- Leo -
Bis eben habe ich ja nicht daran geglaubt, dass das gemeldete Unwetter wirklich ausbricht. Als ich vorhin nach den Proben wieder in mein Zimmer kam, fielen nur vereinzelt kleine Tropfen. Also nicht's, was man mit einem Unwetter vergleichen kann. Und jetzt, drei Stunden später, könnte man denken, die Welt würde untergehen. Der Wind pfeift lautstark um die Hausecken und es regnet in Strömen. Die Tropfen werden von Sekunde zu Sekunde größer. Durch den Nebel kann man sicher keine fünf Meter weit schauen.
Seit einer Stunde hämmert der Regen unaufhörlich gegen mein Fenster. So laut, das es für mich unmöglich ist, einzuschlafen. Komisch, normalerweise schlafe ich bei Regen besonders schnell. Mein Tag war ganz schön anstrengend und ich bin todmüde. Trotzdem fallen mir die Augen einfach nicht zu. Ehe ich mich noch länger von links nach rechts drehe, schlage ich die Decke zurück und stehe auf. Ich ziehe mir eine Jacke über und taste mich im Dunkeln zur Tür. Leise, da die anderen sicherlich schlafen, schleiche ich über den Flur und die Treppe herunter. Unnötigerweise halte ich sogar die Luft an. Als ob das bei diesem Unwetter jemand hören würde!
Erst in der Küche atme ich wieder durch. Ich nehme mir ein Glas aus dem Schrank und befülle es mit Leitungswasser. Dann lehne ich mich an die Arbeitsplatte, stelle das Glas neben mir darauf, trinke aber nicht's davon. Wie hypnotisiert starre ich auf die durchsichtige Flüssigkeit, in der sich das Mondlicht spiegelt.
Ein leises Donnern lässt mich zusammenzucken. Nein, bitte nicht!, denke ich und lege die Hände um das kalte, feuchte Glas. Vielleicht kann ich so meine Nerven etwas beruhigen, die gerade mit mir durchgehen. Es gibt nur eine Sache, die ich noch mehr hasse als Gewitter. Und das sind Gewitter in der Nacht. Na, prima! Ich versuche ruhig zu atmen, um nicht in Panik zu verfallen und trinke jetzt doch ein wenig von meinem Wasser. Gerade, als ich den ersten Schluck herunter schlucken will, zuckt ein greller, silberner Blitz über den Himmel, den ich durch das Fenster ganz deutlich sehen kann. Vor Schreck lasse ich das Glas fallen. Es zerspringt auf dem Boden in tausende Einzelteile. Vor Schreck schlage ich die Hand vor den Mund und schaue instinktiv in Richtung Tür. Doch zum Glück ist niemand zu sehen. Hastig beginne ich die Scherben aufzulesen. So gut das im Dunkeln möglich ist.
„Was machst du da?" Erneut zucke ich erschrocken zusammen, als ich die Stimme hinter mir wahrnehme. Schnell stehe ich auf und drehe mich um. Es ist ausgerechnet Jimmy, der dort im Türrahmen steht und mich anschaut, als hätte ich einen an der Klatsche.
„Wonach sieht es denn aus?", frage ich und versuche meine Stimme ruhig zu halten, die vor Aufregung und Angst zittert. Schnell wende ich mich von ihm ab und knie mich wieder auf den Boden, um den Schaden, den ich gemacht habe, zu beseitigen. Ich kann Jimmy's Blick ganz deutlich auf mir spüren, was die Sache nicht gerade einfacher macht.
Ein weiterer Blitz erhellt die Küche und lässt mich aufschrecken. Beim Aufstehen, hätte ich mir beinahe den Kopf angestoßen, so durch den Wind bin ich. Als ich die Scherben, die ich in meiner Hand gesammelt habe, in den Müll werfen will, entdecke ich eine dunkle, warme Spur in meiner Handfläche. Wahrscheinlich habe ich vor Schreck fester zugegriffen und mich an einer der Scherben geschnitten. Auch das noch!
„Scheiße.", fluche ich. Zwar ist es nicht das erste Mal, das ich Blut sehe, aber trotzdem wird mir plötzlich ganz mulmig. Ich öffne den Wasserhahn und halte die Hand unter das kalte Wasser.
