Kapitel 33

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- Leo -

Jeder einzelne meiner Knochen schmerzt, als ich mich am nächsten Morgen aufsetzte. Es geht doch nichts über eine bequeme Matratze. Ich blinzele gegen die Sonne. In meinem Heulanfall gestern Abend bin ich auf dem Boden eingeschlafen; habe meinen Rucksack als Kissen umfunktioniert. Ich sehe mich um, da ich zum ersten Mal, seit ich gestern Nacht hier eingestiegen bin wirklich etwas sehen kann. Es war anscheinend wirklich mal das Schlafzimmer in dem ich die Nacht verbracht habe. Zumindest lässt das alte Bett mich dass vermuten. Mehr ist in diesem Raum nicht. Außer die Papierschnipsel um mich herum und dunkel kommen die Erinnerungen daran zurück, was ich gestern Nacht getan habe. Gerade, als ich glaube gestern alle Tränen geweint zu haben, verschwimmt mein Blick, als mir klar wird, was ich getan habe. Ich habe das Letzte zerstört, was ich von meiner Mutter noch hatte. An diesem Foto habe ich mich immer festgehalten, wenn ich dachte, nicht weiterzuwissen. Es war wie mein Anker. Doch den habe ich nun von mir gestoßen, anstatt danach zu greifen.

Ich atme noch einmal durch, lasse einen letzten Schluchzer zu und wische mir dann das Gesicht trocken. Meine Knie knacken und mein Rücken schmerzt, als ich aufstehe und meinen Rucksack hoch hieve. Ich brauche auf jeden Fall eine bequemere Bleibe. Zumindest für die Nächte. Aber zu aller erst brauche ich etwas zum Frühstück. Mit dem Wasser, welches im Untergeschoss aus dem Hahn tropft wasche ich meine Hände und spritze mir ein wenig ins Gesicht. Meine Augen müssen total rot und geschwollen vom vielen Heulen sein. Ohne noch einen Blick zurückzuwerfen verlasse ich das Haus wieder.

Nachdem ich mich orientiert und abgewägt habe in welche Richtungen ich auf keinen Fall gehen kann, mache ich mich auf den Weg auf die Suche nach etwas Essbarem. Ich würde mich sogar mit einem Kaffee zufrieden geben. Leider sind um diese Uhrzeit noch nicht viele Leute unterwegs. Als ich in meinem Rucksack nach meinem Portmonee suche – die Hoffnung stirbt zuletzt – stoße ich auf das Ticket, welches ich mir gestern noch gekauft und ausgedruckt habe. Ich wollte nach Schweden und dort neu anfangen. Fragt sich nur, wie ich zu der Fähre gelangen will. Das Geld, welches ich noch dabeihabe reicht nicht einmal für die Straßenbahn, geschweige denn für eine mehrstündige Zugfahrt. Ich stecke das Portmonee wieder ein, lasse das Kleingeld, sowie das Ticket in meinen Hosentaschen verschwinden. Wenn ich Glück habe, finde ich einen Abnehmer, der mir den angemessenen Preis dafür zahlt. Und von dem Kleingeld bekomme ich immerhin einen Kaffee. Ich zwinge mich, nicht zu den belegten Brötchen zu schauen, während die schwarze Flüssigkeit in den Becher läuft.

„Möchtest du sonst noch etwas?", fragt mich die Verkäuferin.

„Nein, dass ist alles, danke.", zwinge ich mich zu sagen. Sie wirft mir einen mitleidigen Blick zu und scheint mich blind zu verstehen.

„Sicher?", hakt sie nach, was meine Vermutung bestätigt. Ich nicke nur und nehme dann meinen Becher entgegen.

Die Kapuze weit ins Gesicht gezogen setze ich mich drei Straßen weiter auf eine Bank und versuche mich mit dem Kaffee von den Brötchen abzulenken. Sofort knurrt mein Magen.

„Ruhe!", befehle ich ihm und bin froh, dass Niemand in meiner Nähe ist. Wenn mich Jemand sehe würde, derjenige würde mich sofort einweisen lassen. Da sitzt die da alleine auf der Bank und spricht mit sich selbst. Die ist doch reif für die Balabala-Burg! Hey, immerhin hätte ich da eine warme und bequeme Bleibe und regelmäßige Mahlzeiten.

Das Schlagen der Turmuhr am Rathaus verrät mir, dass es acht Uhr ist. So langsam versammeln sich die Kellys in der Küche, Jimmy wird jeden Moment aufstehen und meinen Brief finden. Wie sehr ich mich in den letzten paar Wochen an diese Routine gewöhnt habe. Sie Alle werden losziehen um mich zu suchen, auch, wenn ich darum geben habe, dies nicht zu tun. Das hier ist mein Drama. Da will ich sie nicht mit reinziehen.

Ich werfe den leeren Kaffeebecher neben mich in den Papierkorb und ziehe wieder das Fährticket hervor.

„Da hast du ja heute noch einen ziemlich langen Weg vor dir.", sagt da eine Stimme neben mir. Ich blicke auf und sehe die Verkäuferin aus dem Straßencafé von eben an. Ohne nachzufragen setzt sie sich neben mich, legt zwei Tüten zwischen uns und zieht aus einer einen Donut in den sie genüsslich hinein beißt. Auch, wenn ich früh eigentlich nicht für solchen Süßkram bin, konzentriere ich mich noch ein wenig mehr auf die Daten. Auch, wenn ich eigentlich gar nicht fahre. Ich muss mich mit irgendwas ablenken, damit mein Magen nicht gleich rebelliert.

„Schweden also, ja? Wollte ich auch schon immer mal hin. Aber bei meinem Gehalt kann ich mir gerade mal ein Wochenende an der Nordsee leisten.", sagt sie und lukt über meine Schulter auf das Papier. Ihr Atem ist ein Mix auf Kaffee und frischem Gebäck. Jetzt gibt es für meinen Magen kein Halten mehr. Lautstark rumort er. Ich versuche es noch mit einem Husten zu übertönen, doch das Grinsen meiner Gegenüber zeigt mir, dass dieser Versuch umsonst war. Da kommt mir eine Idee.

„Hier, für dich.", sage ich und halte ihr das Ticket entgegen. Das ich dafür jetzt eventuell keinen Cent bekommen werde ist mir egal. Ich habe es irgendwie wieder geschafft in diesen Modus zu schalten, wo mir alles egal ist. Wie gestern Nacht, als ich das Foto meiner Eltern zerrissen habe.

„Wie? Im Ernst?" Ungläubig sieht sie mich an.

„Ja, hier. Nimm es. Ich will nicht mehr fahren." Am besten, ich gehe einfach zurück zu meinem Stiefvater. Es wird ihn nicht gestört haben, dass ich weg war.

„Aber ich habe jetzt gar nicht so viel Geld dabei. Ich habe allgemein nicht so viel Geld."

„Ich will nichts dafür.", sage ich nur knapp und schiebe das Papier unter die zweite Papiertüte.

„Oh mein Gott, danke dir. Und du bist dir sicher?" Als ich nur nicke fällt sie mir um den Hals. Dann bedankt sie sich noch einmal, steckt das Tickt in ihre Tasche und geht mit schwungvollen Schritten davon. Ich schaue ihr noch eine Weile nach, bis sie um die nächste Ecke verschwindet. Dann stütze ich den Kopf in die Hände und überlege, wie ich nur meine letzte Chance, irgendwie an Geld zu kommen, einfach so verschenken konnte. Denn jetzt habe ich wirklich nichts. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass neben mir noch immer eine Papiertüte liegt. Als ich sie anhebe, um sie in den Mülleimer neben mir zu befördern, merke ich, dass sie noch nicht leer ist. Zögerlich öffne ich die Tüte und sehe darin ein Croissant und eines der belegten Brötchen. Ungläubig sehe ich von der Tüte auf, aber von der Verkäuferin ist natürlich keine Spur mehr zu sehen. Ohne länger nachzudenken hole ich das Brötchen aus der Tüte und nehme einen großen Bissen. Ich seufze und schließe genüsslich kauend die Augen. Immerhin ist das meine erste Mahlzeit seit vierundzwanzig Stunden. War die Sache mit dem Tickt also doch nicht ganz umsonst.

Den Rest des Tages laufe ich ziellos durch die Stadt. Gegen Mittag mache ich es mir im Park gemütlich, wenn es schon mal nicht regnet. Eine kleine Gruppe Jugendliche, die wahrscheinlich gerade aus der Schule kommen gesellen sich zu mir, auch wenn ich gerne alleine wäre, aber immerhin bekomme ich etwas zu trinken spendiert. Wenn ich etwas fühlen würde, würde ich sagen, das ich am Ende bin. Doch ich komme klar. Irgendwie.

Together we are strongGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt