[21]streben

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Ich sah der Frau im Spiegel entgegen und betrachtete ihr blasses Gesicht. Es war gezeichnet von Trauer und Zerstörung, vor Verwirrung und Leid. Die Frau im Spiegel war schwach und konzentrierte sich nur auf sich. Die anderen waren ihr so egal, die ganze Welt sollte sich nur um sie drehen. Denn sie benötigte diese Aufmerksamkeit. Immer stand sie ganz hinten und sie würde es weiterhin tun. Weil die Welt sich eben nicht um sie drehte. Nur sie drehte sich und zwar gegen sie.
Unter ihren Augen sah man die verschmiere Wimperntusche, es sah furchtbar aus, außerdem sah sie mit dem viel zu großem T-Shirt, das sie trug nicht aus wie eine Frau. Eher wie ein Gespenst. "Boo!", schrie ich ihr entgegen. Ein wenig leiser, dennoch mit viel Energie, brüllte sie mir ebenfalls entgegen. Erschrocken trat ich einen Schritt zurück, berührte mit der einen Hand die Wand und blieb stehen, bis ich bemerkte, dass es nur mein Echo gewesen war. Ich war verrückt oder doch nur müde. Sie war kein Geist. Sie war ich. Ich schluckte, schaltete den Wasserhahn ein und hielt meine Hände darunter. Ich liebte dieses Gefühl, welches Wasser auf meiner Haut auslöste. Es war ein wolliges und beschützendes Gefühl. Eines welches ich nie missen wollte. Vorsichtig beugte ich mich vor und führte meine Hände langsam in meine Richtung, um das Wasser in meinem Gesicht zu verteilen. Ich lächelte, viel zu kurz. Deshalb wiederholte ich das Szenario einige Male. Bis mir die Luft wegblieb.
Das Handtuch, welches ich auf einen kleinen Hocker gelegt hatte, nahm ich in die Hand und wusch mir das Gesicht trocken.
Dann wieder ein Blick in den Spiegel.
Immer noch sah mir diese zerstörte Frau entgegen.
Ich griff in mein Gesicht und fuhr den Umrandungen nach. Dabei wollte ich nur sicher gehen, ob das wirklich mein Spiegelbild war. Es ähnelte mir einfach nicht. So war ich nicht. Ich war stark.
Ich stürzte mich mit den Händen am Rand des Waschbeckens ab und sah nach unten.
Von draußen drang ein unklares Rauschen zu mir durch. Was es war konnte ich nicht sagen, aber ich nahm an, dass es Vanessa oder Johanna waren die endlich miteinander sprachen.
Seit ich gekommen war, hatte niemand von den beiden daran gedacht auch nur den anderen anzusehen. Vanessa fand diese Narben an Johannas Arm nicht normal. Sie verstand das einfach nicht. Mein Blick schweifte vom Waschbecken hin zu meinem Arm. Es war abartig und trotzdem zierte auch meinen Arm eine Narbe. Sie war klein. Niemand hätte sie jemals bemerkt, aber ich wusste wofür sie stand und ich wusste das sie kein Unfall war, sondern pure Absicht. "Laska!", drang Vanessas Stimme durch die Tür. Sekunden wartete ich bis ich mich entschloss zu antworteten. "Ja?" "Wir wollten doch reden." Ich legte meine Hand an den Griff der Türe und wartete wieder. Dieses Gespräch war nötig, jedoch wollte ich es trotzdem nicht führen. Lieber wollte ich zu der Schlussszene vorspulen. Zu der Stelle an der alle glücklich waren. Doch so war das Leben nicht. Man kann es nicht vorspulen. Es funktionierte anders. Dieses Glück musste ich mir erarbeiten, um später mit einem Lächeln sterben zu können. Der Griff ging nach unten, die Tür war offen.
"Also lass uns reden", meinte ich lächelnd, als uns unsere Blicke trafen. Ich liebte ihre Augenfarbe abgöttisch, sie war so besonders. Sie war schöner und spezieller, als alle die ich je gesehen hatte. Manchmal ähnelte sie dem dunkelblauem Ozean und ein anderes mal dem hellblauen Himmel. In diesem Moment sahen sie wie eine Mischung aus beiden aus und das war das schönste von allem.
Ich nahm ihre Hand in meine und zog sie Richtung Couch auf die wir uns setzten. Ich legte meinen Kopf auf ihren Schoß und streckte eine Füße über den Rand der Couch hinaus. "Also warum ziehst du um?" Ihre Hand strich mir übers Haar und sie blickte mir weiterhin in die Augen. Normalerweise hasste ich jemanden so genau anzusehen. Ich bekam dann immer ein ungutes Gefühl und sah weg. Nur bei meinen Freunden funktionierte es teilweise. "Ich halte eine Fernbeziehung nicht mehr aus. Aber diese Idee hat keine Zukunft, ich will dich auch nicht verlassen. Ich halte es ohne ihn aus." Ich setzte mich auf und umarmte sie stürmisch, sodass wir beide fast von der Couch fielen. "Du bist so süß", nuschelte ich in ihr Haar und lächelte so breit und ehrlich, wie zuvor nur bei einem einser in Naturwissenschaften.
Dieses Fach verfolgt mich noch bis heute mit seiner Langeweile. Es war einfach nichts für mich. Vor allem da unser Lehrer immer leicht vom Thema abschweifte, hin zu Mozart und Coca Cola, das anscheinend ein intelligentes Getränk sei. Warum hatte er uns nie erklärt.
"Geh und mach was aus deinem Leben. Ich komm auch so klar." Sie wollte ansetzen etwas zu sagen, doch ich platzierte meinen Finger auf ihrem Mund. "Du würdest mir ewig böse sein und außerdem bin ich glücklich wenn du es bist."  Skeptisch betrachtete sie mich. "Wirklich?" Leise lachte ich und nickte. "Wirklich und jetzt nimm diesen Job an und schreib ihm." Verlegen kratzte sie sich am Hinterkopf und biss sich auf die Unterlippe. "Ich hab noch gar keine Job Zusage, aber ich arbeite daran." "Aber du musst schon nächsten Monat dort sein?" Ich zog eine Augenbraue hoch. "Man, Laska ich vermiss ihn so." Ich schnappte ein Kissen und schlug sie so fest ich konnte. "Du bist so dumm. So was macht man nicht einfach. Denk doch mal nach." Herzhaft lachte sie und schnappte sich ebenfalls ein Kissen um es mir ins Gesicht zu schleudern. Ungefasst wie ich war brachte mich selbst dieses leichte Etwas zu Fall und ihr Lachen wurde noch lauter. Aber nicht mit mir. Ich schnappte es und warf ihr nacheinander beide Kissen in ihr Gesicht. Ihr verdutztes Gesicht war Gold wert. Das Atmen wurde vor Lachen schwer und Tränen sammelten sich in meinen Augen. "Das ist ein toller Plan, für eine gute Zukunft!", schrie sie mir entgegen und schlug mit dem Kissen auf mich ein , bis ich aufstand und vor ihr wegrannte. Sie folgte mir. Mein Haar versperre mir die Sicht, war mir jedoch egal. Ich rannte durch die halbe Wohnung, ohne nach zu denken.
"Ich ergebe mich!", schrie ich als sie mich in die Enge getrieben hatte und hob die Hände hoch. Mein Lachen wurde dadurch auch nicht weniger. "Nein, so leicht ist das nicht. Zuerst sagst du mir was zwischen dir und deinem Chef läuft." "Du überforderst mich. Ich weiß es ja selbst nicht", sagte ich unter Lachen. "Das einzige was ich weiß ist, dass er seltsam ist und mich gefeuert hat, um mich später zu duzen und dann doch wieder zu siezen. Das zwischen uns hat keine, wirklich überhaupt keine Zukunft, aber es tut mir gut. Langsam schließe ich ab."  Sie nickte und schlug dann trotzdem ein letztes Mal mit dem Kissen auf mich ein um es fallen zu lassen und mich erstarrt anzusehen. "Scheiße, ich hab gestern mit ihm Schluss gemacht. Ich muss das jetzt klären." Hecktisch umarmte sie mich und lief zum Flur, um dort ihre Schuhe anzuziehen. "Skype ist wohl das beste", murmelte sie, während ich sie an der Tür angelehnt musterte. Ich wusste nicht ob ich Mitleid haben sollte, schließlich waren es ihre Entschlüsse, die so voreilig gewesen waren.
Als sie ihre Jacke vom Hacken nahm, fiel ihr Blick auf den grauen Nagel in der Wand. "Du bist auf dem besten Weg", meinte sie fröhlich und umarmte mich ein weiteres Mal.
Dann verschwand sie aus der Wohnung.

"Ist sie weg?", fragte Johanna und ich bejahte ihre Aussage, ohne zurück zu blicken. "Ich versteh nicht wie ihr euch mögen könnt. Sie ist so anders." Ich sah über meine Schulter zu ihr zurück und blickte in ihr irritiertes Gesicht, welches mich zum Schmunzeln brachte. "Das meinst du nur, weil du sie noch nicht kennt. Sie hat nur Angst vor dem hier." Ich deutete auf ihren Arm, den sie inzwischen hinter einem Pullover versteckt hatte. "Eigentlich ist sie gleich wie wir, so wie du und ich." Ich trat auf sie zu und streckte ihr meinen Arm entgegen. Sie betrachtete die Narbe und fuhr mir ihrem Finger entlang. "Ist sie echt? Hast du etwa?"
Fassungslos sah sie mich an. "Wie schon gesagt. Wir sind gleich und obwohl Vanessa keine Narbe ziert ist sie trotzdem eine von uns." Ich zog den Arm weg und atmete tief aus. Während sie meinen Arm Betracht hatte, fiel mir der Atem aus. Einfach so.
"Wir gehen morgen und übermorgen, eigentlich die ganze nächste Woche Menschen aus meiner Vergangenheit besuchen. Du musst deswegen keine Angst haben, sie sind alle sehr nett. Aber ich wollte dich nur vorwarnen. Ich fange an abzuschließen." Dankend nickte sie mir entgegen und dann setzten wir uns auf die Couch und redeten. Wir dachten nicht nach und das war das beste was mir machen konnten.

Der Maskenball (Cro Ff)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt