19. Ein Abend in Blackness Castle

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Louis POV:

In Blackness Castle schlug Louis die Augen erst wieder auf, als die Sonne bereits sank. Verwundert setzte er sich auf und sah sich blinzelnd um. Es dauerte eine ganze Weile, bis er realisiert hatte, wo er sich überhaupt befand. Der Schlaf war erholsam und traumlos gewesen und hatte ihn alles vergessen lassen, was passiert war. Eine sehr angenehme Erfahrung, die er sicherlich in Zukunft ab und zu nutzen würde, um den Kopf ein wenig ruhig zu bekommen. Allerdings schien es Louis, als prasselte die Erkenntnis, Harry verloren zu haben, nun noch heftiger auf ihn ein und die unangenehme Leere in ihm verstärkte sich mit jeder Sekunde erneut. Doch immerhin war die Müdigkeit verschwunden und das allein machte die ganze Situation ein bisschen besser.

Außer ihm war niemand im Zimmer. Zayn und Liam waren sicherlich gegangen, nachdem er eingeschlafen war. Louis strich mit der flachen Hand über den seidenen Stoff der Bettdecke und schwang die Beine über die Bettkante um aufzustehen. Jetzt, wo er stand, konnte Louis einen Blick aus dem Fenster werfen: die Sonne ging über dem Meer unter und die sonst so stahlgrauen Wellen glänzten golden, als sich das Licht auf der Oberfläche brach. Eigentlich hätte er gerne etwas vom Tag mitbekommen, um die Burg in ihrer vollen Pracht sehen zu können, doch das hatte er wohl verschlafen.

Ein stechender Schmerz in der Kehle zeugte ebenfalls von seinem langen Schlaf und er versuchte durch mehrmaliges Schlucken seinen Hals ein wenig zu befeuchten. Es klappte nicht und er musste wohl oder übel nach einem Schluck Blut suchen. Sicherlich hatte die Kaiserin einige Vorräte. Also verließ Louis das Schlafzimmer.

Weil er sich in der Burg noch nicht auskannte, führte ihn sein Weg zurück ins Esszimmer. Dort war jedoch niemand anzutreffen. Allerdings stand eine doppelte Flügeltür offen, die in ein großes Wohnzimmer führte. Liam saß auf einer zitronengelben Couch, deren Stoff kunstvoll bestickt war und blätterte in einem Fotoalbum. Von Zayn waren nur die Strümpfe zu sehen: er lümmelte sich in einem Sessel und hatte die langen Beine über die Armlehne gehängt. Als Louis näher kam durfte er wieder einmal feststellen wie gut Zayn aussah. In dieser Pose hätte er genauso gut in eine Modestrecke der Vogue gepasst. Seine dunklen Haare fielen ihm in die Augen, die abgeranzte Jeans saß hauteng und bildete zusammen mit seiner punkigen Kleidung einen krassen Kontrast zu dem baroken Sessel. Louis fragte sich, wieso er sich immer wieder von Zayns Aussehen überraschen ließ, schließlich hatte er schon immer auf eine irritierend, verstörende Art attraktiv ausgesehen.

"Lou, du weilst ja wieder unter uns. Hat das Dornröschen gut geschlafen?", fragte Zayn, nachdem er ihn bemerkt hatte und lächelte ihn freundlich an. Louis ließ sich neben Liam auf die Couch fallen und lehnte sich in den prallen Polstern zurück: "Ja und es hat echt gut getan. Habt ihr denn nicht geschlafen?"
"Nee, wir haben nur ein wenig gechillt", sagte Zayn etwas gelangweilt und streckte sich ausgiebig. Raschelnd blätterte Liam eine Seite in dem Album um und Louis warf einen Blick auf die kleinen Bilder, die in der Mitte einer jeden Seite klebten. Jedes zeigte die Kaiserin. Alle Bilder kannte Louis, denn immerhin hatte es zu ihren Lebzeiten nicht wirklich viele Fotografien von ihr gegeben, doch es waren auch einige Bilder dabei, die deutlich jünger waren. Offenbar war Elisabeth auch nach ihrem Tod noch durch die Welt gereist. Um sich zu tarnen, hatte sie ihre sonst so typische Frisur aufgelöst und trug die Haare immer anders.

"Wieso schaust du das an?", fragte Louis und Liam zuckte mit den Schultern: "Es lag hier rum und ich war neugierig." Er klang betont lässig dabei und Louis fiel auf, dass Zayn sich offenbar sehr beherrschen musste, nichts zu sagen. Er hatte die Kiefer so fest zusammen gepresst, dass sich eine Sehne deutlich abzeichnete. "Hab ihr eigentlich schon was gegessen? Ich habe richtig Durst und könnte was vertragen", versuchte Louis die Spannung, die sich im Raum gebildet hatte, ein wenig aufzulockern. Zayn seufzte tief und wandte sich Louis mit ausdruckslosem Gesicht zu: "Wir auch. Und deswegen sitzen wir auch schon den halben Tag hier herum. Wir haben auch Durst und hätten die Kaiersin schon längst gefragt, aber sie ist seit - " Zayn drehte sich zu der großen Standuhr um, "vier Stunden in ihrem Schönheitssalon und kümmert sich um ihre Haut und die Haare und da sie dazu offensichtlich ihren Butler braucht, kommen wir nicht in die Küche hinein, die ist nämlich abgeschlossen." Der dunkelhaarige Punk klang verächtlich und es schien ihm ganz und gar nicht zu passen, dass er auf sein Essen warten musste. Liam klappte das Fotoalbum zu und blickte Zayn auf eine Art und Weise an, dass Louis sofort wusste, dass sie dieses Thema heute bereits mehrmals ausdiskutiert hatten. "Zayn, du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dass die Kaiserin ihren Tagesablauf nur wegen uns ändert. Wir sind Gäste in ihrem Haus und haben uns nach ihr zu richten", sagte er rechthaberisch und Zayn zog die Augenbrauen hoch. "Das war vielleicht 2016 so. Aber zu meiner Zeit, im viktorianischen Zeitalter, tat man alles, damit sich Gäste bei einem wohlfühlten. Elisabeth ist einfach nur egoistisch." Liam schien es bei diesen Worten zu viel zu werden, denn er feuerte nun endgültig zurück und Louis wünschte sich wieder einmal, die beiden könnten etwas harmonischer miteinander umgehen.

"Nur, weil sie sich um sich selbst kümmert, soll sie egoistisch sein?" Liam klappte das Fotoalbum laut zu und legte es zurück auf den Beistelltisch, der neben der Couch stand. "Sie muss sich nicht um sich kümmern Liam! Als Vampir muss sie weder Falten vorbeugen, noch trockene Haut pflegen. Louis, jetzt sag doch auch mal was." Das hatte er am wenigsten gewollt, jetzt auch noch in den Streit mit reingezogen zu werden und hob abwehrend die Hände: "Bitte lasst mich dabei aus dem Spiel. Ich kenne Elisabeth nicht gut genug, um über sie urteilen zu können." Der Blick, den er dafür von Zayn einkassierte, hätte töten können.

Natürlich wusste Louis, dass Zayn jetzt böse war, weil er sich nicht auf seine Seite schlug. Als sich Liam nun wieder zu Wort meldete, klang er ein wenig friedlicher, ja fast schon etwas hoffnungsvoll, denn er sagte: "Ich glaube ja, dass mehr hinter ihr steckt, als sie zeigen will."
"Ach und du bist sicherlich derjenige, dem sie ihr Innerstes offenbaren wird." Zayn schüttelte sich die dunklen Haare wieder aus den Augen, sah Liam mit einem noch wütenderen Blick an als Louis, doch gleichzeitig wirkte er sehr enttäuscht. Mit schnellen Schritten stampfte er aus dem Wohnzimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Louis sah ihm nach; Wäre es nicht eigenlich an ihm gewesen, wütend zu sein? Immerhin hatte er Harry verloren. Doch wie es schien war er momentan hier im Raum der einzige bei klarem Verstand.

Und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen!

Zayn war eifersüchtig auf Elisabeth!

Sofort, nachdem er diesen Gedanken gefasst hatte, sprang Louis von der Couch auf um Zayn zu folgen.

Umzug mit Folgen IIWo Geschichten leben. Entdecke jetzt