Wir waren an einem solch einsamen Ort und er steckte seine Nase in ein Buch und trank Kaffee. Der Mann würde mich noch um den Verstand bringen.
Ich legte ein Handtuch auf meinen Stuhl. Als ich mich setzte, steckte ich die Hände tief in die Taschen des dicken Sweatshirts. Die Stunden ohne Schlaf, taten ihr Übriges. Es war nass und kalt aber jammern nützte wohl nichts. Stattdessen griff ich nach einer Weile zu meinem Handy und stand wieder auf, als mir die Füße einzufrieren drohten. Ich nahm die Geräusche vom Rauschen des Flusses auf, vom Knacken verschiedener Äste und dem Rascheln der Blätter. Wenigstens konnte ich so ein paar gute Samples für meine Musik aufnehmen. Der Wald sang seine eigenen Lieder. Das Pfeifen des Windes war unheimlich und faszinierend zu gleich. Dabei entdeckte ich auf der anderen Seite unseres Lagers, einen See. Er war nicht riesig aber auch nicht klein. Der Ort wirkte magisch und Märchenhaft. Der Steg mit dem kleinen Boot und die modernen Holzhütten in der Ferne, auf der anderen Uferseite, machte es weniger unheimlich hier zu sein. Ich stand unter einer der vielen Trauerweiden und starrte in die Umgebung. Mal hier Mal da. Gern hätte ich ein Foto gemacht, doch vermutlich war dass keine gute Idee, wenn uns hier jemand sah. Oder wenn es Spuren auf meinem Handy gab.
Ich zog meine Sachen bis auf die Unterwäsche aus und legte sie greifbar an den Steg. Als ich den Fuß ins Wasser tauchte erschauderte ich. Eisig. Dennoch überwand ich mich und schwamm ein paar Runden. Dabei vergaß ich die Zeit bis Dimitri mich fand und daran erinnerte weshalb wir hier waren. Er stand am Steg und räusperte sich.
»Du solltest mir nicht immer davon laufen mein wildes Kätzchen. Komm da wieder raus, du holst dir sonst noch den Tod.« Wie er das sagte, wirkte er schon fast fürsorglich. Ich stemmte mich auf den Steg und setzte mich an den Rand, als er ein Handtuch um mich hüllte. Unser Lager war nicht allzu sehr entfernt. Er musste deshalb extra noch Mal zurückgelaufen sein. Zurück im Lager trocknete ich mich dann gut ab. Meine Haare waren trocken, und ich löste den Zopf wieder. Als ich angezogen war, wurde mir wenigstens eine Weile richtig warm. Länger still zu sitzen viel mir nicht leicht. Seit wir aus Mexiko geflüchtet waren, schien mein ganzes Leben aus Flucht und Isolation zu bestehen. Ich verstand es selbst nicht so richtig. Auch hier mit ihm, zog es mich in die Ferne. Ich wollte gerne weglaufen, weit weg. Vor ihm und meinen Gefühlen. Mein Pflichtgefühl hielt mich aber zurück. Schließlich zählte er auf mich.
Ich setzte mich dann wieder hin, steckte mein Handy weg und rieb meine Hände aneinander. Es dauerte nicht lange bis mir richtig eisig wurde.
»Dir ist kalt?«, schaute Dimitri mich an und musterte meine Lippen, die bibberten. »Wenn du dich auf meinen Schoß setzt, wird es dir besser gehen.«
»Ganz sicher nicht...«, wandte ich den Blick entschlossen ab und lehnte mich zurück. Auf seinem Schoß... Das hätte er wohl gerne. Nur über meine Leiche!
Er reichte mir eine Tasse mit heißem Kaffee und meine Hände suchten mürrisch die Wärme der dunklen Brühe. Dabei fiel mir auf, dass seine Hände gar nicht kalt waren. Im Gegenteil, sie waren genauso warm wie die Tasse. Das war unfair und gemein. Ich fror mir den Allerwertesten ab und er tat, als säßen wir in der Karibik.
Nach fünf langen Stunden, war der Kaffee alle und Dimitri war auf der Hälfte seines dicken Buches angekommen. Wir redeten kaum. Mit diesem Wälzer vor der Nase, hatte ich auch nicht das Gefühl, dass er reden wollte. Er war immer noch ein Fremder. Erst als das Akku meines Handys schwand und ich keine Musik mehr hören konnte, dachte ich überhaupt darüber nach. Also beobachtete ich ihn. Zwangsläufig wanderte meine Aufmerksamkeit zu ihm. Ich sah die Narben in seinem Gesicht. An seinen Händen und nach dem er so über seinen eigenen Vater gesprochen hatte - spielte meine Fantasie von alleine irgendwelche Filme ab. Es dauerte nicht lange, als er merkte, dass meine Augen an ihm hingen wie ein Magnet. Schnell versuchte ich den Blick abzuwenden aber das funktionierte ein paar Minuten. Immerhin legte Dimitri sein Buch zur Seite und Unterbrach mein Mustern. »Hunger?«
»Ein wenig.« Er griff in die Kühlbox holte sich den Whisky raus und reichte mir einen Silikonbehälter. Eine warme Kartoffelsuppe mit Schnittlauch und Petersilie. Ich bestellte sie manchmal als Vorspeise. »Ist das die aus dem 5th Ave?«
»Das ist sie.« Das war schon fast süß von ihm... Wenn er mich nicht bei dem Wetter in den Wald gesetzt hätte...
Langsam genoss ich die Hitze vom Essen, hatte aber dadurch Mühe die Augen aufzuhalten. »Wenn du die Kälte nicht mehr aushältst, stell dich nicht an und sag was. Vielleicht hilft die eine Weile.« Mister Naturheizung, reichte mir nach sieben Stunden frieren eine Decke. Mein verständnisloser Blick sagte wohl alles. Er nahm mir den Behälter wieder ab. Während ich mich hineinwickelte, räumte er alles wieder in die Box und in die Tasche unter seinem Stuhl. Er stellte den Becher mit dem Whisky auf dem umgestürzten Baum neben sich ab und richtete sich wieder häuslich auf dem Klappstuhl ein. Dimitri König auf einem Klappstuhl im Wald. Das war so absurd.
DU LIEST GERADE
Loyalty - heart virus (Teil 1)
FantasiaDie Tattoos auf seiner Haut spiegeln sein Leben wider. Seine so dunkle, verworrene Welt macht es ihm unmöglich zu lieben. Die Menschen in seinem Umfeld fürchteten ihn und seine Aura. Die Narben an seinem Körper und im Gesicht, machen seinen Weg unmi...
