15. Der erste Schlaf seit 307 Jahren

1.7K 291 61
                                        

Louis POV:

Der alte Mann zeigte Louis einen Raum, der sich im zweiten Stock befand. Von der Treppe aus führte ein langer Korridor jeweils nach rechts und links. Der Boden war aus dunklem Holz und die Wände schienen aus nichts als Türen zu bestehen.

"Sind das alles Schlafzimmer?", fragte Louis den alten Mann, der mit den Schultern zuckte und antwortete: "Arbeitszimmer, Sportraum der Kaiserin, eine Bibliothek, ein Schreibzimmer, ein großes Bad, ein begehbarer Kleiderschrank und einen Raum in dem sie sich um ihre Schönheit kümmert." Anerkennend zog Louis die Augenbrauen hoch und zählte die Türen an denen sie vorbeikamen. Wenn man allein sieben Zimmer für Elisabeth abzog, blieben nur noch fünf Räume übrig.

Sie machten Halt und der Diener drückte eine schmale Messingklinke herunter. "Bittesehr. Hier kannst du dich zurückziehen", sagte er, nickte Louis zu und machte einen Schritt zurück um auch gleich wieder den Flur hinunter zu verschwinden.

Der Raum sah freundlich aus, denn die Morgensonne schien zwischen den weißen Spitzenvorhängen hindurch, die vor einem schmalen Fenster hingen. Louis trat an die Scheibe heran und warf einen Blick hinaus.

Diese Seite der Burg befand sich genau an der Küstenseite und er blickte hinunter auf das schäumende Wasser, das sich in Wellen an dem Fels brach. Staubpartikel flogen in den Sonnenstrahlen herum und Louis folgte ihnen mit den Augen. Im Zimmer stand ein Bett, das so weich aussah, dass er sich darauf sinken ließ; die Metallfedern quietschten und piksten ihm in den Rücken, als Louis auf den Rücken fiel. Das Bett sah weicher aus, als es war. Seufzend drehte er sich auf den Bauch, stützte die Ellbogen auf und blickte aus dem Fenster hinaus.

Der Blick, den er hinaus aufs Meer hatte, war atemberaubend und es erinnerte ihn daran, wie er mit Harry einmal an einem großen See gewesen war. Sie hatten den ganzen Tag auf einem Felsen gesessen und das Glitzern des Wassers betrachtet. Beim Gedanken an den Lockenkopf, spürte Louis ein Stechen an den Augenwinkeln und eine Träne lief ihm heiß über die Wange. Er machte sich nicht die Mühe, sie weg zu wischen, sondern gab auf. Vielleicht würde es ihm ja besser gehen, wenn er seinen Emotionen einmal freien Lauf ließ. Das Sonnenlicht verschwamm vor seinen Augen und er drückte den Kopf in die weiche Tagesdecke.

Harry war nicht bei ihm und das war das erste Mal seit 160 Jahren, dass sie getrennt waren. Nicht zu wissen, wo sein Freund war und wie es ihm ging, machte Louis fast wahnsinnig und er schluchzte auf. Noch nie hatte er sich so hilflos gefühlt. Wenn er wenigstens wüsste, wo er nach ihm suchen sollte, doch Harry könnte überall hingegangen sein – oder noch in Edinburgh sitzen und darauf warten, dass sie ihn fanden.
Wieso hatten sie nicht auf Liam gehört und hatten sich aus dem Staub gemacht, als sie noch die Möglichkeit dazu gehabt hatten? Ob das Vampir-Sein irgendwann leichtsinnig machte? Wenn man den Tod nicht mehr zu fürchten hatte, verlor man leicht das Feingefühl und schätzte Situationen nicht richtig ein.

Louis hätte sich nie ausgemalt, dass man sie in einem Kampf trennen würde und sich darum auch noch nie gesorgt, Harry zu verlieren. Und was jetzt? Jetzt saß er hier und wusste nicht, wo sein Schatz war. Er packte in ein Kissen, drückte den Kopf dagegen und schrie einmal aus Leibeskräften. Irgendwie musste er seinen Frust loswerden und das ging am Besten durch Schreien.

Sein Schrei hatte Liam und Zayn aufhorchen lassen und sie standen wenige Sekunden später mit erschrockenen Gesichtern in der offenen Tür. "Was ist los Lou?", keuchte Liam und sah ihn besorgt an. "Was los ist? Harry ist weg. Man Liam, denk doch mal nach. Dir wäre es vor einigen Jahren auch so gegangen, wenn ich plötzlich weg gewesen wäre", sagte Zayn, schob sich an seinem Exfreund vorbei und setzte sich neben Louis aufs Bett. Mit einer Hand strich er ihm über den Rücken: "Du hast uns gerade ganz schön erschreckt." Jetzt klang seine Stimme ganz sanft und die Kreise, die er mit der Hand auf Louis Rücken zeichnete, beruhigten ihn. "Es ist doch wegen Harry, oder?", fragte er leise und Louis nickte, ohne dabei das Gesicht aus dem Kissen zu nehmen. Zayn sollte ihn nicht so sehen, es war ihm unangenehm. Die Matratze senkte sich wieder und Liam nahm auf seiner anderen Seite Platz. Im Gegensatz zu Zayn fasste er ihn jedoch nicht an.

"Harry geht es gut, da bin ich mir sicher. Er war schließlich viel stärker, als wir. Mach dir keine Sorgen", sagte er, klang jedoch ein wenig verunsichert, als glaubte er tief in seinem Inneren gar nicht an seine eigenen Worte. Stattdessen wechselte er das Thema: "Das ist ein schönes Zimmer. Ein bisschen kitschig, aber es hat was. Meint ihr jeder von uns kann ein eigenes haben?"
"Keine Ahnung, ist mir aber auch egal. Wir schlafen doch sowieso nicht. Was sollen wir also mit dem Zimmer?", murrte Louis und hob nun endlich den Kopf vom Kissen.

Liam stand jetzt am Fenster und blickte hinunter auf das Meer: "Aber Geschmack hat die Kaiserin auf jeden Fall. Und sie sieht gut aus, findet ihr nicht auch?" Louis konnte Zayn hinter sich schnauben hören: "Sie ist eine Frau, ich dachte du stehst auf Männer." "Hab ich nie behauptet", gab Liam zurück und legte den Kopf schief. "...und was war das dann mit uns? Bin ich etwa eine Frau?", fragte Zayn, offensichtlich verärgert. Glaubte er etwa gerade, Liam hätte ihm in ihrer Beziehung etwas vorgespielt?

"Man kann auf Frauen und Männer stehen, hast du schonmal was von Bisexua....", fing Liam an, doch das war Louis jetzt zuviel und er hörte nicht mehr zu. Er vermisste Harry und seine beiden Freunde hatten wirklich nichts anderes zu tun, als sich in seinem Zimmer darüber zu streiten, ob Liam auf Frauen oder Männer stand?
Mit einem Ruck setzte er sich auf und hob abwehrend die Hände: "Jungs, das muss doch jetzt nicht ernsthaft besprochen werden, oder? Ja, Elisabeth ist eine sehr attraktive Frau, da gebe ich dir recht Liam, aber ich brauch eine solche Diskusion jetzt nicht. Also haltet euch bitte zurück."

Betroffen und ein wenig verlegen senkten seine Freunde den Blick. "Sorry, wir wollten dich nicht aufregen." Tröstend legte Zayn ihm den Arm um die Schulter und drückte ihn an sich. "Lass uns ein bisschen ausruhen und vielleicht hat die Kaiserin ja eine Idee, was wir unternehmen könnten, um Harry aufzuspüren. Wir fragen sie später, in Ordnung?"

Obwohl sie als Vampire eigentlich keinen Schlaf brauchten, waren die Drei von den letzten Tagen ziemlich ausgelaugt und müde. Immerhin waren sie viele Kilometer gelaufen. Zayn ließ sich nach hinten auf die Matraze fallen, zog Louis mit sich und nahm in in den Arm. "Wir finden Harry, da bin ich sicher", murmelte er und drückte ihn tröstend an sich. Die Nähe tat unglaublich gut und es beruhigte Louis, zu wissen, dass seine beiden Freunde bei ihm waren und verstanden, wie es ihm ging. Liam krabbelte ebenfalls zu ihnen und legte sich so, dass sie mit den Köpfen beienander lagen.

"Hab ich schonmal gesagt, dass ich froh bin, euch zu haben?", nuschelte Louis gegen Zayns Pullover. Keiner der beiden antwortete, doch Louis spürte, dass sie dankbar dafür waren.

An der Decke war ein Kronleuchter befestigt, der mit vielen Steinchen behangen war. Das Sonnenlicht zauberte die schönsten Farben auf die Steine und warf bunte Lichter an die Wand. Louis verlor sich im Anblick der Farben und wurde wieder ein wenig ruhiger. Zayns Hand strich unablässig über seine Schulter, was ihn schläfrig machte.

Irgendwann, die Sonne stand schon deutlich höher am Himmel, wurden Louis Augen schwer und zum ersten Mal seit 307 Jahren schlief Louis ein.

Umzug mit Folgen IIGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt