- Leo -
Aus meinem Rucksack suche ich mir frische Unterwäsche und nehme mir einen Pullover von dem Stapel, den Kathy mir hingelegt hat. Zwar sind mir die meisten davon mindestens eine Nummer zu groß, aber das ist mir gerade recht. Ich schließe meine Zimmertür, sowie die Tür zum Badezimmer ab, ehe ich die nassen Klamotten ausziehe. Schnell hüllt das heiße Wasser das Bad in dichten Dunst, welchen das Fenster und die Spiegel beschlagen lässt. Ich stelle mich unter den heißen Strahl und spüre, wie das Wasser meine Körpertemperatur langsam wieder steigen lässt. Ich atme tief und lege den Kopf in den Nacken. Die Arme um meinem Oberkörper geschlungen lasse ich mir das heiße Wasser über das Gesicht laufen. Keine Ahnung wie lange ich einfach so dastehe, ohne Duschgel uns Shampoo zu benutzen. Als ich aus meiner eigenen Umarmung löse, nach einer Flasche greife und beginne mich einzuseifen, stocke meine Hände an meinen Armen. Wie von selbst wandert mein Blick eben dahin und obwohl ich weiß, was mich erwartet mischen sich schnell Tränen unter das heiße Wasser, welches mir weiterhin übers Gesicht läuft. Ich spüre, wie meine Hände wieder stärker zu zittern beginnen und meine Beine unter mir nachgeben. Kraftlos lasse ich mich auf die kalten Fiesen sinke, ziehe die Beine an und umschlinge diese mit den Armen. Ich schließe die Augen und bette die Stirn auf meinen verschränkten Armen. Das laute Rauschen der Dusche verschluckt meine Schluchzer. Es ist zum verrückt werden. Egal, wohin ich gehe – wie weit weg, mein altes Leben wird mich immer einholen. Es ist schneller und vor allem stärker als ich.
Es dauert eine Weile, bis ich mich wieder beruhigt und die Kontrolle über meinen Körper wieder im Griff habe. Ich drücke mich vom Boden hoch, stelle das Wasser ab und trockne mich ab. Dabei bleibe ich mit dem Rücken zum Spiegel stehen. Erst, als ich wieder vollständig angezogen bin wage ich einen Blick hinein. Von meinem Zusammenbruch ist fast nichts mehr zu sehen. Nur meine Augen sind noch rot und geschwollen, doch das lässt sich leicht darauf schieben, Schaum ins Gesicht bekommen zu haben. Zumindest hat es die letzten Male immer gut funktioniert.
Die nassen Handtücher und die Klamotten hänge ich über die Heizung. Dann föhne ich meine Haare trocken und ziehe mir einen frischen Pullover an. Ich öffne das Badfenster, damit der Wasserdampf hinausziehen kann und gehe dann in mein Zimmer. Ehe ich mich allerdings auf das Bett setzen und warten kann, dass dieser Tag endlich vorbei geht, schließe ich das Schloss an der Tür wieder auf. Kurz zögere ich, die Hand schon an der Klinke. Der Duft des Abendessens steigt zu mir nach oben und prompt knurrt mein Magen. Sollte ich es vielleicht wirklich wagen und Barby's Einladung, mit den Anderen zu essen, annehmen? Doch im selben Augenblick habe ich Jimmy's grimmigen Blick vor Augen, als ich vorhin nach Hause kam. Meine Entscheidung ist gefallen. Noch mehr von seinen Gemeinheiten ertrage ich heute nicht.
Ich nehme die Hand von der Klinke und lehne mich mit dem Rücken gegen die Tür. Seufzend rutsche ich daran herunter und kauere mich wieder so zusammen, wie vorhin unter der Dusche – die Beine an die Brust gezogen und den Kopf auf den Knien gebettet. Ein fröhliches Gewirr aus Stimmen ist zu höre. Keiner vermisst mich. Wahrscheinlich, weil Keiner damit gerechnet hat, dass ich zum Abendessen auftauche.
Später am Abend, es ist bereits dunkel und der Wind pfeift leise ums Haus, liege ich wach auf dem Bett, habe die Hände unter dem Kopf verschränkt und starre an die Decke. Nur der schmale Lichtspalt, der unter der Tür hindurch scheint, wirft lange Schatten. Mein Gedankenkarussell kreist, ich bekomme es einfach nicht gestoppt. Ich denke an mein altes zu Hause, warum ich von da abgehauen bin, an diese Selbstverständlichkeit mit der man mich hier aufgenommen hat. Ich denke an Jimmy's Abneigung mir gegenüber und ich versuche irgendeinen Grund dafür zu finden. Was habe ich falsch gemacht? Habe ich etwas falsches gesagt? Und fast schon automatisch denke ich an IHN. Ich spüre in meinem Nacken wie meine Hände zu schwitzen beginnen. Mein Herz rast. Irgendwann wird meine eigene Unruhe unerträglich; ich stehe auf und gehe im Zimmer hin und her und versuche ruhig zu atmen.
Beinahe hätte ich laut aufgeschrien, als es an meiner Tür klopft.
„Ja." Ich bleibe mitten im Raum stehen und blicke abwartend zur Tür. Meine zitternden Hände in den Taschen meiner Jogginghose vergraben staune ich nicht schlecht, als die Tür langsam aufgeht und Jimmy mit einem Tablett davor steht.
„Ihr persönlicher Lieferdienst.", sagt er und deutet auf das Tablett in seinen Händen. Mit Allem und Jedem hatte ich gerechnet – gerade nach der Sache heute Nachmittag, aber nicht damit, das Essen ausgerechnet von Jimmy serviert zu bekommen.
„Kann ich reinkommen?" Fragend sieht er mich an, als ich auf seine erste Aussage nicht reagiere.
„Das hier ist euer Haus. Ich bin nur der Gast.", erwidere ich.
„Das habe ich wohl verdient." Jimmy tritt ein. Als er mit dem Ellenbogen den Lichtschalter betätigt kneife ich die Augen zusammen.
„Ich stell das hier drüben ab ...", sagt er und deutet auf den, von mir unbenutzten, Schreibtisch.
„Okay.", zwinge ich mich zu sagen. Schweigend beobachte ich, wie Jimmy das Tablett abstellt und den Raum wieder verlässt. Hinter der verschlossenen Tür warte ich, bin seine Schritte nicht mehr zu hören sind. Dann schalte ich die Deckenlampe wieder aus, setze mich auf den Drehstuhl, der an den Schreibtisch geschoben steht. Vorsichtig probiere ich einen Löffel Suppe. Herrlich warm rinnt sie mir die Speiseröhre herunter. Sie schmeckt köstlich – wessen Werk auch immer das ist, der – oder diejenige hat sich selbst übertroffen.
Nur im Licht der Straßenlaternen löffele ich meinen Teller leer. Die Flasche Wasser, die mit auf dem Tablett stand stelle ich mir für später auf den Nachttisch. Ich überlege, das Tablett mit dem leeren Teller gleich nach unten zu bringen, doch die Gefahr Jimmy heute noch einmal gegenüberstehen zu müssen halte ich heute kein weiteres Mal aus.
Noch als ich später im Bett liege und an die Decke starre geht mir ein Gedanke nicht aus dem Kopf. Warum war Jimmy vorhin so nett und hat mir sogar das Abendbrot gebracht? Er hat nichts getan wofür er ein schlechtes Gewissen haben müsste. Zumindest nicht mehr als sonst auch. Wahrscheinlich sehen seine Geschwister das anders und haben ihn dazu gezwungen. Und da haben wir wieder genau das, was ich nie wollte – Streit in der Familie.
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Together we are strong
Fanfiction‼️TRIGGERWARUNG‼️ Diese Geschichte enthält triggernde Inhalte, die eventuelle Spoiler für den Verlauf der Geschichte enthalten. Zudem zählen: Verlust der Eltern und anderer geliebter Personen, Kindesmissachtung, Trauer, Waffenmissbrauch und Verarbe...
