- Leo -
Als ich das letzte Mal auf dem Friedhof war hatte ich nicht damit gerechnet wiederzukommen. Immerhin hätte mich mein Stiefvater damals beinahe hier gefunden, als ich sämtliche Brücken zu meiner Vergangenheit abbrechen und abhauen wollte. Doch das Schicksal, oder wer auch immer, hat mich damals zu den Kellys gebracht. Man, es kommt mir vor, als wäre das schon Jahre her, dabei sind es nur wenige Wochen. Was in dieser doch recht kurzen Zeit schon Alles passiert ist ...
„Und ich soll wirklich nicht mitkommen?", fragt Jimmy mich und holt mich aus meinen Gedanken.
„Nein, brauchst du nicht. So krank, dass er mir auf dem Friedhof auflauert, ist nicht einmal mein Stiefvater.", antworte ich, obwohl ich dem alles zutrauen würde. Was er mit mir machen würde, würde er mich hier finden, will ich mir gar nicht vorstellen. Eine kleine Stimme in meinem Kopf meldet sich, dass er vielleicht wirklich heute hier sein könnte. Immerhin war es nicht nur meine Oma, die ich vorhabe zu besuchen, sondern auch seine Mutter. Zwar hatten die beiden keinen Kontakt, nachdem meine Mutter gestorben war und er mich – mit seinen Worten „an der Backe hatte" – aber so schlecht kann ein Mensch gar nicht sein.
Langsam gehe ich die schmalen Wege entlang. Mit jedem Schritt bereue ich es, dass ich Jimmy nicht doch noch gebeten habe, mich zu begleiten. Ich habe mich von meinem Sturz zwar gut erholt und mein Fuß tut kaum noch weh, doch der Stein in meinem Magen und das unsichtbare Band, welches um mich gespannt ist sorgen dafür, dass ich nur langsam voran komme. An der nächsten Hecke bleibe ich stehen und luke vorsichtig um die Ecke. Falls er sich das Hirn doch noch nicht weg gesoffen hat und sich erinnert welcher Tag heute ist, könnten wir jetzt aufeinander treffen. Und dass versuche ich um jeden Preis zu verhindern.
Als ich um die Ecke sehe ist weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Ich nehme die alten Blumen aus der Vase, befülle diese mit frischem Wasser und stecke den eben gekauften Strauß hinein. Dann gehe ich neben dem Grab in die Hocke und wische das heruntergefallene Laub von dem Stein und fahre die Schrift darauf nach. Ich bin keiner dieser Leute, die ihren Liebsten alles aus ihrem Leben erzählen. Einmal habe ich es versucht und kam mir total bescheuert dabei vor. Aber ich war so verzweifelt, habe mich so alleine gefühlt, dass ich keine andere Alternative wusste. 'Irgendwann wirst du eine richtige Familie haben.', hat meine Oma zu mir gesagt kurz bevor sie gestorben ist und mich zu meinem Stiefvater gegeben hat.
„Ich glaube, ich habe meine Familie gefunden. Du hattest, wie immer, recht.", sage ich und wische mir eine Träne von der Wange. Kann auch sein, dass es ein Wassertropfen war, da es wieder stärker zu regnen begonnen hat. Eher unwahrscheinlich ...
Im Gehen schmeiße ich die alten Blumen auf den Komposthaufen und drehe mich nicht mehr um, denn ich weiß wenn ich es tun würde, würde ich den Schmerz wieder so fühlen, wie am Tag ihrer Beerdigung. Zwar war ich da noch ziemlich klein, aber ich kann mich noch ganz genau an diesen grausamen Tag erinnern.
„Alles okay?", fragt Jimmy, als ich wieder bei ihm ankomme und zieht mich auch gleich an sich. Ich nicke nur, wobei ich nicht weiß, ob er durch seine Jacke als dieses deuten kann.
Auf dem Rückweg müssen wir schließlich in einem Schnellrestaurant Unterschlupf suchen, da der Regen immer stärker wird. Wir bestellen uns warme Getränke und umschließen die Becher mit den Händen, als wir diese serviert bekommen haben. Da ich Jimmy nicht auf der Tasche liegen wollte und mein restliches Geld für den Blumenstrauß ausgegeben habe, hat es für mich nur für einen Kräutertee gereicht, der zwar herrlich duftet, aber schmeckt, wie warmes Abwaschwasser vom Vortag. Aus Jimmy's Tasse hingegen steigt mir der Duft von heißer Schokolade in die Nase und der Berg Sahne, der über den Rand der Tasse ragt, macht es mir nicht leichter, mir meinen Abwasch – Tee schönzureden.
„Und du willst wirklich nicht probieren?", fragt Jimmy, als er meinen sehnsüchtigen Blick bemerkt.
„Ist schon okay.", antworte ich mit einem falschen Lächeln und nippe leicht an meinem Becher. Aber nur so weit, dass diese undefinierbare Flüssigkeit meine Lippen berührt.
„Leo, abgesehen von Joey kenne ich Keinen der so schlecht lügen kann wie du." Grinsend schiebt er mir seinen Becher über den Tisch zu und lacht, als ich einen großen Schluck von seiner Schokolade nehme.
„Du hast da noch was von der Sahne kleben.", sagt er und deutet auf meine Oberlippe. „Halt, nicht so schnell." Er hält meine Hand fest, mit welcher ich mir über den Mund wischen wollte und drückt stattdessen seine Lippen auf meine und leckt mit seiner Zunge die Sahne weg. Alleine diese kleine Geste lässt das flaue Gefühl, festgehalten zu werden und die Worte 'Halt, nicht so schnell.', in einem ganz anderen Licht dastehen. Mein Stiefvater ist mich immer so angegangen, wenn er etwas wollte, oder ich in seinen Augen etwas falsch gemacht habe. Aber jetzt hier mit Jimmy verblassen diese Erinnerungen. Werden ersetzt durch eine Schönere.
„Weißt du, was ich dich die ganze Zeit schon fragen wollte?"
„Nein, was denn?", frage ich, nehme noch einen Schluck und schiebe Jimmy seinen Becher dann wieder zu.
„Was ... was würdest du zu deinem Stiefvater sagen, wenn du ihn wiedersehen würdest?"
„Was? Keine Ahnung. Ich will diesen Typen nie wieder sehen, geschweige denn mit ihm reden.", antworte ich, ziemlich überrascht von Jimmy's Frage.
„Ich würde ihm danken.", sagt Jimmy und mir fällt die Kinnlade herunter.
„Wofür sollte ich mich denn bedanken? Für zehn Jahre der Ignoranz? Den ganzen Hass und dafür, dass ich angeblich sein Leben versaut habe?" Ich will von Jimmy's Schoß rutschen, doch er hält mich fest.
„Nein, dafür würde ich ihm in den Arsch treten. Ich würde ihm dafür danken, dass er dich in gewisser Weise zu mir gebracht hat. Hätte er dich besser behandelt, wärst du nie abgehauen und ich hätte dich nie getroffen." Dazu weiß ich nichts zu sagen. Einerseits will ich ihm widersprechen. Es gibt nichts, wofür man diesem Mann danken kann. Er hat mein Leben versaut! Andererseits wäre ich bei ihm geblieben, hätte er mich besser behandelt. Ich wäre an diesem Morgen nicht von zu Hause abgehauen, wäre auf dem Friedhof nicht vor ihm davongerannt und wäre sicher auch nicht in der Fußgängerzone zusammengebrochen. Wenn man es also so betrachtet, wäre ich nie zu den Kellys gezogen, gäbe es ihn nicht.
„Du siehst immer das Gute im Menschen, oder? Selbst bei denen, wo es nichts Gutes zu sehen gibt.", stelle ich fest. Ich stehe von meinem Stuhl auf und setzt mich auf Jimmy's Schoß. Zwar sind unsere Hosen noch nicht ganz trocken, doch das stört mich nicht.
„Gute Erziehung.", sagt Jimmy noch, ehe ich ihn mit meinen Lippen zum Schweigen bringe. Das uns die restlichen Gäste beobachten, stört mich nicht. Zum ersten Mal in meinen siebzehn Jahren fühle ich mich wie ein normaler Teenager. Ich habe einen festen Freund mit dem ich in der Öffentlichkeit knutschen kann. Überhaupt mal die Erfahrung zu machen einen Freund zu haben, beflügelt mich in diesem Moment. Meine Welt wächst langsam, aber sicher wieder ein Stückchen zusammen. All die Risse, die sie in den letzten Jahren erleiden musste, werden geheilt.
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Together we are strong
Fanfiction‼️TRIGGERWARUNG‼️ Diese Geschichte enthält triggernde Inhalte, die eventuelle Spoiler für den Verlauf der Geschichte enthalten. Zudem zählen: Verlust der Eltern und anderer geliebter Personen, Kindesmissachtung, Trauer, Waffenmissbrauch und Verarbe...
