auch Ben, kannte er doch bestimmt auch eine andere Version von unserer Geschichte. Wieso logen alle Menschen um mich herum? Was hatte ich ihnen angetan? Ich hatte doch immer versucht das richtige zu tun. "Wo bist du?" Ich hörte wie er nach Luft schnappte und später nahm ich ein leises tuscheln war. Er war also bei jemand. Wahrscheinlich war er sogar bei jemanden den ich kannte. Wie konnte ich nur aus diesem Albtraum entkommen? Wie konnte ich aufwachen."Ben. Ich bin bei Ben und bei Johanna." Ich sah auf den Kaffee hinab und legte meine Hand um die Tasse. Sie war so schön warm. Meine Lippen zitterten leicht, mein Untergrund verschwand immer mehr, bald stand ich nur noch auf einem Bein. Nun hätte ich fliegen sollen, aber ich konnte nicht. Ich konnte ja nicht einmal stehen. "Wenn ich vorbei komme, erfahre ich dann die Wahrheit?" Wieder war es an der anderen Leitung so still, möglicherweise würde ich die Wahrheit nie erfahren. "Ja, Ben wird dir alles erklären." Mein Herz ließ einen Schlag aus. "Ich will nicht mehr mit ihm sprechen. Ich will doch nur nachhause", schlurchzte ich und nahm einen Schluck von dem schwarzen Getränk in meiner Hand. In mir war alles so kalt und ich wollte nur noch einmal etwas gutes spüren bevor meine Welt entgültig zerbrach. "Aber ich kann dir die Antworten nicht geben", ließ er mich wissen. Ich wusste dass er nicht log und ich merkte das der Kaffee kein bisschen half.
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Der Maskenball (Cro Ff)
Romance"Wenn du aufhören würdest daran zu denken, würde es nicht mehr so schmerzen." "Das geht aber nicht. Ich kann nicht." . Ich hielt an der Vergangenheit fest, weil ich Angst vor der Zukunft hatte und die Mas...