Zwölftes Kapitel

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Ich nippe an dem Becher Cider, der mir Dylan gerade eben spendiert hat. Es schmeckt süss, trotzdem kann ich nur kleine Schlucke davon trinken. Mein bester Feind dreht sich nach mir um, wohl um sicher zu gehen, dass ich noch da bin. Während dem er sich langsam durch die Menge nach vorne schlängelt, stimmt Zachs Band bereits das zweite Lied an. Wie gewohnt sind wir zu spät angekommen und haben eine ganze Weile lang warten müssen, bis wir unsere Jacken endlich haben abgeben können.

„Leute, ihr seid wild! Lasst uns mal hören, wie laut ihr sein könnt", ruft der Frontmann von Yellow Hearts ins Mikro. Sogleich fängt die Menge an zu schreien. Ein stämmiger Typ neben mir klatscht sich energisch in die Hände und gibt mir promt einen Schubs. Natürlich leere ich eine schöne Portion meines Ciders über seinen Arm.

„Sorry", sagen wir beide gleichzeitig. Er wirft mir einen entschuldigenden Blick zu und ich lächle unbeholfen zurück. Noch wenige Schritte und Miles hat seinen Traumspot gefunden. Erleichtert bleibe ich als Endwagon des Zuges ebenfalls stehen. Da wir beinahe zuvorderst stehen, kann ich Zachs verschwitzte Locken bestens erkennen. Obwohl der Club geschätzt nur so gross ist wie ein Schulzimmer bin ich trotzdem beeindruckt von der Menge, die Yellow Hearts anfeuert.

Die erste Hälfte des Konzertes vergeht wie im Flug. Da ich sowieso bereits so gut wie jedes Lied auswendig kenne, singe ich lauthals mit und nehme schon nach kurzem ein zweites Cider entgegen. Kurz darauf schwebe ich auf einer kleinen Alkoholwolke und vergesse alles um mich herum. Mein Jubeln wird immer lauter. Auch Dylan und Miles feiern die Band ausgiebig und Miles tanzt wie ein verrückter herum. Da wir beide uns in einem Tanzkurs kennen gelehnt haben, sollte mich sein Rhythmusgefühl nicht verwundern. Zu der Indiemusik allerdings könnte wohl kaum ein zweiter Junge so passend tanzen. Er scheint es einfach im Blut zu haben. Wäre ich nicht immer noch ein wenig sauer auf ihn, dann hätte ich mich glatt zu ihm gesellt und mit ihm die Leute im Umkreis genervt.

Schliesslich stimmt Zach – endlich – meinen Lieblingssong an. Obwohl es ein eher ruhiger Song ist und das Publikum ziemlich still wird, stosse ich begeistert einen Schrei aus. Zach grinst nur. Er weiss genau, von wem der Jauchzer kam.

„Dieser Song widmen wir unserer Wilden", erklärt Zach in sein Mikro, während er weiterhin den fliessenden Gitarrensound spielt. „Sin, der ist für dich."

„Aww", macht Dylan neben mir und legt einen Arm um mich. Mein Herz droht vor riesiger Freude zu zerborsten. Als der Sänger die sanften Zeilen singt, drücke ich meinen halb leeren Becher an mich. Mir wurde noch nie ein Song gewidmet.

Für einen klitzekleinen Augenblick fühle ich mich besonders. Als würden mich alle anschauen. Mich, Sin Bergstrom. Zach weiss zu gut, wie man das Herz eines Mädchens höherschlagen lassen kann.

Wäre er nicht so ein Frauenheld, wer weiss, vielleicht hätte ich mich irgendeinmal in ihn verliebt. Für mich ist er aber als guter Freund viel wertvoller als als heisser One-Night-Stand.

„I have never been so high", stimmt die raue Stimme den Refrain an, „you make me reach the sky. The clouds part away when you say: No more, no more, no more, I don't know what we're waiting for. Keep on, keep on, keep on, we're still going strong."

Ich singe nicht mit. Ich stehe einfach nur da und geniesse meinen Moment. Die Musik und die Atmosphäre im Raum sind so elektrisierend und meine Seele wird von allen Wunden des Abends geheilt.

Viel zu schnell spielen die vier Musiker ihre Songs zu Ende und verkünden ihr letztes Lied. Die Menge jubelt und von irgendwo hinter mir klatschen mir einige Tropfen eines Getränks auf den Hinterkopf. Es ist mir egal. Ich juble mit. Selbst als die letzten Klänge verklungen sind und die Zugabe gegeben wurde, bleiben alle im Saal stehen und klatschen weiter. Ich freue mich nicht nur über die tollen Momente, die wir gerade erlebt haben, sondern zusätzlich mit Zach für ihren grossen Erfolg. Die Leute scheinen die Musik wirklich zu mögen. Dass einer der Bandmitglieder mich wohl zu seinen engsten Freunden zählt macht mich unheimlich stolz.

Lila LichterGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt