Die Nacht war kalt, jung und wir waren dumm. Mit dem Skatebords in der Hand liefen Leo und Ben nebeneinander her und unterhielten sich mit nur wenigen Worten, während ich einige Meter hinter ihnen her lief. Alles in mir schrie nach Hause zu gehen und mich dort zu verkriechen, in mein Bett zu gehen und dann, naja, dann einfach zu schlafen. Aber nachdem Ben mich weinend unter der Dusche gefunden hatte, meinte er ich solle endlich wieder etwas erleben. Wieder die Person werden, die ich einmal war. Er hatte mich aufgefordert loszulassen. Ben meinte, dass Carlo tot sei, dass er immer tot sein würde und dass ich aufhören sollte in der Vergangenheit zu leben und an etwas Sinnloses festzuhalten. Er hatte mir so viele Wörter an den Kopf geworfen, Argumente gebracht. Jedoch hatte ich ihn nur starr angesehen und war auf dem Boden sitzen geblieben, hatte den nassen Stoff des T - Shirts berührt und die Hotpen, die ich mir bevor ich Leonardo getroffen habe, angezogen hatte, dabei völlig ignoriert. Seine Worte gingen an mir vorbei und verfehlten ihre Wirkung. Doch er wusste was er tun musste und hatte sich neben mich gesetzt, war eine Weile still und hatte mich anschließend gefragt ob ich Johanna sehen möchte. Ich hatte genickt und jetzt befanden wir uns auf dem Weg zu ihr. Ohne Carlos nasses T-Shirt, stattdessen mit Bens großen Pullover der mir bis über die Knie ging und alten Nikes, die mir viel zu groß waren, aber dennoch das Outfit perfekt ergänzten.
"Erkennst du die Straßen?" Carlos Stimme ließ mir eine Gänsehaut aufkommen und ich blickte zur Seite. An der Mauer angelehnt stand er da und lächelte mir entgegen. Wenige Momente blieb ich stehen. Sein Lächeln war so atemberaubend, dass es mich beinahe umhaute. Doch statt ihm Aufmerksamkeit zu widmen lief ich einfach weiter. Bis er meine Hand nahm, sie fest hielt und neben mir her lief. Zwischen den Häusern liefen wir, waren so alleine und hilflos und fühlten uns doch so groß und stark. "Weißt du noch damals? Damals bin ich statt Leo da vorne gelaufen und du hinter uns mit Stella. Erinnerst du wie glücklich wir waren?" Ein Lächeln schlich sich auf meinen Mund und ich nickte. Innerlich zählte ich die Zeit hinunter. 3,2,1..0, schnappte nach Luft, als die Erinnerung mich einholte. Damals bin ich dann auf Bens Rücken gesprungen. Ich hatte so gelacht und Carlo hat mit gelacht. Es war alles so perfekt, dachte ich. "Ich war in den Momenten, in denen du auf Bens Rücken gesprungen bist immer so eifersüchtig", gestand er leise und drückte meine Hand noch fester. In meiner Brustgegend verkrampfte sich alles und abrupt blieb ich stehen. Carlo war nur Einbildung und doch war ich mir nicht sicher, ob diese Worte nicht doch der Wahrheit endsprachen. "Klar, ihr ward nur Freunde gewesen, aber das waren wir auch einmal", setzte er schließlich fort. Unsere Blicke trafen sich und ich sah das Entsetzen in seinen Augen. Leicht fing ich an zu zittern. Ich war so schwach, so traurig und zu tief gesunken. Seine Hand strich über meine Wange. "Ich konnte dir nie das Leben geben was du dir gewünscht hast, aber Alaska ich habe dich geliebt." Seine Wörter ergaben keinen Sinn für mich. Warum war er wieder hier? Warum sagte er mir das? Warum erinnerte ich mich plötzlich an alles wieder? Ich war doch so gut ausgekommen auch ohne diese furchtbaren Träume, ohne diese Schuldgefühle, ohne diese Erinnerungen. Ohne ihn.
Carlos Blick war glasig während er weiter sprach. "Die Engel da oben haben bemerkt, dass du mit etwas kämpfst. Du hast mich nie ganz los gelassen und ihn auch nicht. Aber er ist noch da und ich nicht mehr. Werde wieder glücklich und lass meine Hand los." Mein Mund blieb zu, obwohl ich ihm sagen wollte, dass er meine Hand genommen hatte, dass er sie mir wieder gereicht hatte, dass er daran schuld war das es mir schlecht ging. Wenn er nicht in mein Leben getreten wäre, dann wäre ich nicht jetzt wegen ihm tottraurig gewesen. Möglicherweise würde dann die beste Zeit meines Lebens fehlen, aber war diese Zeit mit ihm das hier Wert? Was war den überwiegend, die Jahre die ich mit ihm erleben durfte oder den Kummer, den er mir nun bereitete? Ich wusste es nicht. "Bist du wirklich da oder pure Einbildung", fragte ich leise in die Nacht, wobei meine Stimme zitterte aus Angst ihn zu verscheuchen. "Ja, Ich bin echt, aber wenn du meine Hand endlich loslassen würdest, dann würdest du nicht mehr von mir Träumen. Dann würde alles wieder so werden wie es immer war." Kurz wendete ich mich von ihm ab, sah Ben mit Leo, die nun beinahe nur noch kleine Punkte in der Ferne waren. Sie waren so weit gekommen, während ich noch fest saß. "Die Geschichte ist doch noch nicht vorbei." Meine Stimme klang fremd und erschrocken zugleich. Sie war so hoch und quietschig, komisch, einfach nur anders als sonst. "Du willst doch nicht wieder vor Augen sehen, wie ich springe?" Fasziniert sah er mich an, hielt mich an den Schultern fest und in diesem Moment kniff ich meine Augen zu. Denn ich wollte tatsächlich ein weiteres Mal sehen wie er sprang, nur um es besser verstehen zu können. Vielleicht wäre ich ja beim zweiten Mal schlauer geworden. Hätte es beim zweiten Mal kapiert wo der Sinn geblieben war. Als ich meine Augen dann wieder öffnete war er dann wirklich nicht mehr da. Wie die zweimal zuvor. Das hieß ich würde ihn noch einmal sehen können.
Vor meinen Füßen war eine Wasserlacke. Sie spiegelte das Licht der Laterne, die über mir hing wieder und ließ mich mein Gesicht trotz der Dunkelheit sehen. Scheinbar alle Falten die sich in ihm befanden bemerkte ich und kam zu dem Entschluss, dass ich wirklich schon alt geworden war seit dem letzten Mal. Schritte näherten sich mir, große aber langsame und plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter, roch wieder seinen Duft. "Leo wollte dich zuerst nicht feuern", beteuerte er leise und setzte fort "Aber dann hat er den Anruf von Carlo ein weiteres Mal angehört und..." Seine Stimme brach mitten im Satz ab. Sie verschwand. Wegen seinem Namen oder der Tatsache, dass auch er mehr wusste als ich? "Er konnte nicht anders ich versteh schon. Es musste wahrscheinlich alles so passieren." Wer konnte schon den Wunsch eines Toten ausschlagen? Ich hätte wahrscheinlich auch so gehandelt.
Immer noch betrachtete ich die Wasserlacke vor meinen Füßen auf den Boden. Eigentlich wollte ich gar nicht mehr von hier gehen, sondern stehen bleiben. Die Nacht genießen, alleine. "Er wollte auch nicht mit deinen Gefühlen spielen", murmelte Ben, wobei er immer leiser wurde. Wahrscheinlich weil dieser Satz auch zu seinem Verhalten gegenüber mir galt. "Ben, ich bin nicht stehen geblieben, weil ich nichts mehr mit euch zu tun haben will, sondern weil ich..." Carlo gesehen habe. Weil ich seine Hand gehalten habe, wahrscheinlich unbewusst immer noch hielt. "Nachdenken musste, über alles." Seine Hand entfernte sich von meiner Schulter. Sekunden wartete ich noch, bis ich mich zu ihm umdrehte und ihm in die Augen sah. "Kannst du noch fahren?", fragte er, wich meinen Augen aus und reichte mir das Bord in die Hand. Unsicher betrachtete ich es. Früher war ich täglich gefahren, der Skateplatz war mein zweites Zuhause gewesen, bis ich mich von Stuttgart verabschieden musste. Danach war ich nie wieder auf ein Bord gestiegen. "Klar." Ich warf das es vor mich auf den Boden und sah es unsicher an. Autos fuhren keine und Menschen, die mich auslachen hätten können waren auch nicht da. Eigentlich perfekt. "Wenn du fällst, fang ich dich." Ich hörte sein Lachen in der Stille und spürte wie er meine Hand in seine nahm. Er hielt mich fest und ich wusste das selbst wenn ich fallen würde,dass Ben da war und mit mir auf den Boden liegen würde. Ich wusste, dass er mit mir lachen würde.
Ich fixierte Leo, welcher in unendlicher ferne Schien, stellte mich aufs Bord und schob mich mit dem einen Fuß an und zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit fühlte ich den Wind in meinen Haaren, ich fühlte mich jung und frei. Das Rollen der Räder hatte etwas Vertrautes an sich und auch Ben der schweren Atems neben mir her rannte, löste etwas Vertrautes in mir aus. Verdammt, ich kannte diese Straßen wirklich, sie führten zu Lucca. Das hieß ich würde ihn bald wieder sehen. Wusste er dass ich wieder hier war? Ich verlangsamte mein Tempo, sodass Ben wieder normal laufen konnte. "Weiß Lucca, dass ich in Stuttgart bin?" Einige Zeit brauchte Ben noch um sich zu fangen, danach jedoch erklärte er mir, dass er keinen Verdacht schöpfte, dass Lucca selbst überfordert war, als sie ihnen Johanna brachten, aber Ben auch wusste, dass Lucca die spannendsten Geschichten mit Carlo erlebt hatte. Zumindest nach uns. Dennoch konnte er wenigstens darüber reden.
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Der Maskenball (Cro Ff)
Romance"Wenn du aufhören würdest daran zu denken, würde es nicht mehr so schmerzen." "Das geht aber nicht. Ich kann nicht." . Ich hielt an der Vergangenheit fest, weil ich Angst vor der Zukunft hatte und die Mas...
