- Leo -
Es sind jetzt fast zwei Wochen seit meinem Gespräch mit Jimmy im Probenraum vergangen. Außer das übliche „Guten Morgen" oder mal hier und da ein „Hallo" oder ein „Tschüss" hielt sich unsere Kommunikation in Grenzen. Kein Händchen halten unterm Tisch, keine flüchtigen Küsse auf dem Flur. Aber am meisten fehlen mir die nächtlichen Besuche. Ich vermisse es, neben Jimmy einzuschlafen und morgens vor ihm aufzuwachen und ihn beim Schlafen zu beobachten. In seinen Armen habe ich mich immer so sicher gefühlt. Ich konnte fast jede Nacht durchschlafen, wenn er neben mir lag. Doch jetzt sind meine Albträume zurück; und das, schlimmer denn je. Jeden Morgen muss ich mein Oberteil in den Wäschekorb im Badezimmer schmeißen, weil es klatschnass geschwitzt ist.
„Du solltest dich echt dringend mit Jimmy aussprechen. Das kann so nicht weitergehen.", sagt Barby zu mir, als sie mir am Morgen dabei hilft ein neues Laken auf meine Matratze zu ziehen. Das sie etwas von meiner nächtlichen Unruhen mitbekommt bleibt nicht aus, da wir die Türen zum Badezimmer nachts offen haben und wir so quasi ein großes Zimmer haben.
„Wir haben uns überhaupt nicht gestritten.", antworte ich und ziehe mit einem Keuchen die letzte Ecke des Lakens über die Matratze und lasse diese dann auf das Rost fallen.
„Und warum redet ihr dann nicht mehr miteinander? Wenn ihr euch angiften würdet, wäre es wieder wie zu den Zeiten als du hier eingezogen bist.", stellt Barby fest. Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass sie Recht hat. Ich setzte mich auf das frisch gemachte Bett und stütze die Ellenbogen auf die Knie ab.
„Er geht mir aus dem Weg. Was soll ich denn machen?"
„Ich bin mir sicher, da fällt dir was ein. Du hast Jimmy doch sogar die Stirn geboten, als er dich anfangs wie Ungeziefer behandelt hat.", antwortet Barby und setzt sich neben mich.
„Erinnere mich nicht daran." An diesen Jimmy will ich gar nicht zurückdenken. Es hat sich so viel geändert zwischen uns. Wir haben uns ausgesprochen, er hat mir erzählt, warum er so doof zu mir war und jetzt sind wir sogar zusammen. Auch, wenn er sich nicht gerade so verhält. Aber ich habe es schon einmal geschafft, dass er mich angesehen hat, da sollte ein zweites Mal kein Problem sein.
„Ich rede morgen mit ihm, versprochen.", sage ich und schenke Barby ein mühsames Lächeln.
„Morgen? Hat Jimmy dir gar nicht erzählt, dass wir morgen für einen Fernsehauftritt nach Berlin fahren?" Ungläubig schüttele ich den Kopf. „Kein Wort.", sage ich, wie als zusätzliche Bestätigung.
Ich überlege kurz, ob ich es tun soll, stürme dann aber ohne anzuklopfen in Jimmys Zimmer. Erschrocken schaut er auf, mir direkt in die Augen. Er sitzt in seinem Sitzsack an dem offenen Fenster, die Gitarre unter dem Arm geklemmt. Durch den Luftzug, den ich durch das öffnen der Tür erzeugt habe, sind seine Notizen durcheinander geflogen. Die alte Leo, die, die sich für Alles entschuldigt hat und die sich von Jimmy herum kommandieren lassen hat, hätte ihm wahrscheinlich beim zusammensuchen der Blätter geholfen. Doch jetzt bleibe ich an der Tür stehen, verschränke die Arme vor der Brust und sehe Jimmy dabei zu, wie der auf Knien rutschend seine Texte zusammensucht.
„Ist ja nicht so, dass ich mich nicht freuen würde dich zu sehen, aber gibt es einen Grund für diesen Überfall?", fragt er. Eines seiner Blätter ist mir direkt vor die Füße geflogen und als Jimmy es jetzt aufheben und zu den Anderen auf den Schreibtisch legen will, stelle ich provokant den Fuß darauf.
„Wieso? Ich habe doch schon oft hier übernachtet. Oder hast du was dagegen?" Ich bücke mich selbst nach dem Papier und reiche es Jimmy. Ohne mich aus den Augen zu lassen nimmt er mir ab und legt es zu den anderen auf den Schreibtisch. Dann schlingt er beide Arme um mich, zieht mich an sich und drückt mir einen Kuss auf die Stirn. Ich atme tief und schiebe ihn einen Stück von mir.
„Echt jetzt?"
„Was meinst du?" Fragend und auch ein bisschen verwirrt sieht Jimmy mich an.
„Du gehst mir seit unserem letzten Gespräch aus dem Weg, geschweige denn, dass du mich anfasst.", erkläre ich ihm die offensichtliche Sache.
„Ja, aber nur, weil du deinen Freiraum wolltest. Schon vergessen?" Jetzt ist Jimmy an der Reihe, die Arme zu schränken, doch ich halte seinem Blick stand.
„Freiraum heißt aber nicht, dass du mich ignorieren sollst. Deine Geschwister denken schon, dass wir uns wieder benehmen, wie am Anfang.", antworte ich und atme tief. Ich schlucke und schaffe es so die aufsteigenden Tränen zu verdrängen.
„Nach allem, was passiert war, konnte ich nicht einfach so weitermachen, als wäre nichts passiert. Ich hätte dich gebraucht." Jetzt kann ich nichts mehr gegen die einzelne Träne tun, die mir über die Wange läuft. Jimmy sieht diese, seufzt, bleibt aber wo er ist. Ich spüre, wie er mit sich hadert, wie er mich am liebsten einfach in den Arm nehmen würde.
„Jetzt komm schon her.", sage ich schließlich und sofort kommt Jimmy auf mich zu. Wie eben schon schlingt er beide Arme um mich und streicht dann die Träne mit seinem Daumen fort. Als er seinen Kopf an meiner Schulter betten will, lege ich ihm eine Hand in den Nacken und drehe seinen Kopf so, dass sich stattdessen unsere Münder treffen. Gott, wie habe ich das die letzten Wochen vermisst. Wie habe ich ihn vermisst!
Ich weiß nicht wie, aber irgendwie landen Jimmy und ich in seinem Bett. Allerdings beide angezogen, ich mit meinem Kopf auf seiner Brust und seinem Herzschlag lauschend. Jimmy streicht mir mit einer Hand durchs Haar und mit der anderen über den Oberarm, was mir selbst durch den Pullover eine Gänsehaut beschert.
„Tut mir leid, wenn ich dich unter Druck gesetzt habe.", sagt er irgendwann gedankenverloren.
„Ich hab deine Worte wohl irgendwie falsch verstanden.", fügt er hinzu, als ich nichts erwidere.
„Ja, kann man wohl sagen.", antworte ich. Ich setze mich auf und drücke ihm einen Kuss auf die Lippen.
„Kann ich das irgendwie wieder gut machen?" Jimmy muss sich etwas zurücklehnen, um mich richtig ansehen zu können. Okay, dass war der Startschuss für meinen Plan.
„Na wenn du so fragst ... was hältst du von Kino morgen Abend?" Klar weiß ich, dass er mit seinen Geschwistern morgen Abend in Berlin ist. Aber Jimmy weiß nicht, dass ich davon weiß.
„Oh, Shit..." Jimmy fährt sich mit beiden Händen übers Gesicht und ich muss mir ein Grinsen verkneifen.
„Was? Was ist denn los?", frage ich gespielt unwissend.
„Leo, ich muss dir was sagen." Jimmy setzt sich mir gegenüber in den Schneidersitz und sieht mich ernst an.
„Wir fahren morgen nach Berlin, haben da Nachmittag einen Auftritt in einem Fernsehstudio. Danach bleiben wir im Hotel und kommen erst übermorgen nach Hause.", erklärt er mir, was ich von Barby eigentlich schon alles weiß. Das es bei Jimmy allerdings so klingt, als würde nur er und seine Geschwister fahren, versetzt mir einen kleinen Stich ins Herz.
„Achso... na wenn das so ist. Dann werde ich dich mal schlafen lassen. Klingt ja so, als hättest du stressige Tage vor dir." Ich rutsche vor bis zur Bettkante und bleibe da einige Sekunden sitzen. Worauf warte ich eigentlich? Das er mich fragt, ob ich mitkommen möchte? Natürlich will ich das. Andererseits will ich die Kelly-Geschwister aber nicht bei ihrer Arbeit stören.
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Together we are strong
Fanfiction‼️TRIGGERWARUNG‼️ Diese Geschichte enthält triggernde Inhalte, die eventuelle Spoiler für den Verlauf der Geschichte enthalten. Zudem zählen: Verlust der Eltern und anderer geliebter Personen, Kindesmissachtung, Trauer, Waffenmissbrauch und Verarbe...
