- Leo -
Die Stunden, die ich noch wach gelegen habe, ehe ich in Jimmy's Armen eingeschlafen bin, habe ich nachgedacht. Ich werde auch seinen Geschwistern meine Geschichte erzählen. Vielleicht nicht jede Einzelheit, wie bei Jimmy, aber wenn sie schon so nett sind und mich hier umsonst wohnen lassen, haben sie auch ein Stücken Wahrheit verdient. Leicht wird das sicher nicht. Aber wann hatte ich es schon das letzte Mal leicht in meinem Leben?
Als ich aufwache dämmert es draußen bereits und Jimmy ist verschwunden. Wahrscheinlich, um den unangenehmen Fragen seinen Geschwistern aus dem Weg zu gehen. Bevor wir uns jetzt gleich nebeneinander an den Frühstückstisch setzten, muss ich ihn unbedingt nochmal sprechen und ihm sagen, was ich vorhabe. So stehe ich jetzt hinter der Tür und lausche, wie eine Tür nach der anderen auf und wieder zu geht, bis nur noch eine übrig ist. In der Hoffnung, dass es wirklich Jimmy ist, der noch in seinem Zimmer ist, schnappe ich mir den Pullover, der noch neben meinem Bett liegt, ziehe ihn über und ... warum ist er so groß? Klar, meine Pullover sind immer weit; ich hatte ja auch viel zu verstecken, aber dieser hier ... So schnell wie möglich gehe ich ins Bad und schaue in den Spiegel. Bei meinem Anblick muss ich grinsen. Es ist nicht mein Pullover, den ich trage, sondern Jimmy's. In seiner Eile heute morgen muss er in der Dunkelheit den falschen vom Fußboden aufgehoben und übergezogen haben. Bei der Vorstellung, dass Jimmy gerade zu dem gleichen Schluss gekommen ist, muss ich noch mehr grinsen.
Ich reiße mich zusammen, setze einen normalen Gesichtsausdruck auf und spritze mir noch etwas kaltes Wasser ins Gesicht. So sieht man mir meinen Schlafmangel vielleicht wenigstens nicht an. Wieder in meinem Zimmer ziehe ich Jimmy's Pullover aus, aber anstelle ihn zu nehmen und ihm dem rechtmäßigen Besitzen zu bringen vergrabe ich noch ein letztes Mal mein Gesicht darin, ehe ich ihn in meinem Rucksack stecke. Dann ziehe ich mir einen meiner Pullover über und mache mich auf den Weg ins Esszimmer.
„Du hast, glaube ich, noch etwas von mir." Jimmy's Stimme hinter mir lässt mich zusammenzucken. Ich habe ihn nicht kommen hören.
„Tut mir leid, aber das Beweisstück, dass ich mir die letzte Nacht nicht nur eingebildet habe und du dich gleich wieder in den gemeinen Mr. Hyde verwandelt, wurde beschlagnahmt.", antworte ich, kann mein Grinsen aber nicht verbergen.
„Okay, das ist natürlich verständlich.", entgegnet er gespielt ernst. Ich sehe mich nach beiden Seiten um, ehe ich Jimmy sage, was ich vorhabe; seinen Geschwistern Alles zu erzählen. Auch die Sache zwischen uns Beiden.
„Bist du dir sicher?", fragt Jimmy und nimmt meine Hand.
„Ich meine, das mit uns können sie gerne wissen. Ich habe diese Geheimnistuerei nämlich echt satt, aber der Rest? Nur weil es gestern Nacht leicht war, muss es das jetzt nicht auch wieder sein. Ich war alleine, die da unten sind acht." Besorgt sieht Jimmy mich an und tatsächlich beginne ich kurz meine Entscheidung zu überdenken. Doch dann zwinge ich meine Gedanken zum Stopp.
„Ja, ich meine, sie haben mich einfach so aufgenommen und umsonst hier wohnen lassen.", versuche ich mich zu erklären.
„Außer dieser einer Idiot, der dich unbedingt loswerden wollte. Wie war noch gleich sein Name?" Gespielt überlegend legt Jimmy den Kopf schräg und ohne dass ich es will, muss ich lachen.
„Jetzt bleib doch mal erst. Mir ist das wichtig. Ihr Alle seid die Familie, die ich nie in meinem Leben hatte. Und genau deswegen haben sie die Wahrheit verdient."
„Okay, verstehe. Und falls du Hilfe brauchst, ich sitze gleich neben dir. Aber wir sollten jetzt zu den Anderen. Komm, kleines Klammeräffchen." Ehe ich mich versehen kann hat Jimmy mich auf seinen Rücken gehoben. Meine Hände ruhen auf seiner Brust, spüren seinen Herzschlag und meine Beine habe ich fest um seine Mitte geschlungen. Kurz vor der Tür setzt er mich vorsichtig ab
„Bereit?", fragt er und hält mir seine Hand entgegen.
„Ja, das bin ich.", sage ich voller Überzeugung und lege meine Hand in seine.
Paddy, der an der Stirnseite des Tisches und damit direkt gegenüber von der Tür sitzt, sieht uns als erstes. Sein Brötchen fällt ihm aus der Hand und er verschüttet beinahe seinen Kakao.
„Ist es das wonach es aussieht?" Bei seinen Worten liegen die Blicke seiner Geschwister zuerst auf ihm, Jimmy muss lachen, dann wandern all die Blicke zu uns.
„Wonach sieht es denn aus?", fragt Jimmy seinen kleinen Bruder und schaut auf unsere verschränkten Hände. All die Blicke, die nun auf uns liegen, lassen mir die Röte ins Gesicht steigen. Ich wende den Blick auf den Boden, auch um das dümmliche Grinsen zu verstecken, welches sich ebenfalls wieder auf meine Lippen schleicht.
„Hab ich mich im Datum geirrt, oder was soll das hier werden?", fragt John, was auch seine Geschwister wieder aus deren Starre holt.
„Witzig, echt.", entgegnet Jimmy nur.
„Jetzt setzt euch erstmal und esst.", sagt Patricia, um das peinliche Schweigen zu unterbrechen. Ich tue, wie mir geheißen und setze mich neben Jimmy an den Frühstückstisch.
Als das Frühstück beendet ist und die Ersten schon ihr Geschirr abräumen wollen, finde ich nicht die richtigen Worte, um irgendwen am Tisch zu halten. Vielleicht getraue ich es mir auch nicht. Hilfesuchend sehe ich zu Jimmy. Er nickt mir wissend zu und nimmt meine Hand.
„Hey, Leute wartet mal!", ruft er seinen Geschwistern zu.
„Was gibt's denn noch?", fragt Joey, der schon auf dem Sprung nach draußen war. Ermutigend sieht Jimmy zu mir.
„Ich ... ich wollte euch noch etwas erzählen.", stottere ich zusammen.
„Okay, wir hören." Alle bleiben an Ort und Stelle stehen und sehen zu uns. Wie in einem pausierten Film. Oder Stauen.
„Ich kann das nicht.", sage ich leise zu Jimmy und will schon aufstehen, doch er hält mich sanft fest.
„Hey, klar kannst du das. Ich bin bei dir. Du schaffst das.", flüstert er mir zu.
„Habt ihr es dann? Manche von uns haben nicht den ganzen Tag Zeit.", kommt es von John.
„Wenn ihr euch nochmal für fünf Minuten setzten könntet ... „ Jimmy deutet auf die leeren Stühle. Barby ist die erste, die sich wieder zu uns setzt. Dankbar lächele ich ihr zu.
„Jetzt kommt schon.", sagt sie und einer nach dem Anderen tut es ihr gleich, bis wieder Alle um den Tisch sitzen.
Irgendwo her nehme ich dann den Mut und erzähle Jimmy's Geschwistern von meiner Vergangenheit. Ich schaffe es sogar, Alle kurz einen Blick auf meine Unterarme werfen zu lassen.
„Und warum hast du in all den Jahren nie die Polizei gerufen?", fragt mich Joey, nachdem Alle eine gefühlte Ewigkeit geschwiegen haben.
„Dann hätte mein Wort gegen seines gestanden. Das hätte nichts gebracht.", antworte ich nur.
„Aber warum nicht? Das lässt sich doch ganz leicht prüfen." Joey verschränkt die Arme vor der Brust. Ich sehe, wie die Sache ihn aufwühlt. Am liebsten würde er raus und laufen. Ich wollte auch so lange vor meiner Vergangenheit weglaufen, bis ich Jemanden davon erzählt habe.
„Nein, so einfach ist das nicht, weil ..." Ich atme tief, ehe ich meine nächsten Worte ausspreche. Einen Teil, den ich auch Jimmy noch nicht erzählt habe.
„Er ist die Polizei. Mein Stiefvater ist Polizist." Ein raunen geht durch die Menge.
„Was?", schockiert sieht er mich an.
„Scheiße.", entfährt es Joey.
„Das kannst du laut sagen.", stimmt John ihm zu und lacht abwertend. Patricia vergräbt das Gesicht in den Händen und Barby drückt aufmunternd meine Hand. Egal wie, aber Alle sehen irgendwie geschockt aus. Aber was habe ich auch anderes erwartet?
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Together we are strong
Fanfiction‼️TRIGGERWARUNG‼️ Diese Geschichte enthält triggernde Inhalte, die eventuelle Spoiler für den Verlauf der Geschichte enthalten. Zudem zählen: Verlust der Eltern und anderer geliebter Personen, Kindesmissachtung, Trauer, Waffenmissbrauch und Verarbe...
