- Leo -
Einen Vorteil hat das Krankenhaus. Man hat vierundzwanzig Stunden Zimmerservice. Trotzdem sehe ich mich gerade nach dem Frühstück der letzten Tage. Die Brötchen sind von gestern, wenn nicht sogar von vorgestern und der Kaffee so dünn, dass ich beinahe den Boden der Tasse sehen kann. Da meine letzte Mahlzeit allerdings schon eine Weile her ist – das Abendessen habe ich verschlafen – zwinge ich mich ein paar Bissen von dem Teigklotz herunter. Die Tabletten, die ebenfalls mit auf dem Tablett stehen rühre ich vorerst nicht an. Da muss ich erst nachfragen wofür die gut sein sollen.
Nach meinem kläglichen Frühstück humpele ich ins Bad, um mich ein wenig frisch zu machen. Als mir mein Rucksack gebracht wurde, muss ich gestern bereits geschlafen haben. Ich putze mir die Zähne und spritze mir kaltes Wasser ins Gesicht. Als ich mein Spiegelbild betrachte stelle ich fest, dass ich lange nicht mehr so frisch und ausgeschlafen ausgesehen habe. Die dunklen Augenringe, die in den letzten Jahren ihren Stammplatz in meinem Gesicht gefunden hatten, sind verschwunden und auch mein gesamtes Gesicht wirkt wacher. Sogar ein leichtes Lächeln liegt darauf. Welches noch ein wenig breiter wird, als ich an das denken muss, was gestern unten im Behandlungsraum und später auch hier in diesem Raum zwischen Jimmy und mir vorgefallen ist. Mit meinen Fingern fahre ich meine Lippen nach und kann mein dümmliches Grinsen nicht verkneifen.
Erst, als es an der Zimmertür klopft und ich höre, wie sie geöffnet wird, schaffe ich es, mich zusammenzureißen. Was, wenn ich mir das gestern Alles nur eingebildet, oder es geträumt habe? Die Schmerzmittel haben mich so schläfrig gemacht, da würde ich mich nicht wundern, wenn ich mir all die Dinge nur eingebildet hätte. Immerhin habe ich eine ganze Nacht ruhig durchgeschlafen. Und dass soll schon was heißen!
„Ich komme.", sage ich, als es auch an der Badezimmertür klopf. Schnell ziehe ich mir meinen Pullover über und gehe wieder ins Zimmer, wo mich gleich zwei Ärzte bereits erwarten.
„Guten Morgen. Wie geht es dir?", fragt mich einer der Beiden, der gleiche von gestern. Sein Kollege, nehme ich an, hält sich im Hintergrund.
„Ganz gut soweit.", antworte ich ehrlich.
„Das freut mich. Ist dir noch schwindelig, oder musstest du dich nochmal übergeben?", fragt er und ich verneine seine Farge ehrlich mit einem Kopfschütteln. Ein wenig dreht sich noch Alles um mich herum, aber das hat nichts mit dem Sturz zu tun. Der Auslöser liegt bei dem, was Jimmy mit mir angestellt hat. Oder zumindest dem, was ich glaube mit ihm getan zu haben.
„Das klingt gut. Dann sehe ich mir deinen Fuß jetzt nochmal kurz an und wenn da alles okay ist kannst du heute wie geplant nach Hause. Vorher würde ich dich allerdings noch kurz mit meinem Kollegen alleine lassen." Er wickelt die Binde von meinem Sprunggelenk und ich zucke kurz zurück, weil seine Hände kalt sind, als hätte er sie vorher in Eiswasser gebadet.
„Das sieht doch ganz gut aus. Die Schwellung ist deutlich zurückgegangen. Hast du noch Schmerzen.", fragt er.
„Ein wenig, kann man aber aushalten.", erwidere ich.
„Gut, dann schone dich trotzdem noch ein bisschen. Ich hole dir noch eine Bandage und mache deine Entlassungspapiere fertig." Mit diesen Worten und einem Lächeln verabschiedet er sich von mir. Dann nickt er seinem Kollegen zu und verschwindet zur Tür hinaus.
„Mein Kollege hat mir gestern kurz von dir erzählt und meinte es wäre vielleicht ganz gut, wenn ich vor deiner Entlassung nochmal nach dir sehe.", sagt er und setzt sich auf die Bettkante. Ich ahne, was jetzt auf mich zukommt.
