- Leo -
Den Rest der Nacht tue ich kein Auge zu. Meine Gefühle sind vollkommen durcheinander. Woher kam dieser plötzliche Anziehungskraft Jimmy gegenüber? Eigentlich sollte ich ihn hassen, so wie er es in den letzten Wochen getan hat. Ich wollte ihm doch aus dem Weg gehen und ihn nicht küssen. Vielleicht sollte ich es auf meine aufsteigende Panik während des Gewitters schieben, oder auf die Tatsache, dass er mir schon wieder viel zu Nahe war, doch ich kann nicht leugnen, dass ich es wirklich wollte. Warum ausgerechnet Jimmy? Der, der mich am wenigsten leiden kann und dem diese Sache wahrscheinlich total egal ist. Ihm hat es sicher noch Spaß gemacht, mich so auflaufen zu lassen. Aber warum war er dann mitten in der Nacht in der Küche? Ob ich ihn doch geweckt habe?
„Was ist denn mit deiner Hand passiert?", fragt Patricia mich am nächsten Morgen, als ich mich zu den Anderen an den Tisch setze. An meinen gewohnten Platz neben Jimmy, der mich allerdings kaum wahrnimmt. Er hat nur kurz aufgeschaut, als ich in den Raum gekommen bin.
„Ich habe aus Versehen ein Glas fallen lassen und als ich mich wegen dem Gewitter erschrocken habe, an einer Scherbe geschnitten. Nicht weiter schlimm.", beeile ich mich zu sagen.
„Ging aber auch ganz schon zu, letzte Nacht. Wer ist denn der talentierte Ersthelfer, der da zur Stelle war?", fragt John und deutet auf den Verband an meiner Hand. Ich schweige, werfe Jimmy aber einen schnellen Blick aus dem Augenwinkel zu.
„Ich war gerade auf dem Weg zum Klo, da habe ich es scheppern gehört.", antwortet dieser.
„Da können wir ja froh sein, dass Leo uns nicht verblutet ist.", gibt John zurück und grinst seinen Bruder hämisch an.
„Wie gesagt, ist halb so schlimm.", schalte ich mich schnell ein. Bloß keinen Streit verursachen!
„Eben, ist ja nichts passiert." Jimmy sieht mich jetzt direkt an und ich glaube zu wissen, dass er nicht mehr von dem kaputten Glas redet.
„Nein, ist es nicht.", antworte ich, schaffe es aber nicht seinem Blick stand zu halten. Meine Wangen fühlen sich schon wieder viel zu heiß an und in meinem Magen zieht sich irgendwas zusammen. Und das liegt definitiv nicht am Frühstück.
„Leo, könntest du trotzdem den Abwasch für uns übernehmen? Wir haben noch ein paar wichtige Dinge wegen der neuen Platte zu besprechen und sind eh schon spät dran.", bittet mich Kathy nach dem Frühstück.
„Vielleicht, wenn du ihn ganz lieb fragst, hilft Jimmy dir ja. Er ist vormittags hier um die letzten Mails zu beantworten. Tut er sicher gern.", sagt John mit sarkastischen Unterton.
„Hallo! Er, ist anwesend.", sagt Jimmy und fuchtelt seinem Bruder mit der Hand vor dem Gesicht herum.
„Klar, kein Problem.", antworte ich, froh darüber die nächsten Minuten etwas zu tun zu haben. Wenn ich mir Zeit lasse bin ich mit allem drum und dran eine Weile beschäftigt – Tisch abräumen, die restlichen Lebensmittel wieder aufräumen und zu guter Letzt das Geschirr spülen. Wenn ich mir dann noch die Zeit nehme und das Esszimmer sauber mache, sollte ich beschäftigt sein, bis sie wiederkommen.
„Wir auch nicht zur Gewohnheit, versprochen.", sagt Patricia im Vorbeigehen und streicht mir über den Arm.
„Und mit der Unterstützung kann ja gar nichts schief gehen." John boxt seinem Bruder gegen den Arm und umarmt mich, bevor seinen Geschwistern nach draußen folgt. Jimmy schüttelt nur den Kopf und geht dann ohne ein weiteres Wort in die Küche und lässt Wasser in das Spülbecken laufen. Ich schnappe mir den ersten Stapel Geschirr vom Esstisch und gehe dann zu ihm in die Küche. Wortlos nimmt Jimmy mir die Sachen ab und macht sich an die Arbeit. Ohne mich zu beobachten; als wäre das gestern Nacht nie passiert.
„Wie? Tust du jetzt so, als wäre nie etwas passiert?", frage ich, als ich das letzte Geschirr neben die Spüle gestellt und mir das Geschirrtuch vom Haken genommen habe.
„Wieso? Es ist doch auch nichts passiert.", antwortet Jimmy und drückt mir eine Tasse in die Hand.
„Es ist nichts passiert? Wir hätten uns fast geküsst.", platzt es aus mir heraus und ich bin froh, dass wir alleine im Haus sind.
„Ich dachte echt, dass wir ... „, beginne ich und nehme den nächsten Teller entgegen, doch Jimmy unterbricht mich.
„Was? Was dachtest du? Das wir zwei jetzt sowas wie 'Best Friends' sind? Oder mehr? Ne, für sowas habe ich echt keine Zeit und außerdem bist du überhaupt nicht mein Typ.", schleudert Jimmy mir entgegen. Dann zieht er den Stöpsel und das Wasser läuft langsam ab. Ich sollte es nicht, doch ich bin enttäuscht das er all das, was letzte Nacht passiert ist, leugnet.
„Ich dachte zumindest, dass wir besser miteinander klarkommen und das Kriegsbeil begraben könnten. Aber da habe ich mich offensichtlich geirrt."
„Tja, falsch gedacht.", erwidert Jimmy emotionslos. Dieses Mal bin ich es, die das Handtuch wirft. Und das nicht im übertragenen Sinne. Ich nehme das Tuch und werfe es neben die Spüle. Dann gehe ich zügig aus der Küche und lasse Jimmy einfach stehen. Mir egal, ob ich meine Aufgaben vernachlässige. Mir egal, ob ich jetzt vor die Tür gesetzt werde. Was mir nicht egal ist, ob Jimmy die Tränen sieht, sie sich in meinen Augen bilden. Mit verschwommenen Blick hechte ich die Treppe nach oben und lasse meine Zimmertür mit einem lauten Knall hinter mir zufallen. Ich werfe mich aufs Bett und ziehe mir die Decke über den Kopf. Ich weiß, das unten der Abwasch auf mich wartet, auch der noch gedeckte Tisch, doch ich will gerade einfach alleine sein. Zu groß wäre das Risiko, zu stark meine Wut, dass ich irgendetwas an die Wand werfe. Wie kann Jimmy all das egal sein. Eines ist klar – er hat seine Mauern, die in den letzten Tagen ein wenig gebröckelt sind, wieder hochgezogen. Höher denn je. Unmöglich für mich darüber zu kommen. Ich bin ihm egal und das muss ich akzeptieren. Und er sollte mir auch egal sein. Warum muss mein Körper ausgerechnet auf Jimmy so reagieren? Ich sollte hier verschwinden und ihn vergessen. Eine neue Bleibe zu finden ist zwar schwer und alleine da draußen ist garantiert auch nicht so gemütlich, wie die letzten Abende mit den Kelly's, aber es ist das Beste für mich.
Ruckartig setze ich mich auf, schlage die Decke zurück und beginne meine Sachen zusammenzusuchen. Ich stopfe alles in meinen Rucksack und hole noch meine Sachen aus dem Bad. Als ich den Reißverschluss zuziehe höre ich, wie unten die Tür geht. Wie lange habe ich bitte in meinem Zimmer herumgelegen? Jetzt wo die anderen schon wieder zurück sind ist es um einiges schwerer, unbemerkt von hier wegzukommen. Aber vielleicht ist das auch nicht die beste Idee. Vielleicht sollte ich vorher das Handtuch werfen und Jimmy sagen, dass er es geschafft hat. Das ich gehen werde. Genau das sollte ich ihm ins Gesicht sagen. Am besten jetzt gleich!
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Together we are strong
Fanfiction‼️TRIGGERWARUNG‼️ Diese Geschichte enthält triggernde Inhalte, die eventuelle Spoiler für den Verlauf der Geschichte enthalten. Zudem zählen: Verlust der Eltern und anderer geliebter Personen, Kindesmissachtung, Trauer, Waffenmissbrauch und Verarbe...
