Harry hatte stundenlang vor der Tür des Pubs gewartet und zu seiner Überraschung waren seine Begleiter früher, als gedacht wieder heraus gekommen.
„Was ist passiert? Wieso kommt ihr jetzt schon? Es sind doch noch nicht alle gegangen", fragte er verwirrt, als die beiden direkt auf ihn zukamen und er rasch vom Boden aufstand. Harry hatte sich an die Hausmauer angelehnt um zu warten. „In diesem Pub gibt es keine Sperrstunde. Die Leute machen keine Anstalten zu gehen und so dringend brauchen wir keine Nahrung. Wir hielten es für sinnvoll, so wenig Zeit wie möglich zu verlieren und immerhin kennen wir in London genug Leute, die uns versorgen können", erklärte Adam und wartete tatsächlich darauf, bis Harry aufgestanden war und neben ihnen stand, bevor er losmarschierte. „Wen kennt ihr denn in London? Gibt es dort viele Vampire?" Harry fragte sich, was das wohl für Leute waren, die andere Vampire mit Blut versorgen konnten. Ein Krankenhaus war es mit Sicherheit nicht.
Die Antwort auf diese Frage bekam er von Eve, die leise sprach, während sie sich mit schnellen Schritten vom Pub entfernten: „Richard ist ein guter Freund von uns. Adam und ich haben ihn damals während der großen Pest 1665 kennengelernt. Wir waren zu der Zeit in der Stadt und weil die Lage immer brenzliger wurde, wagten wir es irgendwann nicht mehr, Menschen zu beißen. Wir wusste nicht genau, was passiert, wenn wir verseuchtes Blut trinken würden und haben uns deswegen zurückgehalten. Richard hatte uns damals mit Blut versorgt – er besitzt ein Blutlager. Das möchte ich dir aber nicht so genau erklären. Du wirst es sehen, wenn wir bei ihm sind." Eve schien am Ende ihrer Erklärung angekommen zu sein und schwieg. Doch Harry kam eine Frage in den Sinn. Bisher hatte er sich nie Gedanken darüber gemacht, was passierte, wenn man unreines Blut trank. „Und habt ihr in der Zwischenzeit herausgefunden, was passiert, wenn man Blut trinkt, das infiziert ist?", fragte er neugierig. „Ja das haben wir. Kurz nachdem wir in London ankamen und bei Richard Unterschlupf gefunden hatten, tauchte dort einer von uns auf. Es ging ihm richtig dreckig. Er hatte eine Infizierte gebissen und der Pest-Erreger hat ihn so geschwächt, dass es aussah, als würde er von Innen heraus zerfallen. So etwas habe ich noch nie gesehen. Er hatte kaum noch Kraft, um sich auf den Beinen zu halten und kam zu dem Haus gekrochen, in dem Richard lebte. Er schien fast vor unseren Augen immer dünner zu werden und wir versuchten alles, um ihn zu heilen", berichtete Adam und hielt den Blick in die Ferne gerichtet, als spielte sich vor seinen Augen das ganze Drama noch einmal ab.
„Wir konnten ihn nicht mehr retten und er starb an der Blutvergiftung...einer anderen Art von Blutvergiftung, wie die, die man als Mensch so kennt. Im Nachhinein kam uns der Gedanke, dass man ihm reines Blut hätte spritzen können, um das Gift in seinem Körper zu verdünnen, doch wir hatten damals nicht das geeignete Werkzeug, um diesen Schritt durchzuführen. Natürlich kann es immer passieren, dass man einen Menschen beißt, der eine Krankheit hat - schließlich sieht man es ihnen oft nicht an - aber einfache Maladien wie Fieber, oder Erkältung können uns nichts anhaben. Aber wenn man der Person schon deutlich ansehen kann, dass sie krank ist, Typhus, die Krätze oder etwas dergleichen hat, dann sollte man die Zähne von ihr lassen, egal wie groß der Durst auch sein mag. Das solltest du dir merken, damit dir nicht dasselbe passiert, wie dem armen Kerl, den wir 1665 verloren haben."
Während sie durch die nächtliche Stadt gingen drehten sich die Gedanken in Harrys Kopf um Krankheiten und um diesen Richard. Obwohl Eve ihn nicht direkt beschrieben hatte, stellte er ihn sich als einen alten, mächtigen Vampir vor. Mit grauem Haar und einem elegant geschnittenen Mantel, den er noch aus einem anderen Jahrhundert besaß. Sicher hatte er eine Menge Geld und lebte in einem großen, schicken Haus mit einer Kühlkammer im Keller in der er Blut lagern konnte. Wenn er Adam und Eve seit 1665 kannte und damals schon Reserven angehäuft hatte, war er sicherlich alt.
Vielleicht noch älter, als seine Begleiter?
Harry kaute auf seiner Unterlippe herum und überlegte, was man in einem Leben, das so lange dauerte, wohl anzufangen vermochte. Man könnte viele Berufe lernen und sich dann in ihnen spezialisieren. Vielleicht war er ja nach dem Vorfall mit der Blutvergiftung, Arzt geworden und hatte sich im Laufe der Jahrhunderte in allen Fachgebieten so gut entwickelt, dass er nun ein absoluter Vollprofi war. Und als Profi, konnte man sicherlich eine Menge Geld verdienen...
„Ist Richard in London denn leicht zu finden?", fragte Harry, nachdem er eine ganze Weile über den mysteriösen Vampir nachgedacht hatte. Mittlerweile waren sie aus Manchester City herausgekommen und gingen nun auf einer ehemaligen Schnellstraße entlang, deren Asphalt über die Jahre voller Risse und Schlaglöcher war. Auch der gelbe Mittelstreifen war abgerieben, nur hier und da gab es noch einige Reste davon.
„Richard wohnt schon seit mindestens 600 Jahren, seit wir ihn kennen, im selben Haus. Sollte es nicht aus irgendeinem Grund zerstört worden sein, dann finden wir ihn nach wie vor dort." Als Eve das sagte, klang sie optimistisch, wie immer und Harry war froh, dass Adam dieses eine mal nichts negatives zu sagen hatte. Stattdessen gähnte der Vampir einmal ausgiebig und meinte: „Ich hoffe nur, dass Richard nach wie vor diese schönen Gästezimmer hat. Sobald wir dort ankommen, brauche ich dringend eine ordentliche Mütze Schlaf."
Die Sonne färbte den Himmel in einem blassen Rosa, als sie aufging und die kamen ihrem Ziel immer näher. Ab und zu wurden sie von Kutschen oder Reitern überholt, die die alte Schnellstraße noch immer nutzten, um problemlos von einem Ort zum anderen zu gelangen. Für Harry war es schwer, sich zu orientieren, denn die Straßenschilder waren schon vor Jahrhunderten abgebaut worden, weil man das Material an anderen Stellen dringender benötigte.
Während sie also einer scheinbar endlosen Straße folgten, malte Harry sich aus, dass er in London endlich auf Louis treffen würde. Allein der Gedanke an ihn machte Harry hibbelig und anstatt der Trauer darüber, dass sie getrennt waren, verspürte er nun Vorfreude auf das Wiedersehen. Und das, obwohl er nicht einmal sicher sein konnte, dass Louis wirklich auch den Weg nach London eingeschlagen hatte. Doch zum ersten Mal war Harry wirklich optimistisch. Er dachte an die Traum-Verbindung, von der Eve ihm erzählt hatte und vielleicht war es wirklich möglich, dass auch Louis von Globe Theater geträumt hatte und es sie beide nun an diesen verhängnisvollen Ort zurück zog.
Dorthin, wo Harrys neues Leben angefangen hatte.
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Umzug mit Folgen II
FanfictionTeil zwei von Umzug mit Folgen! Das Jahr 2175. Es gab Krieg. Amerika hat gegen Russland gekämpft. England kam durch den Brexit noch ganz gut weg, aber die Menschheit hat sich zurückentwickelt. Sie werden abergläubisch und das ist für die Vampire in...