23. Essen im Pub

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"Ich sehe mal nach Eve." Adam stand auf, klopfte Harry recht freundschaftlich auf die Schulter und verschwand wieder nach draußen. Harry blieb allein zurück und starrte in die Flamme der Kerze, die im Luftzug des Fensters ein wenig hin und her flackerte.

Wie kurios, dass er ausgerechnet auf einen Vampir traf, der seinen Schöpfer gekannt hatte. Die Chancen, dass das passierte gingen vermutlich gegen Null und Harry beschloss, Louis davon zu erzählen.

Wenn er ihn denn wieder fand.

Der Gedanke versetzte ihm wieder einen schmerzhaften Stich, doch er versuchte sich nicht gleich davon herunter ziehen zu lassen und blickte zu den Lichtern der Häuser hinüber. Hier herumzusitzen, schien ihm total unnötig zu sein und er kam sich vor, als würde er sich eine Pause erlauben, die ihm nicht gegönnt war. Er sollte draußen sein und versuchen die Fährte von Zayn und Louis wieder aufzunehmen, das war das eigentliche Ziel und er durfte es nicht aus den Augen verlieren. Ganz in Gedanken, wandte er sich vom Fenster ab und ging durch das Schlafzimmer zurück in den langen Flur.
Beinahe wäre er an seinen beiden Begleitern vorbeigelaufen, die auf der oberste Treppenstufe saßen und hinunter in die Eingangshalle blickten. Sie hatten die  Finger verflochten und es sah aus, als sei es bei ihnen eine ganz natürliche Haltung – wobei das nach 900 Jahren vielleicht auch tatsächlich der Fall war.

"Hallo Harry", sagte Eve, ohne sich umzudrehen. "Adam und ich überlegen gerade, ob wir einen kleinen Ausflug ins Dorf machen wollen...wir haben Hunger."  "Eve, das hättest du nicht so direkt sagen dürfen",bemerkte Adam und Harry konnte hören, dass er mild lächelte, während er sprach: "Er steht doch nicht so auf Menschen." Harry schluckte. Sie hatten wirklich vor, einen Menschen zu töten. "Wir töten nicht...nicht immer," Eve schien seine Gedanken erahnt zu haben, "machmal reichen einige Schlucke aus, um uns satt zu machen. Von zuviel Blut bekommt man sowieso Bauchschmerzen, also mach dir keine Gedanken. Wir nehmen weder Leben, noch erschaffen wir neues. Das Dorf liegt ganz in der Nähe. Willst du nicht mitkommen? Dann kannst du dich selbst davon überzeugen, dass wir nichts Schlimmes tun." Eve wandte sich zu ihm um und musterte Harry beinahe herausfordernd. Er schwieg und zögerte. "Du hast kein Recht dazu, uns zu verurteilen, bevor du uns nicht einmal begleitet hast", legte sie nach und gegen dieses Argument hatte Harry nichts entgegen zu setzen und nickte schließlich. "Na gut, ich komme mit."
"Hervorragend, dann können wir ja los. Ich verhungere sonst noch und es ist nicht einmal sicher, ob wir überhaupt Jemanden finden." Adam klatschte in die Hände und wirkte voller Tatendrang, dann stand er auf und zog Eve hinter sich her, die Treppe hinunter.

Die drei kletterten durch ein Fenster im Erdgeschoss und schlugen dann den Weg zum Dorf ein. In menschlicher Geschwindigkeit wären sie sicherlich eine Stunde unterwegs gewesen, doch sie rannten und hatten die ersten Häuser bereits nach 10 Minuten erreicht.

Das Dorf war größer, als es von weitem den Anschein gehabt hatte und die Drei gingen gemächlich die Hauptstraße entlang und ihre Schritte verursachten fast kein Geräusch auf dem Kopfsteinpflaster.

Aus den Fenstern rechts und links fiel warmes Licht auf den Boden und dumpfe Stimme waren zu hören. Menschen saßen zusammen, genossen die Wärme der Kamine und das Kerzenlicht, das die Dunkelheit nach Draußen verbannte, ohne zu wissen, dass im Schatten, den die Kerzen nicht vertreiben konnten, drei Vampire standen.

Adam trat näher an die Scheibe heran, die zu einem Pub gehörte. "Pass auf, dass man dich nicht sieht", sagte Harry. "Man sieht ihn nicht. Draußen ist es so dunkel, dass sie sich selbst in der Scheibe spiegeln und man nicht sehen kann, was draußen vor sich geht", erklärte Eve ihm flüsternd und sie sahen Adam zu, der jetzt nur noch eine Armlänge vom Glas entfernt stand und hineinblickte. Suchte er ein potentielles Opfer aus?

Harry schlang sich die Arme um den Oberkörper und kniff die Lippen zusammen. Tiere zu jagen war ihm immer noch lieber.

"Ich gehe rein. Wartet ihr hier auf mich?", fragte er und Eve nickte. Harry fiel auf, dass sie beim Anblick der Menschen blasser und eingefallener wirkte und ihre Pupillen riesig geworden waren. Sie wirkte, als sei sie kurz vor dem Verhungern. "Komm, wir ziehen uns ein wenig zurück. Oder willst du gerne sehen, wie Adam jagen geht?", fragte sie. Zu leugnen, dass ihn das nicht interessierte, wäre gelogen gewesen und so ließ Eve Harry am Fenster stehen, während sie einige Schritte zurückging und in den Schatten verschwand.

Ein Blick in das Pub zeigte Harry, dass Adam sich an einem kleinen Tisch in der Ecke niedergelassen hatte und mit den Augen einer junge Frau folgte, die hier als Bedienung zu arbeiten schien. Sie war gut genährt, hatte weiche Rundungen und zog so den Blick vieler Männer auf sich, wenn sie zwischen den Tischen hindurch ging, um die Bestellungen zu bringen. Adam hatte sich zurückgelehnt und taxierte sie regelrecht. Irgendwann schien sie ihn zu bemerken und kam zu seinem Tisch um auch dort eine Bestellung entgegen zu nehmen. Was aber geschah, als sie sich vorbeugte, um Adam im Lärmen des Pubs verstehen zu können, war faszinierend: Harry konnte nicht hören, was der Vampir zu ihr gesagt hatte, doch sie tänzelte mit einem verträumten Gesichtsausdruck zurück hinter die Bar. Vielleicht hatte er es geschafft, sie mit Worten so um den Finger zu wickeln, dass sie bereit war, nach Feierabend mit ihm zu gehen, überlegte Harry.

Das Treiben im Pub ließ kaum merklich nach, doch irgendwann waren nur noch wenige Gäste da und das Klingeln einer Glocke kündigte die letzte Runde an.

Als schließlich alle das Pub verlassen hatten, war Adam mit der Frau allein und Harry, der sich vor der Fensterscheibe vorkam, wie ein Stalker, wurde regelrecht nervös. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt und er drückte die Nase gegen die kleinen Fensterscheiben, die sich zusammen zu einer großen Scheibe verbanden, um besser sehen zu können. Die Fugen des Fensters waren nicht ganz dicht und weil es im Pub nun still war, konnte er die Unterhaltung der beiden gut verstehen.

"Tut mir wirklich leid, dass ich dich so offensiv angesprochen habe, aber irgendwie hattest du eine unerklärliche Anziehungskraft auf mich", sagte Adam und zog den Stuhl neben sich zurück, damit sie sich setzen konnte. "Oh, das bekomme ich hier viel zu hören, aber du bist der bisher hübscheste Mann, der mich anspricht", antwortete sie und Harry hörte an der Art und Weise, wie sie sprach heraus, dass sie nicht die hellste Kerze im Leuchter zu sein schien. "Oh, das schmeichelt mir", gab Adam zurück und bedachte sie mit einem hungrigen Blick, den die Bardame als lüstern deutete und nervös kicherte. "Ich bin nur auf der Durchreise...wie schade...so ein hübsches Täubchen sieht man nicht in jedem Dorf."

Er ergriff ihre Hand und zog sie ein wenig näher an sich heran. Eve war neben Harry aufgetaucht und sah ihrem Partner dabei zu, wie er eine andere Frau umgarnte. "Er macht das wirklich gut", hauchte sie und wandte dann den Blick ab. "Wie kannst du das zulassen? Ich wäre total neidisch, wenn..."
"So beißen die Frauen am leichtesten an", unterbrach Eve ihn sachlich und nickte zu Adam hin. Harry folgte ihrem Blick: der Vampir hatte die Frau komplett um den Finger gewickelt und hielt sie an den Händen. Sie schien in seinem Blick zu versinken und er senkte den Kopf, als wollte er sie küssen, doch seine Lippen glitten leicht geöffnet an ihrem Hals entlang. Sie quietschte kurz, als er zubiss und sackte dann zusammen. Vorsichtig legte Adam sie auf dem Boden ab, hob dann den Kopf und sah direkt zu ihnen hin. "Es ist angerichtet", sagte er und leckte sich einen hellen Blutstropfen von der Lippe.

Umzug mit Folgen IIWo Geschichten leben. Entdecke jetzt