24. River flows in you

1.5K 279 62
                                        

Da knieten sie nun auf dem ausgetretenen Holzboden des Pubs und beugten sich über den Körper der Bardame. Harry hatte die Tür verriegelt und das Licht gelöscht. Sie konnten auch im Dunkeln noch genug erkennen.

Adams Biss schien die Dame in eine Art Ohnmacht versetzt zu haben und sie lag reglos da. An ihrem Hals gab es nur zwei kleine Löcher und Eve trank als erste vom Blut der Frau. Harry konnte den metallischen Geruch riechen und ihm lief das Wasser im Munde zusammen, obwohl er versuchte, sich dagegen zu wehren.

Sein Hals begann unangenehm zu kratzen und er fühlte sich mit einem mal so schwach, als ob er seit Wochen keine Nahrung mehr zu sich genommen hätte. Seine Beine kamen ihm so kraftlos vor, dass er befürchtete, nie wieder aufstehen zu können. Eve trank nicht viel, doch es schien auszureichen, denn als sie sich wieder aufrichtete, machte sie einen satten Eindruck. Nach ihr beugte sich Adam über die Frau und setzte die Lippen auf die weiche Haut. Mit jedem Schluck, der in die Kehle des Vampirs rann, wurde Harrys Hals kratziger. Als sich auch Adam mit einem genüsslichen Seufzer aufrichtete, sah er ihn auffordernd an: "Und, wie siehts aus? Willst du nun etwas abhaben? Komm, jetzt stell dich nicht so an. Sie ist bewusstlos, wird keine Schmerzen haben und sich später einfach nur ein wenig benommen fühlen. Du richtest keinen Schaden an, wenn du etwas trinkst."

Ohne es richtig kontrollieren zu können, beugte sich Harry nach vorn. "Na also, es geht doch", meinte Adam und drückte den Kopf der Bardame ein wenig zur Seite, sodass die offenen Bissspuren deutlich zu erkennen waren. Der Blutgeruch sorgte mittlerweile dafür, dass Harry eine Art Tunnelblick bekommen hatte. Es schien unmöglich, die Aufmerksamkeit noch auf etwas anderes richten zu können.

Der erste Tropfen Blut hatte kaum seine Zähne berührt, da fühlte Harry schon, wie sie sich rasiermesserscharf in das Fleisch bohrten und ein tiefes Grollen entfuhr seiner Kehle. Noch nie zuvor hatte er einen derartigen Laut von sich gehört und hätte sich sicherlich vor sich selbst erschreckt, doch der Durst war zu groß und es kümmerte ihn nicht. Jetzt wusste er, wieso es Louis kaum gelungen war, aufzuhören, als er sein Blut das erste Mal geschmeckt hatte. Er fühlte sich, als bekäme er nach einer längeren Hungersnot endlich wieder etwas zu essen und trank in gierigen Schlucken.

"Harry, du solltest langsam aufhören, sonst wird es die gute Dame morgen sicherlich bemerken", hörte er Adams Stimme weit hinten in seinem Kopf, doch er reagierte nicht darauf. Zu köstlich war der Geschmack auf seiner Zunge. Irgendwann packte ihn mit einem mal eine kräftige Hand und zog ihn mit leichter Gewalt von der Bardame weg. Er krallte sich an der Kleidung der jungen Frau fest, sodass sie zerriss, wollte nicht von ihr ablassen, doch Adams Griff war stärker und er zerrte Harry nun endgültig zurück.

Rücklings fiel er um und rappelte sich wieder auf. Kaum hatte er keinen Blutgeschmack mehr im Mund, schienen seine Sinne wieder normal zu sein und der Tunnelblick war verschwunden. Trotzdem war er noch etwas benommen. Nie zuvor hatte er Blut direkt aus einem Menschen getrunken. Es war fast so, als ob man immer unreife Bananen aß, nur um dann zum ersten mal eine reife zu kosten: unvergleichbar und neuartig. Wenn er an das Tierblut dachte, dass er in den letzten Jahren getrunken hatte, war ihm fast schlecht. Im Vergleich zu dem Menschenblut schien das der Tiere muffig und fahl zu schmecken.

Eve verschloss die Bisswunde am Hals ihres Opfers, indem sie mit der Zunge darüberleckte und die Haut wie durch ein Wunder wieder heilte. Nicht mal mehr ein Bluterguss blieb übrig. "Lass uns hier verschwinden. Sie wacht sicherlich gleich auf", raunte Adam, zog Harry auf die Beine und öffnete dir Tür des Pubs einen Spalt breit, um hinaus zu sehen, ob die Luft rein war. Offenbar war Niemand auf der Straße und die drei schoben sich hinaus in die kühle Nacht.

Ohne viel Lärm zu machen, huschten sie zwischen den Häusern hindurch in eine Seitenstraße und machten sich von dort aus auf den Weg zurück zur Burg. Harry war hin und her gerissen: er fühlte sich endlich wieder richtig bei Kräften, was sicherlich an dem menschlichen Blut lag, das er getrunken hatte. Endlich wieder im vollen Vermögen seiner körperlichen Kraft zu sein, war wunderbar. Gleichzeitig fragte er sich aber, was Louis wohl sagen würde, wenn er wusste, dass Harry ihren Vorsatz, keinen Menschen zu beißen, gebrochen hatte. Schulgefühle stiegen in ihm hoch und er versuchte seine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, während sie durch den Wald zurück zur Burg gingen.

"Was wollen wir denn mit der angebrochenen Nacht noch anstellen?", fragte Harry, als sie durch die große Eingangshalle hindurch gegangen waren und den leeren Ballsaal betraten.

Der Mond schien durch die großen Fenster hinein und erst jetzt bemerkte Harry ein Klavier, das an einer Wand stand. Es war mit einem weißen Leinen abgedeckt und ihm bisher nicht aufgefallen. Staub wirbelte durch die Luft, als er das Tuch schwungvoll beiseite zog und das Mondlicht sich in dem glänzenden, schwarzen Lack spiegelte. "Unglaublich, dass es noch hier steht", murmelte Eve und strich mit einer Hand über die glatte Oberfläche, während sie um das Instrument herumging. Harry wurde von den Tasten nahezu magisch angezogen und setzte sich auf den Hocker davor. Er schob sich die Ärmel zurück und legte die Hände auf die Tasten und schloss die Augen.

Wie lange hatte er nicht mehr Klavier gespielt, es war sicher ein Jahrhundert her. Ob er es noch konnte? Louis hatte es ihm beigebracht, als Harry anfangs nichts mit der vielen Zeit anzufangen gewusst hatte, die ihm als Unsterblicher gegeben war. "Dann musst du eben etwas neues lernen", hatte Louis vorgeschlagen und ihm in den folgenden Monaten das Klavierspielen beigebracht.

Mit den Gedanken vollkommen bei Louis, blendete Harry seine Umgebung vollkommen aus und seine Finger schienen noch genau zu wissen, was sie tun sollten. Selbstständig spielten sie eine Melodie, die er immer mit Louis gespielt hatte. Das Lied war damals groß in Mode gewesen und hieß "River flows in you" Harry liebte es. Seine Hände schienen die Noten noch spielen zu können und er musste keine Sekunde nachdenken.

"Das ist ein sehr schönes Lied", bemerkte Eve, schien allerdings mehr mit sich selbst zu sprechen. Adam trat an sie heran, zog sie am Arm in die Mitte des Raumes und begann mit ihr zu tanzen. Harry beachtete sie nicht. In seinem Kopf durchlebte er die schönsten Momente mit Louis noch einmal und gab sich völlig der Sehnsucht hin, die er nach ihm verspürte.

So bemerkte Harry gar nicht, dass der Mond immer blasser wurde und nach und nach die Morgensonne den Horizont erhellte. Erst, als Eve ihm eine Hand auf die Schulter legte, zuckte er zusammen und beendete das Lied ziemlich unschön mit einem schiefen Ton. "Du vermisst ihn sehr", sagte sie und griff nach seinen Händen, setzte sich neben ihn auf den Hocker und sah Harry an: "Ich werde mit Adam sprechen. Vielleicht hat er eine Idee, wie wir dir helfen können, deinen Geliebten wieder zu finden. Aber jetzt sollten wir ins Bett gehen, es wird schon hell und du hast die ganze Nacht gespielt."

Hatte er wirklich so lange am Klavier gesessen? Unglaublich, wie schnell die Zeit verging, wenn man seinen Gedanken nachhing. Mechanisch stand Harry auf und ging mit Eve hinauf ins Turmzimmer. Adam lag schon auf dem großen Himmelbett, als sie die Tür öffneten und nickte Harry zu, bevor er die Leiter hinaufstieg, um in "sein" Zimmer zu kommen. "Adam, ich muss noch etwas mit dir besprechen", hörte Harry Eve sagen.

Er legte sich auf sein Bett, drückte Louis Foto an seine Brust und schloss dann die Augen. Vielleicht träumte er ja heute von ihm....

Umzug mit Folgen IIGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt