- Leo -
„Und du hast wirklich nichts vergessen?", frage ich Jimmy zum gefühlt hundertsten Mal an diesem Nachmittag. Er zieht den Reißverschluss seiner Tasche zu, stellt sie neben dem Bett ab und dreht sich zu mir um.
„Nein, hab ich nicht. Und du? Willst du wirklich nicht mitkommen? Immerhin werden wir drei Wochen unterwegs sein.", antwortet er und nimmt mich in den Arm.
„Das nächste Mal, versprochen.", antworte ich ihm.
„Leo, das versprichst du mir jetzt seitdem wir zusammen wohnen. Was ist mit unserer Liste, die Orte, die ich dir zeigen wollte."
„Wie gesagt, beim nächsten Mal."
„Ganz wie du meinst. Ich liebe dich." Jimmy schultert seine Tasche und drückt mich noch einmal an sich.
„Ich liebe dich auch."
Ich nehme mir meinen Haustürschlüssel und gehe mit Jimmy nach unten, wo seine Geschwister bereits auf ihn warten. Er wirft seine Tasche in den Kofferraum und begrüßt seine Geschwistern, wobei es bei mir eine Umarmung zum Abschied ist.
„Denk heute Abend an die Liveübertragung.", ruft Joey mir noch zu, eher er als letzter die Tür hinter sich zuschlägt. Langsam zuckelt der Bus um die Schlaglöcher herum. Durch die Heckscheibe kann ich sie herumalbern sehen. Sicher sind sie aufgeregt wegen heute Abend und ein noch größerer Teil von ihnen freut sich darauf vor tausenden Menschen zu spielen.
Ich winke ihnen nach, bis der Bus um die nächste Ecke biegt und verschwindet.
Den Rest des Tages verbringe ich mit putzen und aufräumen. Zwar wohnen Jimmy und ich nun schon eine ganze Weile in dieser Wohnung, doch die letzten Kartons – die mit unseren Klamotten zum Beispiel – stehen noch im Schlafzimmer herum. Unausgepackt. Bis jetzt hat es sich ganz gut aus der Kiste gelebt, doch wenn ich nun schon mal Zeit habe, mache ich mich daran, den Schrank aufzubauen. Zu meiner eigenen Verwunderung geht das schneller, als ich dachte. Hat wohl seine Vorteile, ein Leben lang auf sich selbst gestellt gewesen zu sein. Obwohl man die Anleitung in der Pfeife rauchen kann, dauert es gerade einmal eine halbe Stunde und der Schrank steht, wo er hingehört.
Ich platziere die Einlegeböden und beginne dann unsere Klamotten in die Fächer zu räumen. Mit meinen Sachen bin ich schnell fertig, doch Jimmys Sachen ... An jedem Stück hängen so viele Erinnerungen, dass ich es erstmal ein paar Minuten in der Hand habe, ehe es auf eines der Bretter, oder auf den Kleiderbügel kommt. Und trotzdem bin ich pünktlich zum Konzertstart fertig. Meine Pizza wurde rechtzeitig geliefert und ich habe mir eine neue Flasche Wasser mit ins Wohnzimmer genommen. Zum Kochen hatte ich heute keine Nerven mehr.
Gerade unterhält sich der Reporter mit ein paar Fans – einige von ihnen erzählen, dass sie schon seit dem Mittag vor der Halle stehen – während ich in mein erstes Pizzastück beiße. Immer wieder müssen Sicherheitskräfte eingreifen, weil die Massen nach vorne drängen. Ohne Rücksicht auf Verluste. Ich schlinge die Decke um meine Füße und bin froh, hier vor dem Fernseher zu sitzen und diesen Lärm nicht ertragen zu müssen. Hier kann ich einfach die Lautstärke runter drehen wenn mir danach ist.
Das Licht erlischt, einzelne bunte Spots strahlen auf die Bühne, auf welcher sich nun die Kellys nach und nach einsammeln. Das Schlagzeug setzt ein, dann die anderen Instrumente und schließlich kommt Jimmy als letzter auf die Bühne und stimmt den ersten Song an. Die Mengen grölen und halten Plakate in die Luft. Arschkarte, wenn man genau dahinter steht.
Die meisten Songs, die sie spielen kenne ich und bei manchen war ich sogar an der Entstehung beteiligt. Das sie das nicht erwähnen war mein Wunsch und dem gehen die Kellys nach. Mit keiner Silbe wird mein Name erwähnt.
Ich will mir gerade das nächste Stück Pizza nehmen, als es an der Haustür klingelt. Wenn ich es nicht besser wüsste und Jimmy live im Fernseher vor mit hätte, würde ich glatt denken, er würde mich überraschen wollen. Trotz aller Möglichkeiten, dass er es ist, nehme ich mir mein Handy und wähle seine Nummer. Ich lasse es viermal klingeln; fünfmal. Nach dem sechsten Mal lege ich auf. Außer Jimmy und seinen Geschwistern weiß niemand, dass ich hier wohne. Es sei denn ... sofort werden meine Knie weich. Ich schiebe die Decke beiseite und gehe langsam in den Flur. Sollte es mein Stiefvater wirklich irgendwie geschafft haben, dass sie ihn vorzeitig entlassen haben? Für ihn als Polizist sollte es ein Kinderspiel sein, meine Adresse herauszubekommen.
Mit zitternden Fingern schaue ich durch den Spion an der Tür und atme erleichtert auf, als ich ein junges Mädchen davor stehen sehe. Anscheinend habe nicht ich Besuch, sondern Jimmy. Eigentlich waren wir immer vorsichtig und haben Alles daran getan, dass keine verrückten Fans uns beim Betreten des Hauses sehen. Offenbar nicht vorsichtig genug.
Ich wische meine schweißnassen Hände an meiner Jogginghose trocken und öffne dann die Tür.
„Ciao. Bist du Leo?", fragt sie mich mit italienischem Akzent.
„Äh ... ja.", stottere ich zusammen.
„Ich bin Chiara." Das Mädchen streckt mir ihre Hand entgegen. Sie ist klein und liegt perfekt in meiner, als ich sie ergreife. Ihr Haar ist dunkel, fast schwarz und fällt ihr offen bis zu den Hüften. Für Anfang März ist Chiara sehr sommerlich gekleidet – kurze Shorts, ein Top und Sandalen. Alleine bei ihrem Anblick wird mir kalt.
„Kann ich vielleicht kurz reinkommen? Ist doch noch nicht ganz so warm hier in Deutschland, wie ich dachte.", sagt sie, als könnte sie meinen Blick lesen.
„Klar, komm rein." Warum lasse ich dieses fremde Mädchen einfach so in meine Wohnung? Ich kenne sie doch überhaupt nicht. Sie könnte sonst was im Schilde führen. Und trotzdem führe ich sie ins Wohnzimmer, hole ihr ein paar Socken und lange Sachen von mir, die ihr etwas zu groß sind und koche uns in der Küche Tee, während sie sich das Konzert der Kellys anschaut.
„Was machst du hier?", will ich dann irgendwann wissen. Unsere Tassen sind leer und es ist dunkel draußen.
„Ich habe dich gesucht, Leo. Den ganzen Tag." Entgeistert starre ich sie an.
„Du ... mich? Aber warum?" Chiara stellt ihre Tasse auf die Couchtisch nimmt meine Hände in ihre und sieht mich eindringlich an.
„Du bist meine große Schwester."
Fortsetzung folgt ...
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Together we are strong
Fanfiction‼️TRIGGERWARUNG‼️ Diese Geschichte enthält triggernde Inhalte, die eventuelle Spoiler für den Verlauf der Geschichte enthalten. Zudem zählen: Verlust der Eltern und anderer geliebter Personen, Kindesmissachtung, Trauer, Waffenmissbrauch und Verarbe...
