[24] Perfektion

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Flashback

Ich betrachtete meine Arme, sah zu wie das Blut an ihnen herunter tropfte und wie das Gras sich unter ihnen rot färbte. Die Schnitte, die sich über die Arme verteilten, taten höllisch weh. Gleichzeitig kribbelte wegen Ihnen aber auch mein ganzer Körper und sie ließen ein unfassbares Gefühl zurück . Es war unbeschreiblich gut und dann doch so schlecht. Lange sah ich meine Arme einfach nur an, bis ein weißer Verband über sie gelegt wurde und die Schnitte aus meinen Blickwinkel verschwanden.
Dankend sah ich zu Ben hoch und schenkte ihm ein zaghaftes lächeln. Er erwiderte es. Das Rauschen neben meinem Ohr wurde plötzlich zu Worten und diese zu einer Stimme. Er strich über meine Beine. Sie waren der einzige Teil meines Körpers, der frei von diesen Schnitten waren. Der Wind fuhr mir durch mein Haar und ließ sie nach vorne wehen. Ich fühle mich frei und unbesiegbar. Meine Augen gingen langsam zu und Bens Stimme drang endlich zu mir durch. "Was ist passiert?" Mein Mund war trocken, mein Magen drehte sich, mir war so unsagbar schlecht. Das was ich getan hatte war nicht zu verstehen gewesen. Ich öffnete meine Augen und blickte neben mich. Eine Gartenschere lag neben meinen Beinen. Ich zog die Luft tief ein. Es war ein Unfall. Zumindest der erste Schnitt, der zweite war Absicht, der dritte auch, ebenfalls der zwanzigste. "Ich weiß es nicht", stotterte ich. "Da war einfach dieses Gefühl." "Was für ein Gefühl?" Ich schüttelte meinen Kopf. Er verstand nicht was ich meinte. "Es war einfach ein Gefühl. Ich habe wieder gefühlt." Ben strahlte so viel Besorgnis aus. Ich wollte ihm seine Sorgen nehmen. Mir war aber nicht bewusst, wieso ich so fühlte, was passiert war, das es dazu gekommen war, es war einfach da gewesen. All der Kummer und dieses zerstörende Gefühl in mir. "Okay klar du musst es mir nicht sagen." Mein Mund ging auf und ich wollte ihm sagen was mit mir los war, aber egal wie sehr ich es versuchte. Kein Ton kam aus meinem Mund.
Bens Gestalt wurde immer unklarer. Er wurde immer durchsichtiger und dann war er verschwunden und ich alleine auf der Wiese. Das Rauschen fing wieder an, während mein Untergrund verschwand. Irgendwann war ich nur noch umgeben von weiß und diese Leere die diese Farbe ausstrahlte. Ich war ganz alleine. Die Zeit war stehen geblieben.
Bis der Traum ein Ende gefunden hatte und ich meinen ganzer Körper fühlte.

"Du isst nicht sehr viel hab ich recht?", fragte Carlo und drückte meine Hand, die an seiner Brust lag fester. Dabei war diese Frage nicht an mich gestellt worden. "Ich esse genug", beteuerte Lus Stimme und erschüttert über diese Andeutung schüttelte sie ihren Kopf. "Luciana oder?" Er zog mich mit der anderen Hand immer näher zu sich und roch unauffällig an meinen Haaren. Seine Nähe war zu einer Sucht für mich geworden. Seitdem ich von seiner Krankheit wusste, war ich jeden Tag bei ihm gewesen und teilweise auch über Nacht geblieben. Wir hatten solange geredet bis wir einschliefen. Schon eine ganze Woche lang.
"Ich und Laska müssen in die Schule. Ich habe keine Zeit für Vorwürfe." Seine Hände entfernten sich von mir und er schob mich leicht von sich weg um sich an den Rand des Bettes zu setzen und Lu gegenüber zu sehen. "Niemand sagt etwas von Vorwürfen." Ihre Hand ballte sie zu einer Faust und sie ging wütend auf Carlo zu, stoppte dennoch vor ihm. "Sag doch gleich was du denkst. Sag das ich Magersüchtig bin. Denn es stimmt. Verdammt ich habe ein Problem, aber ich fühle mich nun einmal so dick. Sag das ich Hilfe benötige. Wahrscheinlich brauche ich sie wirklich, aber ich werde sie nicht annehmen, weil es mir unangenehm ist. Hör auf mich so anzusehen und ignoriere meine Probleme wie es jeder andere tut." Sein Blick glitt zu mir zurück, er strich mir über die Haare und ich tat weiter so, als würde ich schlafen. Mit zittrigen Beinen stand er auf und schloss Lu in eine Umarmung. Ihr Blick war überrascht, verwandelte sich jedoch ziemlich bald in Erleichterung. "Ich sag es niemanden", verspach ihr Carlo "Mein Vater kann dir möglicherweise helfen. Umsonst, versteht sich und niemand wird davon je erfahren." Carlo ließ Lu los und setzte sich wieder aufs Bett. Seine erste Chemo letztens hatte ihn viel Kraft gekostet. "Auch nicht Laska, du darfst es ihr nichts sagen." Er zögerte mit einer Antwort, wollte gerade ansetzen als ich mich aufsetzte meine Augen rieb und zu Lu hinüber blickte. Unsere Augen trafen sich und am liebsten hätte ich sie in die Arme geschlossen. Ihr gesagt wie leid es mir tat, dass ich ihren Kummer nicht gesehen hatte, stattdessen aber fragte ich nur benommen. "Was darfst du mir nicht sagen?" Ich blickte zu Carlo, der mit seiner Hand über meine Wande strich und mir in die Augen sah. Er glaubte mir kein Stück, dass ich es ernst meinte. "Verdammt", flüsterte er leise, zuckte zurück und räusperte sich um auf die Uhr zu deuten. "Ihr seit zu spät dran." "Ben fährt uns, aber du musst dich trotzdem umziehen", meinte Lu und ich nickte um mir das viel zu große T-Shirt von Carlo über den Kopf zu ziehen und in Carlos Schrank nach einem Pullover suchte. Sodass ich nur mit BH und Leggins da stand. Sein Blick klebte an meinem Körper und mein Kopf errötete leicht. Zwischen uns gab es so etwas normalerweise nicht, unser Verhältnis wurde immer seltsamer. Ich stülpte mir einen weißen Pullover über. Er reichte mir bis zu den Knien. Dann nahm ich eine seiner schwarzen Mützen und setze sie mir auf. Zusammen mit den Boots und meiner Leggins sah es annehmbar aus. Nachdem ich mich fertig angezogen hatte, sah ich ihn in die Augen. Sprachlos sah er mich an. Ich schüttelte meinen Kopf und verschwand im Badezimmer. Ich hatte hier alles was ich benötigte, eine Zahnbrüste und einen Kamm. In dieser Zeit war mir es mir ziemlich egal wie ich aussah. Ich wollte keine Zeit verschwenden.

"Sag es ihr", hörte ich Lus Stimme sagen, als ich wieder aus dem Badezimmer trat. Ich lächelte den beiden entgegen. Sie sahen beide nicht sehr glücklich aus. "Ich fühle mich als hätte ich was verpasst", murmelte ich und sah zwischen Ihnen hin und her. "Ben, wir verpassen Ben wenn wir so weiter machen." Sie zog mich an der Hand aus dem Raum und ließ mir nicht einmal die Möglichkeit mich von Carlo zu verabschieden.
"Läuft da was zwischen euch das ich nicht wissen darf?", fragte ich schmunzelnd, worauf mich ihr Blick beinahe getötet hätte. Es gab zwei Sachen die man ihr nicht unterstellen durfte. Der erste war es Carlo zu mögen, der zweite war es bei einem Test geschummelt zu haben.
Lu lernte, sie schummelte nicht. "Ich muss schon zugeben... er ist ganz okay. Wenn man mit ihm redet. Aber Alaska Waibel klingt um einiges schöner als Carlo Bömer." Ich zog eine Augenbraue hoch. "Dein Mann muss also deinen Name annehmen?" Sie nickte und blieb stehen, als wir endlich vor dem Krankenhaus angekommen waren. Links und rechts von Krankenhaus standen zwei Weihnachtsmänner. Der linke hieß Klaus und der rechte Nico. Zumindestens behaubteten sie es jedes Mal aufs neue. Die beiden waren echt nett und man konnte sich wirklich gut mit Ihnen unterhalten. Aber naja einige Kinder hatten vor ihnen Angst. Nico meinte dazu, dass nur die unartigen Angst haben würden, die braven hätten ja nichts zu befürchten.
"Ich meine wenn er so ein hässlichen Nachnamen besitzt, dann muss er wohl meinen annehmen." Ich stimmte ihr zu, als der schwarze Benz von Ben vor uns zum stehen kam. Er ließ die Fensterscheibe hinunter und deutete uns an einzusteigen. Lächelnd ließ ich mich auf den Beifahrersitz nieder, während Lu es sich hinten bequem
machte. "Guten Morgen, Ladys!", schrie er durch den Wagen und ließ kurze Zeit später das Radio in seiner vollen Lautstärke ertönen. Er war ein nicht sehr gesprächiger Geselle am Morgen, eines aber fragte er jedes Mal aufs neue. Er wollte wissen, ob ich wieder diesen Traum hatte und wie zu oft davor bejahte ich seine Frage. Wir wussten beide nicht, was dieser Traum für einen Bedeutung hatte, aber Ben meinte ich solle so etwas nie machen. Er meinte das er in diese Situation nicht für mich da sein könnte und das ich einfach stark bleiben sollte.
Und ich versprach ihm nicht anzusetzen. Wenn ich gewusst hätte, dass ich es brechen würde, wenn ich nur gewusst hätte wenn ich es brechen würde. Ich hätte mich anders verhalten.

Der Maskenball (Cro Ff)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt