Flashback
Seinen Namen kannte ich immer noch nicht. Ich wusste nicht wo er wohnte oder in welche Klasse er ging. Sein Alter erfuhr ich auch erst viel später. Eigentlich kannte ich nichts von ihm.
Doch komischerweise machte es mir nichts aus. Ich mochte diesen Jungen
mit den braunen Haaren und den funkelnden Augen, auch wenn ich all diese Sachen von ihm nicht wusste. Denn er öffnete mir jeden Tag aufs neue meine Augen, zeigte mir dass nicht alles so schlimm war wie es schien. Stück für Stück machte er mir die Welt, die doch so grau war wieder bunt und nur wegen diesem Namenlosen Jungen konnte ich meine Maske immer wieder aufs neue absetzen. Wenn er dabei war, war ich ich. Er war anders als jeder meiner anderen Freunde, wirklich. Das was er an sich hatte fand man kein zweites Mal auf dem Planenten. Der Bibiotheksjunge war mit der Zeit mein bester Freund geworden. Mit ihm zusammen hätte ich die Welt erobern können. Es gab nichts, was man nicht mit ihm machen können hätte. Denn er war immer da, bei mir. Auch wenn ich nicht wusste, wie ihm das gelang. Seine Gegenwart löste ein wolliges Gefühl in mir aus. Wie er das schaffte war ein Rätsel.
Von mir wusste er deutlich mehr. Er kannte meine Mutter und meinen Vater, wusste wo ich wohnte und in welche Klasse ich ging. Doch selbst er wusste nicht alles. Denn meinen Namen wollte er nie erfahren. Er pflegte es nämlich zu sagen, dass Namen überflüssig seinen, man müsste nur wissen mit wem man es zu tun hatte und angeblich wusste er dass. Er meinte er würde mich besser kennen, als jeder andere und damit hatte er recht. Dazu brauchte er diese Buchstaben, die ihm verraten hätte wie man mich nannte nicht. Anstatt meines Namens sagte er sowieso immer 'Maskenmädchen' zu mir und wenn er das sagte musste ich Lächeln. Weil ich wusste das er über seinen Schatten gesprungen war, um mit mir befreundet zu sein. Er wollte sich nie mit einem Maskenmenschen unterhalten, doch mich traf er täglich. Vor mir versteckte er sich nicht. Das war das größte Geschenk was er mir machen hätte können und er schenkte es mir. Er schenkte mir seine Anwesenheit und diese machte mich so unglaublich glücklich. Er war so perfekt.
"Maskenmädchen!'', rief seine Stimme über den halben Pausenhof. Ruckartig drehte ich meinen Kopf in seine Richtung um und musste sofort Lächeln. Er war hier und rannte auf mich zu. Er war hier. Keinen Moment nachdem ich das gesehen hatte, rannte ich ihm entgegen und umarmte ihn indem ich meine Hände um seinen Nacken schlang und er sie um meine Taille legte. In diesem Moment kam es mir so vor, als wäre er Monate lang weg gewesen. Die Wahrheit aber war, dass er nur für eine Woche nicht bei mir war und diese schien nicht enden zu wollen.
Am Montag war ich mit der Situation, dass er plötzlich verschwunden war völlig überfordert und verweilte meinen restlichen Tag nach der Schule in meinem Zimmer. Dienstags fing ich an zu kochen. Salat, Nudeln, Tomatensoße und Tee. Mittwochs vertiefte ich mich in meinen Büchern. Am Donnerstag unternahm ich sogar etwas mit meinen anderen Freunden und konnte richtig lachen. Aber nicht so ehrlich wie mit ihm. Freitags fing ich mit meinem ersten Buch an, schrieb Zeile für Zeile, Seite für Seite. Samstags warf ich es in den Müll und Sonntags holte ich es wieder heraus. Schließlich musste er es noch lesen. Ich brauchte unbedingt seine Meinung. Diese war nämlich ehrlich. Das war sie immer gewesen. Er musste mir sagen wie er die ersten Seiten fand. Ich brauchte nur seine Meinung.
"Hab dich vermisst", flüsterte ich ihm gegen sein Ohr, während ich ihm immer fester drückte und selbst bemerkte wie sein Griff um meine Taille stärker wurde.
Es war Montag und ich war glücklicher denn je. Seltsam. Niemand mochte Montage und ich auch nicht. Gruppenzwang und so.
Seine Augen durchborten mich und fragend sah er mich an. Er wusste das ich ihm etwas erzählen wollte. Anscheinend hatte ich so einen Blick an mir. Jedenfalls meinte er dies immer aufs neue. "Ich erzähls dir später", beteuerte ich. Jetzt wollte ich nicht über mich reden. Jetzt wo er vor mir stand und nicht mehr weg war. Ich wollte wissen warum er sich eine Woche nicht in der Schule blicken lassen hatte. Seine Hand fand Platz auf meiner Schulter und zustimmend nickte er.
"Erzähl mir, wo warst du?", fragte ich ihn während wir in Richtung meines Klassenzimmers gingen.
Die Gänge waren voller Schüler und doch war mir so als wären wir alleine. Die Töne um uns wurden verschluckt. Denn im Moment zählte nur, dass er wieder bei mir war und ich bei ihm. Er war alles gute an mir.
Unschlüssig sah er mich an. "Nur bei meinem Vater", murmelte er und sah traurig auf den Boden. So als wollte er sich entschuldigen dafür, dass er mir nichts genaueres sagen konnte, er aber darüber nicht sprechen wollte. Dennoch ich war mir sicher, dass er es nicht böse meinte. Denn ich wusste, dass seine Eltern geschieden waren und er nicht gerne darüber sprach. Doch das er deshalb eine ganze Schulwoche fehlte kam mir nicht sonderlich normal vor. Vielleicht war etwas schlimmes vorgefallen. Dies hätte er mir jedoch ziemlich sicher später noch erzählt. Also fragte ich nicht weiter nach. "Aber weißt du was?" Schnell schüttelte ich meinen Kopf und die Gedanken an sein Verschwinden weg. "Ich weiß wie man den Maskenmenschen helfen kann", die Worte beinhalteten so viel Freunde und gleichzeitig ein wenig Misstrauen in mich. War ja einer von ihnen.
Ich zog eine Augenbraue hoch und blieb stehen. Er wollte Ihnen, uns helfen. Das war toll. "Wie?", fragte ich und bemerkte, wie seine Augen zu strahlen begannen und er mir am liebsten alles erklärt hatte. Doch bevor er etwas genaueres sagen konnte, läutete die Klingel und riss uns aus unserem Gespräch heraus. "Ich muss", meinte ich und zeigte auf die Klassentür hinter mir, bevor er seinen Mund öffnen konnte. Zustimmend nickte er mir entgegen. Sagte mir aber noch bevor er ging die Antwort. "'Man muss ihnen nur zuhören. Es ist eigentlich ganz einfach."
Ich starrte auf meinen Block und malte Striche in ihn. Immer einen wenn Miss König 'Jedenfalls' sagte. Meine Gedanken glitten jedoch dezent am Unterricht vorbei. Ich dachte nur an seine Worte und wie er es herausgefunden hatte. Wollte es sogerne doch verstehen. Ich würde es später bereuen nicht mitgeschrieben zu haben, dass war mir bewusst, aber ich war nicht imstande an etwas anderes, als die Maskenmenschen zu denken. Wie wollte er mir mit Wörtern helfen? Das war doch nicht möglich. Nein. Das wäre doch zu einfach gewesen.
"Alaska", riss mich Luciana flüsternd aus meinen Gedanken und ich blickte zu ihr hinüber. Sie saß neben mir. In jeder Stunde. Wir waren so etwas wie Freunde. Sie war toll und ich mochte Sie. "Was ist mit dir los?", fragte sie dann. Ich biss mir auf die Unterlippe. Von den Maskenmenschen wollte ich ihr nie erzählen. Weil ich insgeheim nicht wollte, dass sie sich ebenfalls in sich selbst verkroch. So wie ich es getan hatte. "Nichts", beteuerte ich und beugte mich ein weiteres Mal über meinen Block. Ein Schauer lief mir über den Rücken, als sie mich am Handgelenk packte. Mein Blick fiel vor zu der Tafel, auf die Frau König gerade schrieb und später wieder zu meiner Freundin. "Es ist doch nicht wegen dem Typen mit dem du immer abhängst?" Leise blieb ich sitzen und schluckte schwer. Es war doch immer wegen ihm. Er war mein Leben. "Du bist abhängig von ihm", murmelte sie dann und kniff ihre Augen zusammen. Wut spiegelte sich in ihnen wieder. "Er ist wie eine Droge für dich und macht dich anders du vertraust ihm zu viel." Die Worte glitten an mir vorbei. Wie die Schreie von Vanessa letztens. Es war mir einfach egal was sie sagte. Denn ich glaubte jedem seiner Wörter. Ich war ja noch klein. Erst 14 Jahre. Was wusste man mit diesem Alter schon? Ich würde meinen nicht so viel über das Leben. Denn in dieser Zeit saß ich meist eh nur in der Schule und lernte. "Alaska hör mir zu. Er lügt dich an. Ich weiß nicht einmal wieso er hier ist. Er geht nicht auf diese Schule." "Was?", krächzte ich zu laut hervor und plötzlich sahen mich alle an.
Die Blicke richteten sich nur auf mich und mein verdutztes Gesicht. Einschließlich des von Frau König. Ihr Blick hätte töten können. Niemand unterbrach ihren Unterricht. "Frau Lunack", fing sie an. Die Situation war unüberwindbar. Keine Worte hätten mich retten können. Also kam es dazu, dass ich im Direktorat landete, weil ich den Unterricht gestört hatte. Zum ersten Mal in meinem Leben. Aber was konnte ich dafür, wenn Luciana mich anlog? Der Namenlose hätte mich doch nie so in die Irre geführt. Er doch nicht. Wieso aber sollte Luciana Lügen? Das ergab alles keinen Sinn. Insgeheim wünschte ich mir, dass ich bald aus meinem Traum aufwachen würde. Es war jedoch keiner, was ich durch kneifen in meinem Arm bemerkte.
Der Direktor war beschäftigt, weswegen ich im Vorraum saß und nichts machen konnte.
Dann sah ich einen Stift und ein Papier auf dem Tisch des Sekretärs liegen, ich nahm sie in die Hand und schrieb weiter. Meine Geschichte, die ich angefangen hatte. Verschwand in einer anderen Welt. Setzte mir eine dickere Maske auf. Ich wollte nicht verletzt werden. Nicht von ihm, meinem Leben.
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Der Maskenball (Cro Ff)
Romance"Wenn du aufhören würdest daran zu denken, würde es nicht mehr so schmerzen." "Das geht aber nicht. Ich kann nicht." . Ich hielt an der Vergangenheit fest, weil ich Angst vor der Zukunft hatte und die Mas...
