Night Changes

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Niall:

„We're only getting older baby
And I’ve been thinking about you lately
Does it ever drive you crazy
Just how fast the night changes”

Manche Leute sagen, dass die Zeit alle Wunden heilt.

Zum Teil vertrete ich diese Meinung sogar. Wirklich.
Das jedenfalls ist die Erfahrung, die ich in den letzten vier Monaten gemacht habe.
Ohne Ev zu leben- sie nicht jeden Tag zu sehen und um mich zu haben- war am Anfang wie die Hölle. Es fühlte sich an, wie der reinste Entzug.
Ein kalter Entzug, bei dem man zittert und fantasiert und nicht mehr weiss, was Traum und Wirklichkeit ist. Bei dem sich der Körper voller Schmerzen windet und langsam vollkommen auszehrt. Solange, bis die Haut schlaff an einem herabhängt, wie ein viel zu grosser Mantel und jede Zelle in einem nach Erlösung wimmert...

Aber mit der Zeit wurde es einfacher.
Ich wage sogar zu behaupten, dass es das Beste für uns beide war. Einfach auf Abstand gehen. Ein richtiger Cut.
Ich meine damit nicht, dass ich aufgehört habe, sie zu vermissen. Oder aufgehört habe, von ihr zu träumen.
Nein, so ist es überhaupt nicht. Ich habe nicht aufgehört, an sie zu denken und ich habe auch nicht seltener an sie gedacht, als ich es sonst getan habe. Der einzige Unterscheid, den ich mit der Zeit festellen konnte, war einfach der, dass es erträglicher wurde. Es hat nicht mehr so wehgetan.
Ich habe mich einfach daran gewöhnt. Daran gewöhnt, ohne sie zu sein.

Und mehr als das, kann ich auch nicht erwarten.
Ich habe jedenfalls endlich mit dem lächerlichen Gedanken abgeschlossen, mich zu entlieben. Das würde ohnehin nicht funktionieren. Es würde nicht klappen, weil ich weiss, dass sie die Liebe meines Lebens ist.
Ich habe nie etwas vergleichbares für einen Menschen empfunden und irgendwie denke ich auch nicht, es je wieder zu können. Aber ich denke, dass ich mit der Zeit lernen kann, ohne sie zu leben. Dass es vielleicht irgendwann wieder normal wird. Jedenfalls fast.

Vielleicht war es auch deshalb so schwer für mich, heute morgen in die Villa zu fahren. Weil ich wusste, dass ich sie dort sehen würde. Früher oder später würde auch sie zu uns stossen und ich weiss einfach nicht, was dann passieren wird. Ehrlich gesagt habe ich eine scheiss Angst davor. Ich habe mich daran gewöhnt, mein Leben ohne Ev zu leben. Aber was passiert, wenn ich sie heute wiedersehe? Was werde ich fühlen? Was tuen? Und mein Herz? Wird es mich verraten, wie so viele Male zuvor?

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Seufzend blicke ich auf meine leicht zitternden Hände hinab, die ich in meinem Schoss gefaltet habe. Was auch passieren wird, ich darf auf keinen Fall die Nerven verlieren. Ich muss endlich lernen, damit umzugehen. So, wie ich es ohne sie kann, muss ich es auch in ihrer Anwesenheit können...

„Niall, wie findest du „Imogen“?“, fragt mich Abby plötzlich vollkommen unvermittelt und ich fahre ertappt zusammen. Mist!
Eigentlich habe ich mir geschworen, mir im vornherein nicht schon den Kopf über die Sache mit Evelyn zu zerbrechen...

Mein Blick gleitet automatisch hinüber zur Sofalandtschaft, auf der meine Freunde lümmeln. Abby hat sich lässig darauf ausgestreckt und die Beine in Harrys Schoss gelegt.
Sie ist in den letzten Wochen noch ein ganzes Stück runder geworden (immerhin ist sie nun schon im fünften Monat schwanger).
Ja, sie ist wirklich um einiges runder- aber auch weicher.
Ihre Hüften sind weich. Genauso, wie ihr sowieso schon etwas rundliches Gesicht. Aber es steht ihr. Sie strahlt nahezu von innen heraus vor lauter Glück und innerer Liebe.

Dort, wo das L-förmige Sofa einen Knick macht, haben es sich Zayn und Lou bequem gemacht.
Louis ist seit etwa drei Wochen wieder Zuhause. Er ist zwar noch etwas blass um die Nase, aber sonst geht es ihm gut. Er muss eben noch öfter mal ins Krankenhaus, zur Kontrolle, aber sein Arzt sagt, dass es wieder wird.
Liam und Sophia, die vor der Couch auf einem Stapel Kissen sitzen, blinzeln mich abwartend an, als ich immer noch nicht antworte. „Imogen?“, stottere ich etwas perplex und sehe Abby fragend an.
Imogen? Ich kenne keine Imogen! Wie zum Teufel kommen sie überhaupt so plötzlich darauf? Über wen oder was reden sie?!

Abby schmunzelt in sich hinein, während sie sich ächtzend von ihrem Platz erhebt: „Da war wohl einer ganz weit weg eben, was?“, zieht sie mich auf und ich merke, wie ich ein bisschen rot werde.
„Bestimmt denkt er gerade an die Kurven seiner liebreizenden Freundin, die uns heute ganz offensichtlich nicht mit ihrer Anwesenheit beehren konnte.“, Zayn wackelt anzügliche mit den Augenbrauen und verkneift sich das Lachen.

Als er jedoch Amanda erwähnt, zieht sich augenblicklich mein Magen zusammen. Ich habe keine Ahnung, wie sie es geschafft hat, sich beinahe ein halbes Jahr an meiner Seite zu halten. Und vor allem, wie sie es dort ausgehalten hat. Ich bin nämlich wirklich widerlich zu ihr.
Ich glaube, ich würde es im Moment nichmal selbst mit meinem gereizten, launischen Ich aushalten. Ich bewundere sie schon fast dafür, dass die es kann. Aber eben nur fast...
Vielleicht liegt es auch einfach nur daran, dass sie es verdammt geil findet, ständig fotografiert und von Paparazzi belagert zu werden. Sie geniesst die Aufmerksamkeit.
Und ich...Ich für meinen Teil bin eigentlich nur mit ihr zusammen, weil ich nicht allein sein will. Denn so armselig es auch klingen mag: Ich bin einsam. Und das fühlt sich echt scheisse an.

Abby hat sich umständlich von der Couch erhoben und watschelt nun auf das riesige Bücherregal zu, das die ganze linke Wand des Wohnzimmers für sich einnimmt.
„Für die unter uns, die es noch nicht mitbekommen haben sollten...“, sie schenkt mir ein freches, wenn auch ein wenig überhebliches Lächeln. „Wir unterhalten uns gerade über Babynamen.“

Ich verschlucke mich beinahe an meinem Kaugummi: „Äh... Schon?“, ist alles, was ich schliesslich herausbringe. Jetzt ist es Sophia, die mich spöttisch anlächelt. „Niall, um dich kurz nochmal daran zu erinnern: Es dauert nur noch ungefähr vier Monate, dann darfst du dich im Windelwechseln und Babysitten üben...“

Suchend fahren Abbys dünne Finger über die Buchrücken einiger Wälzer, bevor sie sich entschlossen eines herausgreift und an Harry weiterreicht. „Ich bin nicht sicher, inwiefern Niall für diesen Job qualifiziert ist.“, sagt sie dann und beide lachen. Dumme Nuss, denke ich grimmig und strecke ihr die Zunge heraus. „Wenn du nicht schwanger wärst, wärst du ne ganz schöne Zicke, Tompson.“, sage ich herausfordernd. „Ach, das ist sie doch sowieso schon.“, murmelt Harry neben mir leise und nun bin ich es, der lacht.

„Was hast du gesagt, Schatz?“, Abby wendet sich mit einem zuckersüssen Lächeln an den Vater ihres Kindes, aber dieser hebt nur scheinheilig die Augenbrauen.

„Ist doch auch vollkommen egal.“, ich winke ab. „Aber ich wette, ich bin sowas von qualifiziert dafür, auf ein Kind aufzupassen!“, brause ich dann auf und fasse Harry, der gerade an mir vorbeiläuft entschlossen beim Hemdsärmel. „Und ich schwöre euch, Onkel Niall wird zudem dafür verantwortlich sein, dass dieses Kind den freshesten Namen hat, den ein Kind überhaupt haben kann.“, füge ich hinzu und zerre Harry, der immer noch das Namensbuch in der Hand hält, neben mich auf meinen Sessel. Dann grabsche ich nach dem Buch und entreisse es ihm.

„Lass mal sehen.“, murmele ich geschäftig und schlage das Buch an einer x-beliebigen Stelle auf.
„Wie findet ihr Emily?“, fragend lese ich den ersten Namen vor, der mir ins Auge sticht. „Goldig.“, antwortet Soph sofort, wie aus der Pistole geschossen, während Harry neben mir genervt schnaubt. „Der Name ist ja sowas von 08/15!“
„Schön!“, schnaube ich zurück und funkele ihn an. „Ich finde ihn jedenfalls schön.“, erwiedere ich noch patzig. „Er ist schlicht, aber trotzdem irgendwie elegant. Emily Styles klingt ausserdem wirklich nicht schlecht, das musst du zugeben.“

Aber Harry schüttelt nur trotzig den Kopf und ich blättere daraufhin einfach weiter. „Was haltet ihr von Zoe?“, frage ich nach einigen Minuten. Diesmal sind Louis und Abby begeistert, aber Soph schüttelt den Kopf, ebenso wie Harry. „Zoe Styles ist ausserdem irgendwie zu kurz. Da bräuchtet ihr wenn schon noch einen zweiten Namen.“, murmelt Liam.

„Tanisha?“, wift Zayn plötzlich ein. „Spinnst du?!“, schiesst Harry sofort zurück. „Denkst du, dass ich Lust habe, meine Tochter mit einem Terroristen im Bett zu erwischen, nur weil sie so einen beschissenen Namen wie Tanisha hat? Stell dir vor, sie nennt sich auf Twitter Tanisha15 oder so? Ist doch klar, dass sie da nur solche Typen abbekommt.“

„Harry!“, augenverdrehend wirft Abby ein Kissen nach ihrem Freund, das irrtümlicherweise mich trifft, woraufhin Louis und Zayn anfangen, wie zwei Pferde zu wiehern.

„Louis? Was meinst du eigentlich?“, knurre ich, als ich das Kissen zurückgeworfen habe, während ich weiterhin fleissig Seiten umblättere.
„Weiss nicht.“, brummt Louis, der desinteressiert mit dem Bändel seiner Jogginghose spielt. Seit er wieder Zuhause ist, ist er stiller als früher. Manchmal wirkt er beinahe etwas nachdenklich und in sich gekehrt. „Ich finde Denise schön.“

„Denise?“, Harrys Lachen dringt unangenehm laut an mein Ohr. „Komm schon, Mann. Wenn wir Denise hören, denken wir doch alle erstmal nur an diese blonden Mädels mit den enorm fetten Möpsen, die Werbung für Pornoseiten machen. Die dralle Denise...“
„Woher weißt du das denn so genau, Arschloch?“, unterbricht Abby Harry und langsam sieht sie wirklich angepisst aus.

Dieser zuckt allerdings nur lässig die Schultern: „Wir machen doch alle unsere Erfahrungen, nicht Louis?“
„Liam.“, im Befehlston wendet sich Abby an unseren Bandkollegen. „Chipstüte!“
Seufzend greift Liam nach dem gewünschten Gegenstand, den Abby ihm sofort gierig aus der Hand reisst, um sich eine viel zu grosse handvoll in den Mund zu stecken.
Als die Hälfte davon in ihren Schoss fällt, wendet sich Harry mit angeekeltem Blick ab: „Das ist nicht besonders attraktiv, weißt du das eigentlich?“

„Na und! Sehe ich so aus, als ob mich das interessiert? Ich bin schwanger, okay? Ich bin fett und habe Cellulite am Arsch, das ist bei Gott auch nicht attraktiv!“, schmatzt sie und schiebt sich genüsslich noch eine weitere Handvoll hinterher.
Provozierend verdreht sie die Augen und zeigt ihrem Freund den Stinkefinger.

„Oh Gott, dass es solchen Leuten überhaupt erlaubt ist, Eltern zu werden...“, setzt Zayn daraufhin an, wird aber von Abby zum Schweigen gebracht, als diese auch nach ihm ein Sofakissen schleudert.
„Okay, stop Leute! Konzentrieren wir uns wieder auf die eigentliche Aufgabe. Was ist mit Mayla? Oder Phoebe?“, langsam nehme ich meine Rolle wirklich ernst.

Kopfschütteln von Harry (wer hätte das gedacht?) und ein Brummen von Liam, das ich jetzt einfach mal als zustimmend deute.

„Emilia? Selena?“

„Gomez?“, wirft Louis ein und erntet sofort Gelächter von Zayn.
„Sehr witzig, Tomlinson!“, knurre ich.

„Wie findet ihr Chandler, Leute?“, fragend sehe ich in die Runde. Zustimmendes Nicken von Louis, Daumen nach unten von Abby und Kopfschütteln von Harry. Was kann der eigentlich noch, ausser seine Lockenmähne zu schütteln?

Knurrend wende ich mich an ihn: „Sag mal, findest du eigentlich irgendeinen Vorschlag, den ich bringe annehmbar, Styles? Oder findest du meinen Geschmack generell scheisse? Oder liegts einfach nur an mir? Findest du mich inkompetent einen Namen für euer Kind auszusuchen?“

„Nichts gegen dich, Niall, aber deine ersten Haustiere waren Fische und hiessen Tom und Jerry!“, überheblich streicht sich Harry das mittlerweile viel zu lange Haar aus der Stirn. „Da war ich fünf, Idiot! Ausserdem war dein erstes Haustier ein Hamster und hiess „Hamster“!“

Am liebsten würde ich Harry eine verpassen, aber ich beschränke mich einfach darauf, so lange Vornamen herunterzurasseln, bis ihm irgendeiner davon gefällt. Irgendwann muss ihm einfach einer gefallen!

„Peyton.”
“Nein.”
“Spencer.”
“Nein.”
„Maisie.“
„Nope.“

“Faith, Kaitlyn, Ava, Robyn?”
“Nope, Nope, Nope und Nope.”
“Lynn?”
“Nö. ”

”Faye, Leslie, Willow, Lennox, Eileen, Malou, Christine, Annabelle, Cecilia, Holly, Stella, Rosie, Kristen, Anne, Ginny, Isabella?”

Harry schüttelt entschieden den Kopf. „HARRY!!! Zum Teufel! Was gefällt dir denn dann?!“
Harry lehnt sich langsam und mit einem leichten Lächeln nach hinten, bevor er mit einem Pokerface antwortet: „Darcy.“

Ich stöhne auf. Genau wie Zayn, Louis, Abby, Liam und Sophia. „Das ist jetzt nicht dein ernst, Mann!“, brummt Zayn. „Harry, als du das erste Mal behauptet hast, dass du deine Tochter so nennen willst, warst du sechzehn...“, setze ich fassungslos an, aber er bleibt sturr. „Na und?“

„Harry.“, sagt Abby ruhig. Das ist ihr „wir verhandeln hier nicht“ Tonfall. „Wir werden unsere Tochter nicht Darcy nennen.“
Harry zuckt die Schultern: „Dann wird sie eben keinen Namen haben. Namenlos. Armes Kind.“
Abby ringt sichtbar um ihre Fassung: „Harold Edward Styles! Sei jetzt blos kein Idiot! Du kannst nicht alleine entscheiden, wie unsere Tochter heisst.“

„Ähm.“, mische ich mich vorsichtig ein, völlig bewusst darüber, dass das meinen Tod bedeuten könnte: „Aber ihr wisst doch auch noch gar nicht, ob es überhaupt ein Mädchen wird. Oder habt ihr es euch mittlerweile sagen lassen?“
Abby wirft mir einen wütenden Blick zu: „Nein, Niall. Du hast vollkommen recht. Aber der gute Herr hier möchte nicht über Jungennamen reden. Er ist ja überzeugt davon, dass er der liebe Herrgott ist und von vornherein weiss, dass es sowieso ein Mädchen wird. Das ist sowas von kindisch!“

„Aber es wird ein Mädchen!“, trotzig schiebt Harry die Unterlippe vor und sieht dabei aus, wie ein fünfjähriges Kind. Na super. Und sowas wird Vater...
„Das ist aber kein Wunschkonzert!“
„Und wenn schon!“
„Wir werden unsere Tochter trotzdem nicht wie ein Bauerntrampel nennen.“, kreischt Abby plötzlich hysterisch und ich zucke erschrocken zusammen. Holy- das müssen die Hormone sein.

„Das hast du nicht gesagt!“, fassungslos starrt Harry seine Freundin an, die wütend vor ihm steht und ihn anfunkelt. Na super, jetzt geht das wieder los.
Entschlossen klappe ich das Buch wieder zu und schliesse müde die Augen. Es hat ohnehin keinen Sinn mehr, jetzt noch darüber zu reden.
„Oh doch, das habe ich sehr wohl gesagt und ich sag dir noch was, Harry Styles: Egoismus ist nicht gerade die beste Vorraussetzung dafür, eine Familie zu gründen.“

„Ich bin nicht egoistisch! Ich will nur nicht, dass unser Kind so einen scheiss Namen hat!“, begehrt Harry auf. „Willst du, dass es so einen total gewöhnlichen Namen wie zum Beispiel „Anne“ hat und wenn du auf dem Spielplatz ihren Namen rufst, drehen sich noch fünf andere Kinder um?“

„Okay.“, sagt Abby plötzlich versöhnlich, nachdem sie einmal tief Luft geholt hat. Sie versucht anscheind, zu retten, was noch zu retten ist. „Lass uns das erstmal gut sein lassen, ja? Wir haben ja noch etwas Zeit. Lass uns... Lass uns einfach nochmal über Jungennamen reden, in Ordnung, Schatz? Nur... zur Sicherheit.“
Harry schüttelt sturr den Kopf und ich verpasse ihm einen Schlag auf seinen Sturrkopf. „Was ist los mit dir, Idiot? Angenommen du bekommst einen Sohn? Willst du das arme Kind für sein ganzes Leben blamieren, indem du es trotzdem Darcy nennst?“, ziehe ich ihn auf.

„Anscheinend hat ihm jemand ins Hirn geschissen.“, flucht Abby. „Das ist doch nicht normal.“
Schwer atmend sehen die beiden einander an und ich weiss ehrlich gesagt nicht, wer dabei gruseliger aussieht.
Und ich weiss nicht, ob es daran liegt, dass die beiden so langsam ein bisschen Angst bekommen oder sich so wohl mit der Situation fühlen, dass sie in alte Muster verfallen, aber sie scheinen es mal wieder darauf anzulegen, sich in die Haare zu kriegen.

„Hey, was ist denn hier los?“, ertönt auf einmal eine melodische Stimme von der Tür aus, bei dessen Klang mein Kopf sofort hochschiesst.

„Wir streiten.“, erwiedert Abby ungerührt und Ev, die lässig im Türrahmen steht, lächelt leicht. Sie wirkt nicht etwa überrascht: „Na das ist ja mal was ganz Neues.“, sagt sie sarkastisch, bevor sie das Zimmer betritt.

Gott, ich kann gar nicht aufhören, sie anzustarren. Mag sein, dass irgendjemand oder irgendetwas mein Herz in den letzten Monaten etwas verheilen liess oder sogar heimlich zusammengeflikt hat, aber bei dem Klang ihrer vertrauten Stimme, bei ihrer Erscheinung, bei ihrem ganzen Wesen, reisst alles wieder auf. Und es ist so, als hätten die ganzen letzten Wochen nichts bedeutet. Nicht mal gezählt. Als wäre alles nur ein dummer Scherz gewesen. Etwas, ohne jegliche Bedeutung. Es war so lächerlich, mir einzureden, dass ich klarkomme. Denn bei Gott, das tue ich nicht. Immer noch nicht. Niemals. Nie!

Sie hat sich nicht verändert. Kein Stück. Ihr Haar ist immer noch etwa schulterlang und fällt ihr glatt ins Gesicht. Sie sieht zwar ein bisschen müde aus, aber ihre braunen Augen strahlen wie immer die gewohnte Wärme aus. Sie sind sanft und unvoreingenommen.
Auf den vollen Lippen liegt der Zug eines Lächelns, der ihr ganzes Gesicht erhellt.
Sie ist wunderschön. Zart und fein und beinahe zerbrechlich, aber gleichzeitig voller Lebenslust und Stärke. Eine Sache, die ich schon immer so an ihr bewundert habe.

Meine Kehle ist staubtrocken und ich schreie mich innerlich nahezu an, sie nicht anzustarren, wie der letzte Vollidiot. Ich sage mir sogar, dass ich doch eigentlich sowas wie eine Freundin habe. Ich sage mir, dass es Amanda gegenüber nicht fair wäre, sich so zu benehmen. Aber eigentlich interessiert es mich nicht. Weil ich nicht mal mit ihr zusammen bin. Es ist nur eine Lüge. Eine Lüge an mich selbst. Es ist nicht wahr.

Langsam kommt sie auf mich zu und ihr Lächeln wird noch eine Spur wärmer. „Hi, Niall.“, haucht sie und bei dem Klang ihrer Stimme schmilzt mein Herz. Es ist flüssiges Gold. Es ist Wachs in ihren Händen. „Wie geht’s dir?“, fragt sie, aber ich antworte nicht. Ich kann sie nur ansehen, während tausend Fragen über mich hereinbrechen, wie sich auftürmende Wellen.

Was tue ich hier? Wer bin ich überhaupt? Was ist los mit mir? Warum schlägt mir mein Herz im Hals und nicht in der Brust?

Und ich dachte wirklich, dass ich mich einigermassen im Griff habe, wenn ich sie sehe. Ich Idiot. So ist es nicht. Wie konnte ich überhaupt so denken?
Denn genau in dem Moment, als ich sie wiedersehe, merke ich erst, dass ich lebe. Die letzten Monate, das war nur so ein vor-sich-hin-leben. Es war existieren, aber nicht leben.
Vielleicht ist es ja wahr, dass wir nicht wirklich leben, wenn da niemand ist, der uns auch leben sieht. Vielleicht können wir solange nicht richtig sprechen- also wenn da nicht jemand ist, der uns verstehen kann. Wenn da niemand ist, der versteht, was wir wirklich meinen und wirklich aussagen wollen.
Vielleicht stimmt es, dass wir nur dann wirklich lebendig sind, wenn wir geliebt werden.

Vielleicht existiere ich ja nur für diese Momente, wer weiss. Jene kostbaren, wenn auch kurzen Momente in ihrer Nähe, wenn ihre dunklen Augen mich so eindrücklich mustern. Augen, die mich sehen. Die alles sehen, was ich bin und jemals sein wollte. Die verstehen, wer ich sein will. Die wissen von was ich heimlich träume, wovor ich Angst habe, worauf ich hoffe und was ich sagen möchte, aber nicht sagen kann. Vielleicht existiere ich nur für sie. Vielleicht ist sie mein ganzer Sinn.

Vielleicht gibt es im Leben sonst gar keinen tieferen Sinn. Nur den, jemanden zu lieben. Aufrichtig. Seis drum, ob man zurückgeliebt wird.
Eigentlich sollte ich mich glücklich schätzen, sie überhaupt lieben zu dürfen, auch, wenn wir nicht zusammen sind.

Seltsam ist nur, dass ich manchmal denke, sie liebt mich auch...

Teasing is a Sign of LoveGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt