Kapitel 46

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- Leo -

Zwei Tage später werde ich entlassen. Trotzdem verbringe ich fast den ganzen Tag im Krankenhaus bei Jimmy. Nur zum Schlafen und zu den Mahlzeiten gehe ich nach Hause.

„Wir können ja mal fragen. Vielleicht stellen die ein Gästebett hier rein. Da bräuchtest du nicht jeden Morgen mit dem Fahrrad herkommen.", sagt Jimmy, der indessen auf die normale Station verlegt wurde, als ich meine vom Regen nasse Jacke aufhänge.

„Ha ha, dir scheint es zu gut zu gehen. Ich frag gleich nach deinen Entlassungspapieren.", kontere ich.

„Ja, bitte. Ich wette mit dir, dass ich mindestens drei Kilo abgenommen habe. Das essen ist nicht so Bombe."

„Was du nicht sagst. Ich habe auch schon in diesem Hotel eingecheckt. Mehrmals. Schon vergessen?" Ich deute auf meine Stirn. Die feine Narbe hebt sich hell vom Rest meiner Stirn ab und ist die letzte sichtbare Erinnerung an diesen Nachmittag in meinem alten zu Hause.

„Wie könnte ich. Immerhin war ich beim ersten Mal nicht ganz unbeteiligt." Fast gleichzeitig senken wir den Blick. Jimmy wirkt nachdenklich.

„Wir Beide und die Treppen ... das wird nix mehr in diesem Leben, oder?", fragt er dann, was mich aus meinen Gedanken holt. Ich habe genau das gleiche gedacht.

„Dann lass uns hoffen, dass wir eine Wohnung im Erdgeschoss finden.", sage ich. Ich nehme Jimmys Laptop aus meinem Rucksack. Diesen hatte ich zu Hause vorsichtshalber in Plastikbeutel gewickelt, damit er nicht nass wird. Ich setze mich rechts neben Jimmy und klappe den Laptop auf.

Nach allem, was passiert war, haben Jimmy und ich beschlossen, uns etwas Ruhe zu gönnen. Und das ist in einem Haus mit acht weiteren Mitbewohnern so gut wie unmöglich. So kam es, das wir anfingen nach Wohnungen in der Nähe zu suchen. Zu den Besichtigungen haben mich entweder John oder Joey begleitet, da ich alleine draußen noch immer unsicher war. Auch wenn mir eigentlich bewusst ist, dass mein Stiefvater hinter Schloss und Riegel sitzt und mir nichts mehr tun kann. Begeistert waren Jimmy's Geschwister von unseren Plänen anfangs allerdings nicht.

„Ihr zwei Alleine? Schon vergessen, was da beim letzten Mal bei rausgekommen ist?" Joey hat mich ernst angesehen, musste dann aber lachen, weil ich wahrscheinlich ein so doofes Gesicht gemacht habe.

„Wir können euch ja nicht zwingen für immer hier zu bleiben. Jeder von uns wird irgendwann seinen eigenen Weg gehen und ausziehen.", hat Kathy nur gesagt. Und das war unser Startschuss. Bisher verlief unsere Suche allerdings nicht gerade erfolgreich. Was man mit Bildbearbeitungsprogrammen nicht alles machen kann.

„Was hältst du von der hier?" Jimmy's Worte holen mich aus meinen Gedanken. Ich schaue auf den Bildschirm, wo er sich gerade durch die Fotogalerie einer Wohnung klickt.

„Hier, hör zu. Getrenntes Wohnzimmer und Küche. Ein Schlafzimmer, Gästezimmer und Balkon zur Südseite. Liegt zwar unterm Dach, aber sonst ... und das zu einem angemessenem Preis."

„Ist das nicht ein bisschen viel Platz? Ich meine, wozu brauchen wir denn ein Gästezimmer?" Fragend sehe ich Jimmy an. Er nimmt mir den Laptop ab, stellt in auf seinen Beinen ab und zieht mich enger an sich.

„Naja, erstmal vielleicht für unsere Instrumente und dann irgendwann für ein Kinderzimmer." Jimmy nimmt mein Kinn und will sich einen Kuss stehlen, doch ich wende mich aus seinem Griff und rücke von ihm weg.

„Hey, mal ganz langsam, okay. Eins nach dem Anderen." Abwehrend heben ich die Hände.

„Ich hab ja auch gesagt irgendwann. Oder willst du keine Kinder?"

„Keine Ahnung. Bis jetzt stand das nicht gerade ganz oben auf meiner Prioritätenliste." Ich war immer auf mich alleine gestellt und als ich dann Jimmy hatte, war ich so vollgepumpt mit Adrenalin, als wir miteinander geschlafen haben, da konnte ich an solche Sachen wie Kinder nicht denken. Ich habe einfach den Moment genossen. Ich habe es genossen, geliebt zu werden.

„Worüber denkst du nach? Ich kann doch sehen, wie es in deinem Kopf rattert." Sanft fährt Jimmy meine Narbe nach.

„Nicht so wichtig.", beeile ich mich zu sagen. Gott, wie peinlich. Ich werde Jimmy garantiert nicht gestehen, dass ich keinen einzigen Gedanken an die Verhütung verbracht habe.

„Wenn es dich beschäftigt, ist es mir automatisch wichtig." Er dreht mein Gesicht zu sich. „Also?" Auffordernd sieht Jimmy mich an.

„Ich hab da einfach nie richtig drüber nachgedacht, irgendwann mal Kinder zu haben.", antworte ich, was zumindest ein Teil der Wahrheit ist.

„Wir haben alle Zeit der Welt." Jetzt überbrückt Jimmy die letzten Zentimeter zwischen uns und küsst mich. Zumindest war das sein Plan, da es genau in diesem Moment an der Tür klopft und ein Pfleger mit dem Mittagessen hereinkommt.

„Perfektes Timing.", sagt Jimmy und verzieht das Gesicht.

„Na dann, lass es dir mal schmecken." Ich schreibe mir die Adresse der Wohnung auf und klappe dann den Laptop zu. Ich verstaue ihn wieder sicher in meinem Rucksack und ziehe meine Jacke wieder über.

„Du kannst auch noch bleiben.", sagt Jimmy. „Nein, eigentlich will ich das sogar."

„Ich auch, aber Kathy erwartet mich zum Mittag und danach muss ich eine Wohnung anschauen.", antworte ich.

„Okay, aber wehe du reibst mir jetzt unter die Nase, was Maite euch gezaubert hat.", sagt Jimmy und hebt den Warmhaltedeckel von seinem Teller. Wir sehen uns an und rümpfen die Nase.

„In deiner Haut will ich echt nicht stecken. Na dann, lass es dir mal schmecken." Ich gebe meinem Freund noch einen Abschiedskuss und verlasse dann sein Zimmer.

Das Wetter hat sich indessen gebessert. Mit einer Hand schiebe ich das Fahrrad neben mir her, mit der Anderen bediene ich das Handy, welches ich zusammen mit Kathy und Barby gekauft habe und wähle die Telefonnummer die neben der Adresse der Wohnung stand, die Jimmy ausgesucht hat. Nach kurzem Klingeln meldet sich ein Mann am anderen Ende und ehe ich mich versehen kann habe ich heute Nachmittag noch einen Termin mit ihm.

Together we are strongGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt