Kapitel 38

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- Jimmy -

Ich habe unruhig geschlafen letzte Nacht. Immer wieder habe ich mir eingebildet, die Haustür zufallen zu hören. Immer wieder und wieder musste ich mich zwingen nicht aufzustehen und nachschauen zu gehen, ob Leo noch in ihrem Zimmer ist. Gegen halb drei habe ich meine Versuche noch einmal einzuschlafen, aufgegeben und habe mir meine Gitarre genommen. Ich habe mich in meinen Sitzsack ans offene Fenster gesetzt und einfach ein paar Akkorde gespielt. Nichts, was irgendwann mal auf eine unserer Platten gepresst werden wird, dazu waren meine Spielereien nicht gut genug. Aber es hat geholfen, um mein Gedankenkarussell zu stoppen.

Jetzt, als die Sonne sich durch die dicke, graue Wolkenschicht kämpft, werden meine Lider schwer. Ich sammele die Zettel vom Boden auf, packe meine Gitarre weg und lasse mich rücklings ins Bett fallen. Samt Shirt und Jeans. Ich schaffe es gerade noch mir die Schuhe von den Füßen zu treten, ehe mir die Augen zufallen.

Ein lautes klopfen an meiner Tür lässt mich hochschrecken. Ich bin nochmal so tief eingeschlafen, dass ich gar nicht mitbekommen habe, wie meine Geschwister aufgestanden und Frühstück gemacht haben.

„Lebst du noch?", höre ich Joey von der anderen Seite der Tür rufen. Gleich darauf klopft er erneut.

„Wenn du mich so sanft weckst, dann sterbe ich noch an einem Herzinfarkt.", gebe ich zurück und drücke mir mein zweites Kopfkissen aufs Gesicht. Trotzdem höre ich, wie mein Bruder ins Zimmer kommt und mir, ehe ich reagieren kann, die Decke wegzieht.

„Seit wann pennst du denn in Klamotten? Oder hast du einen nächtlichen Ausflug ins Nachbarzimmer gemacht?", fragt Joey und wackelt amüsiert mit den Augenbrauen.

„Es geht dich zwar nichts an, aber nein. Habe ich nicht. Ich war die ganze Zeit brav in meinem Zimmer."

„Alles klar. Kommst du trotzdem frühstücken?" Auch, wenn ich Joey nicht ansehe höre ich, dass er amüsiert grinst.

„Mh, komme gleich.", nuschele ich in die Kissen.

„Beeile dich. Wir warten nicht ewig."

„Man, ich komme ja.", gebe ich ein bisschen zu genervt zurück. Joey hebt nur abwehrend die Hände.

„Also ich hab nichts gemacht. Der war schon so drauf.", sagt Joey, als ich hinter ihm die Küche betrete und uns unsere Geschwister und Leo entgegenblicken. Ich boxe Joey noch einmal gegen den Oberarm und setze mich dann auf meinen gewohnten Platz neben Leo.

Nach den Vorkommnissen gestern bin ich froh, dass Patricia zusammen mit einem nörgelndem Angelo den Abwasch übernimmt und ich mit Leo reden kann. Da unsere Zimmer nicht abhörsicher sind, entscheiden wir uns für unseren Musikraum im Keller. Noch während ich die Tür hinter mir zuziehe setzt sich Leo ans Klavier und spielt ein paar Töne. Einfach so, wahrlos, genau wie ich letzte Nacht. Ich habe so viele Fragen, will, dass sie mir erzählt, was gestern mit ihr los war. Natürlich habe ich Barby gefragt, doch meine kleine Schwester hat mir keinen Ton verraten und meinte nur, ich solle selbst mit Leo reden.

Und da sitzen wir nun. Leo am Klavier und ich auf einem der Stühle. Die Gitarre, die daran lehnt habe ich in der Hand. Wie vom selbst greifen meine Finger die passenden Akkorde zu dem, was Leo spielt. Vielleicht ist es mit dem Reden genau so. Einer muss anfangen, der andere – in diesem Fall ich – stimmt mit ein. Also schlage ich die Saiten an. Überrascht sieht Leo über die Schulter zu mir. Das sie dabei weiterspielt und sich kein einziges Mal verspielt, beeindruckt mich. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht und sie dreht sich wieder um. Ihre Finger fliegen nur so über die Tasten, dass ich irgendwann nicht mehr hinterher komme.

"Gibt's du schon auf?", fragt sie neckend und will sich wieder den Tasten widmen. Schnell steht ich auf und schlinge von hinten beide Arme um sie.

„Hey, was soll das? Lass mich runter." Leo kichert und versucht sich aus meinem Griff zu lösen. Doch ich denke gar nicht daran. Würde ich sie jetzt und hier loslassen, würde sie auf den harten Boden fallen. Also gehe ich mit ihr ins Nebenzimmer und gehe ihrer Bitte erst über dem Sofa nach.

„Wie du willst.", sage ich und lasse Leo auf eines der Sofas fallen. Das, auf welchem wir damals eingeschlafen sind. Ich schiebe die Erinnerung daran beiseite und beuge mich zu ihr herunter. Eigentlich sich wir ja zum reden hier. Aber mir ist gerade nicht nach reden. Und so, wie sie mich ansieht, geht es Leo nicht anders. Wobei das bei ihr nichts Neues ist. Leo redet nicht gerne über sich und ihre Probleme, so viel weiß ich indessen. Und wir hätten in diesem Moment eine Menge Gesprächsstoff.

„Leo, du weißt ja gar nicht, wie gerne ich dir jetzt die Klamotten vom Leib reißen würde, aber..."

„Wir müssen reden. Ich weiß.", unterbricht sie mich, windet sich unter mir und setzt sich auf. Ich lasse mich, mit einem gewissen Abstand, neben sie fallen.

„Also, was willst du wissen?", fragt sie, als wüsste sie nicht, warum wir hier alleine sind.

„Ich will wissen was los mit dir ist Leo. Es war doch alles gut zwischen uns und dann haust du einfach ab und verlangst, dass wir hier sitzen und dich nicht suchen. Dann finde ich dich, alles ist wieder gut und keine Stunde später klappst du wieder zusammen.", lege ich die Fakten auf den Tisch.

„Okay, wie du willst." Leo dreht sich ein Stück weiter zu mir und sieht mich entschlossen an. „Als ich für euch einkaufen gehen sollte, da habe ich meinen Stiefvater gesehen. Und er mich. Keine Ahnung, ob er mich erkannt hat, aber in diesem Moment wurde mir klar, dass er mich, egal wo, immer finden würde." Leo's stimme ist überraschend fest, obwohl ich trotz des weiten Abstandes zwischen uns sehen kann, dass ihr die Tränen in den Augen stehen.

„Ist das die Sache, die du in dem Brief meintest? In die du mich nicht mit hinein ziehen wolltest?", hake ich nach, obwohl ich die Antwort zu wissen glaube.

„Ja, wenn er herausgefunden hätte, wo ich bin, hättet ihr die nächste Klage am Hals. Und das wollte ich euch nicht antun. Nach allem, was ihr für mich getan habt, habt ihr das nicht verdient. Es reicht, wenn er mir das Leben zur Hölle gemacht hat. Ich habe nichts mehr." Bei den letzten Worten bricht Leo's Stimme und Tränen rinnen über ihre Wangen. Ich rutsche zu ihr und nehme zu ihr.

„Sag das nicht. Du hast uns und du hast mich." Ich nehme ihr Gesicht zwischen meine Hände und zwinge sie so, mich anzusehen.

„Hörst du Leo, du hast mich. Egal, welche Scheiße du auch durchmachen musst, ich bin da. Ich meinte das ernst. Du wirst mich nicht mehr los." Mit dem Daumen wische ich eine Träne weg und Leo lacht kurz.

„Wenn du das so sagst, klingt das eher wie eine Drohung.", sagt sie.

„Für Jeden, der dir etwas antun will ist es das auch.", antworte ich.

„Ich liebe dich." Das war es mit meiner Beherrschung. Mit einem leichten Schubser drücke ich sie in die Kissen und stütze mich über sie.

„Jimmy, warte.", sagt Leo und räkelt sich leicht unter mir. Ich gehe ihrer Bitte nach und knie mich wieder an das Fußende des Sofas.

„Ich glaube, ich muss mir erst einmal klar werden lassen, was in den letzten Tagen passiert ist, ehe wir an diesem Punkt weitermachen können. Ich hoffe, dass ist okay für dich." Leo setzt sich auf und zieht ihren Pullover wieder nach unten und fährt sich durch die Haare.

„Jimmy?" Fragend sieht sie mich an und erst da merke ich, dass ich mit meiner Antwort viel zu lange gewartet habe.

„Klar ist das okay. Nimm dir alle Zeit, die du brauchst. Du weißt ja, wo du mich findest.", antworte ich und versuche die Enttäuschung über diese Zurückweisung zu verstecken. Wenn Leo etwas merkt, kann sie es sehr gut verstecken.

„Bitte verstehe mich nicht falsch. Ich will dich nicht loswerden, oder diese Sache mit uns beenden. Ich brauche einfach etwas Zeit.", sagt sie, als ich aufstehe und den Stuhl wieder unter der Tür wegziehe.

„Klar, verstehe schon.", antworte ich nur und lasse Leo dann alleine in unserem Probenraum sitzen. Denn für mich fühlt es sich genau danach an – als wolle sie mit mir Schluss machen. Als hätte sie nur eine Gelegenheit gesucht, die ihr jetzt quasi auf dem Silbertablett serviert wurde. Die Begegnung mit ihrem Stiefvater hat sie so aus der Bahn geworfen, dass Leo alles zu überdenken scheint. Immerhin ist sie sogar von hier weggelaufen. Ihrem sicheren Ort, von den Menschen, die ihr eine Familie gegeben haben.

Together we are strongGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt