18. Nähe bei Adam und Eve?

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"Oh Harry, ich wünschte, ich könnte dir eine Lösung anbieten. Es tut mir so leid, dich leiden zu sehen." Mit beruhigenden Lauten wiegte sie Harry hin und her, doch davon wurde es nicht wirklich besser, denn nun erinnerte Harry sich noch deutlicher an Louis' Umarmungen.

"Ich weiß nicht wo er ist und ich habe keine Ahnung, wie ich es anstellen kann, ihn wieder zu finden." schluchzte er, ließ Eve los und wischte sich wieder die Augen. So viel hatte er nicht mehr geweint, seit seine Mum gestorben war. Eve seufzte und schien einen Augenblick nachzudenken, dann sagte sie mehr zu sich selbst, als zu Harry: "Früher, als Adam und ich noch junge Vampire waren, reisten wir ab und zu allein durch die Welt. Immer, wenn die Sehnsucht nacheinander zu groß wurde und wir einander so heftig vermissten, dass es kaum noch auszuhalten war, gelang es uns im Traum eine Verbindung aufzubauen. Wie genau das funktionierte, kann ich dir leider nicht sagen, aber es führte dazu, dass wir wussten, dass wir einander treffen mussten. Immer wenn ich Adam im Traum sah, habe ich mich auf den Weg zu unserem Treffpunkt gemacht. Und er war jedes Mal dort, weil er mich im Traum gesehen hatte und wusste, dass ich ihn suchte."
"Hattet ihr denn immer denselben Treffpunkt?", fragte Harry und als Eve nickte, jammerte er: "Louis und ich haben so etwas aber nie festgelegt. Und außerdem schläft er nicht, also selbst, wenn ich es schaffen sollte, zu schlafen UND von ihm zu träumen, käme doch meine Nachricht nie bei ihm an." So lieb Eves Vorschlag gewesen war, Harry erschien er völlig unrealistisch. Louis hatte, seit Harry ihn kannte, noch nie geschlafen. Wieso sollte er es also gerade jetzt tun?

Eve gähnte und fuhr sich mit der Hand durch das verfilzte Haar, dann erhob sie sich: "Du solltest es trotzdem versuchen. Eine andere Möglichkeit wird dir kaum bleiben." Sie drückte seine Hand. "Schlaf gut, Harry."

Die Sonne schien nun in das Turmzimmer und Harry blickte abwesend auf die Öffnung der Falltür durch die Eve verschwunden war. Draußen konnte er Vögel zwitschern hören und der Wind rauschte, als er sich in den Blättern der Bäume verfing. Damit er nicht wieder in Tränen ausbrach, packte Harry das Foto von Louis schnell zurück in den Rucksack und legte sich dann hin. Vielleicht sollte er wirklich versuchen zu schlafen.

Allerdings war er sich nicht sicher, ob er das überhaupt noch konnte. Wie hatte er als Mensch Schlaf gefunden? Lag man einfach so lange herum, bis einem die Augen zufielen? Er konnte sich nicht mehr daran erinnern und fuhr sich mit beiden Händen durch die dunklen Haare.

Louis hatte ihm ab und zu den Kopf gekrault, als er noch ein Mensch gewesen war. Vielleicht würde das den Schlaf ein wenig erleichtern. Er machte sich ganz klein, legte eine Hand auf seinen Kopf und strich sich vorsichtig über die Kopfhaut, wie es Louis immer gerne tat, weil er seine Locken so mochte.
Ganz von selbst wurden Harrys Augenlider schwer und er schloss sie, um die Sonne nicht mehr sehen zu müssen. Sofort stellte sich ein Gefühl der Schwerelosigkeit bei ihm ein und das Bett schien ein wenig zu schwanken. Sein Körper fühlte sich müde und ausgelaugt an – zum ersten Mal seit langer Zeit. Harry zog sich die Wolldecke über den Kopf. Die Welt wurde ausgesperrt und er war allein mit sich selbst. Kein Geräusch drang mehr an seine Ohren und ohne es wirklich zu realisieren, sank er in den Schlaf.

Schnelle Schritte, hektisches Atmen. Er rannte so schnell es ihm möglich war, doch schien es Harry, als käme er nicht voran. Der Holzboden gab seine Schritte laut wieder und sie waren durch das ganze Theater zu hören. Er rannte um sein Leben und wusste doch genau, dass es nichts bringen würde, denn William würde ihn sowieso einholen. Zwar konnte er den Poeten noch nicht hinter sich hören, doch als Vampir konnte er sich sicherlich ohne jegliches Geräusch an ihn heranpirschen. Schwer atmend stieß er eine Tür auf und fand sich auf der Bühne des Globe Theaters wieder. Wenn er die Zeit gehabt hätte, würde er den Anblick des leeren Saals sicherlich genießen, doch er war auf der Flucht und von Louis keine Spur. Nach ihm zu rufen, wäre zu gefährlich und so blieb Harry nichts anderes übrig, als sich gehetzt umzuschauen und darauf zu warten, dass William aus dem Schatten brach und sich auf ihn stürzte.
Der Saal war nur spärlich beleuchtet und es gab viele Möglichkeiten, sich zu verstecken. Mit Anlauf sprang Harry von der Bühne und landete auf dem mit Sägespänen ausgestreuten Boden. Kurz strauchelte er und stolperte dann hinter eine Säule, die im Schatten stand und kauerte sich zusammen. Vielleicht fand William ihn hier nicht und Louis würde es vor ihm schaffen, Harry hier herauszuholen. Vorsichtig lugte er um die Säule herum, um zu sehen, ob William vielleicht schon aufgetaucht war, doch er hatte sich gerade einen Millimeter bewegt, als ihm zwei starke Hände von hinten packten. Vor Schreck blieb ihm beinahe das Herz stehen und er spürte, wie er bäuchlings auf den Boden gedrückt wurde. "Du kannst mir nicht entkommen, nicht solange du dich in meinem Theater befindest." Der heiße Atem des Vampirs traf auf seine Haut und Harry versuchte sich erfolglos zu wehren. Doch es war, als hätte man ihn in Beton gegossen. Der Vampir war einfach zu stark. "Ich werde nicht zulassen, dass du mein kleines Geheimnis verrätst", fauchte er in sein Ohr und drückte ihm die Knie gegen die Arme, sodass Harry sich unmöglich befreien konnte. Nun hatte er die Hände frei, zerriss ihm das T-Shirt und drückte ihm den Kopf gewaltsam zur Seite. Der Schmerz, der seinen Körper durchzuckte, war so heftig wie er noch nie einen Schmerz erlebt hatte und Harry trieb es die Tränen in die Augen.

Wo war Louis?

Er wollte nach ihm rufen, doch seine Stimme versagte und so musste er es zulassen, spürte, wie das Blut seinen Körper verließ und mit ihm die Kraft. Er wurde immer schwächer und sank nach und nach in dunklen Nebel hinab, die rasiermesserscharfen Zähne noch immer in seinem Hals. Er würde hier sterben und Louis niemals wieder sehen.

Urplötzlich öffnete er die Augen.

Die Sonne ging unter und tauchte das Zimmer in ein warmes Orange. Es roch nach Regen und Harry setzte sich verwirrt auf.  Wo er war konnte er nicht sofort sagen: zuerst musste er sich umsehen und mit jedem Gegenstand, den er zu Gesicht bekam, kehrte seine Erinnerung zurück.

Es war nur ein Traum gewesen, doch seine Hand zitterte trotzdem heftig, als er sich die Haare aus dem Gesicht wischte. Wenn Louis hier wäre, hätte er ihn jetzt in den Arm genommen, um die Gedanken an den Albtraum zu vertreiben. Wieso musste er denn ausgerechnet beim ersten Schlaf von seiner Verwandlung träumen? Weil ihm keine andere Möglichkeit einfiel und er jetzt einfach Nähe brauchte, stand er auf und ging zu der Falltür hinüber. Leise kletterte er die Leiter hinunter und gelangte so in das Zimmer von Eve und Adam.

Die beiden lagen in dem großen Bett. Soweit Harry erkennen konnte, waren sie komplett nackt und ihre Körper so ineinander verschlungen, als seien sie ein menschlicher Knoten. Adam umklammerte Eves Unterschenkel, den sie über seine Seite gelegt hatte und beide hatten die Augen fest geschlossen. Im Abendlicht, das auch in ihr Zimmer fiel, hatten sie beinah eine menschliche Hautfarbe. Zögernd blieb Harry auf der untersten Sprosse stehen. Sollte er sich einfach zu ihnen legen? War das angebracht, oder würde Adam ihn dafür rügen, dass er sich so in ihre Privatsphäre einmischte? Doch sie waren so viel älter als er; sowohl als Vampire, als auch als Menschen und Harry brauchte die tröstende Nähe eines Erwachsenen.

Trotzdem zögerte er.

Umzug mit Folgen IIWo Geschichten leben. Entdecke jetzt