„Verstehe, und jetzt wollen Sie von mir wissen, was ich so lange im Bad gemacht habe?" Er nickt nur und ohne seine Aufforderung, die sowieso gekommen wäre, ziehe ich die Ärmel meines Pullovers nach oben und strecke ihm ihm meine Arme entgegen.
„Nicht das, was Sie und Ihr Kollege dachten. Zufrieden?"
„Leo, hier geht es nicht um mich, oder ob ich zufrieden bin. Hier geht es um dich. Ich habe dir ein paar Kontakte von Kollegen ausgedruckt, an die du dich wenden kannst, wenn du doch mal Jemanden zum Reden brauchst. Das ist nichts wofür man sich schämen muss." Er legt den Zettel auf die Decke und steht dann auf. In dem Moment, als ich etwas erwidern will, klopft es an der Tür und kurz darauf steckt John den Kopf ins Zimmer.
„Oh, ich wusste nicht ... ich warte draußen.", sagt er.
„Nein, nicht nötig. Wir waren gerade fertig.", beeile ich mich zu sagen. Ich nehme den Zettel von meinem Bett und stopfe ihn unter den kritischen Blicken des Arztes in meinen Rucksack.
„Da bin ich ja genau pünktlich. Oder gibt's noch was zu besprechen?" Fragend sieht John den Arzt an.
„Nein, mein Kollege bringt sicher gleich die Papiere. Alles Gute.", antwortet dieser und verlässt dann ebenfalls das Zimmer.
„Na, wie geht's dir?", fragt John und setzt sich auf die Stelle der Matratze, wo eben noch der Arzt gesessen hat.
„Alles noch dran.", antworte ich, einen Scherz versucht. „Nein, ehrlich. Mir geht's gut. Sonst würden die mich wohl kaum nach Hause lassen."
„Okay, der Punkt geht an dich.", antwortet John mit einem grinsen, welches aber sofort wieder verschwindet.
„Aber willst du das überhaupt. Wieder mit zu und kommen, meine ich.", sagt er, auf meinen fragenden Blick hin.
„Jimmy meinte du hättest deine Sachen zusammengepackt und das Zimmer aufgeräumt. Wolltest du wirklich weg?" Shit! Daran habe ich gar nicht gedacht, als ich ihn gebeten habe meinen Rucksack zu holen. Auf die Schnelle will mir keine glaubhafte Ausrede für all die Dinge einfallen, also nicke ich nur.
„Ich wollte gerade zu Jimmy, ihm sagen, dass er gewonnen hat und das ich gehen werden. Dann habe ich euch reden hören und ... den Rest kennst du ja.", erzähle ich mit gesenktem Kopf. Ich spüre wie mir die Hitze ins Gesicht schießt, als John mir den Arm um die Schultern legt, um mich zu trösten.
„Und jetzt? Willst du das immer noch?", fragt er nach einer Weile des Schweigens. Der Kloß, welcher sich in meinem Hals gebildet hat, verbietet es mir zu sprechen, also schüttele ich nur den Kopf.
„Okay, dann komm. Gehen wir nach Hause." John schultert sich meinen Rucksack und bietet mir zusätzlich noch seinen Arm an, damit ich meinen Fuß nicht voll belasten muss. Wie wir so durch den Flur in Richtung der Fahrstühle gehen, frage ich, warum nicht Jimmy gekommen ist. Habe ich mir wirklich Alles nur eingebildet? Nein, vielleicht weiß ich manchmal nicht was Traum und was Realität ist, aber dabei bin ich mir zu hundert Prozent sicher. Diese Anziehungskraft, diese Berührungen und vor allem diese Küsse kann man sich gar nicht einbilden. Aber warum ist er dann jetzt nicht hier, sondern sein Bruder?
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Together we are strong
Fanfiction‼️TRIGGERWARUNG‼️ Diese Geschichte enthält triggernde Inhalte, die eventuelle Spoiler für den Verlauf der Geschichte enthalten. Zudem zählen: Verlust der Eltern und anderer geliebter Personen, Kindesmissachtung, Trauer, Waffenmissbrauch und Verarbe...