„Das wird nicht viel bringen.", höre ich Jimmy sagen, der auf einmal direkt neben mir steht. Wie ist er dahin gekommen? Bemerkt habe ich ihn nicht.
Ich ignoriere seine Worte, aber als ich das Wasser abstelle muss ich leider feststellen, das er Recht hat. Wirklich aufgehört zu bluten hat es nicht.
„Zeig' mal." Ohne meine Reaktion abzuwarten, greift Jimmy nach meiner Hand und inspiziert die verletzte Stelle im schummrigen Licht. Instinktiv halte ich die Luft an, kann aber den Blick nicht von ihm nehmen. Außerdem ist mir auf einmal so warm, als hätte ich die letzten Stunden in der Sauna verbracht. Meine Jacke lasse ich trotzdem an, um unangenehmen Fragen aus dem Weg zu gehen. In der Lage mich zu bewegen bin ich eh gerade nicht. Wie gefesselt stehe ich da und lasse all das über mich geschehen. Bis zum nächsten Blitz, konnte ich sogar das Unwetter draußen vergessen.
„Halt still.", sagt Jimmy, als ich beim Klang des Donners zusammenzucke. Am liebsten würde ich ihm einen blöden Spruch an den Kopf werfen, aber die derzeitige Situation ist, meiner Meinung nach, eher ungeeignet. Außerdem bin ich so matschig im Kopf, das mir gar keiner einfällt.
„Setze dich. Ich bin gleich wieder da." Jimmy zieht ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und als er es mir in die Hand auf die Wunde drückt hoffe ich inständig, das es unbenutzt ist. Ich folge seinem Befehl und setze mich nebenan an den Esstisch.
Ich rechne schon damit, das er mich verarscht hat und nicht wiederkommt, doch wenige Augenblicke taucht Jimmy wieder in der Tür auf. Er schaltet das Licht an und setzt sich neben mich. Das Verbandszeug, welches er wahrscheinlich aus dem Bad geholt hat, legt er auf den Tisch. Unter normalen Umständen hätte ich die Augen verdreht und gegen all das protestiert, aber ich lasse ihn einfach machen, ohne etwas zu sagen.
Das stechende Brennen, welches das Desinfektionsmittel hinterlässt, holt mich aus meinen Gedanken und ich ziehe meine Hand automatisch zurück.
„Stelle dich nicht so an.", befiehlt mir Jimmy mit einem leichten Grinsen im Gesicht.
„Blödmann.", erwidere ich nur. Gegen meine Erwartungen lässt Jimmy dies einfach auf sich sitzen, anders, als die letzten Wochen. Da hatte nämlich meistens er das letzte Wort. Schweigend bearbeitet er meine Hand mit irgendeiner Creme und wickelt dann eine Binde darum, da ein Pflaster wenig Sinn hätte. Meine Hände sind so nassgeschwitzt, dass sich dieses nach mindestens fünf Sekunden wieder lösen wurde.
„So, fertig.", sagt Jimmy und packt die Sachen wieder zusammen. Ich, noch immer nicht in der Lage mich zu bewegen, oder etwas zu sagen, schaue ihm nur dabei zu.
Als er damit fertig ist bleibt Jimmy sitzen, anstatt den Kram zurück ins Badezimmer zu bringen. Obwohl ich weiß, das es besser wäre, jetzt wieder ins Bett zu gehen, bleibe auch ich wie festgeklebt sitzen. Mein Herzschlag hat sich mindestens verdoppelt und ... kann bitte jemand die Heizung abstellen?
Ich dachte gerade noch, das mir nicht noch wärmer werden könnte, werde aber eines besseren belehrt, als ich plötzlich Jimmy's Hand an meiner Wange spüre. Wahrscheinlich mache ich gerade einer überreifen Tomate Konkurrenz. Mein Herz hämmert so schnell, als ob es mir jeden Augenblick aus der Brust springen wollte. Sicher kann sogar Jimmy es schlagen hören kann. Doch dieser ist voll und ganz damit beschäftigt, jeden Zentimeter meines Gesichtes zu inspizieren. Sein Blick wandert von meinen Augen langsam abwärts zu meinem Mund. Ich zwinge mich, ruhig und gleichmäßig weiterzuatmen, doch die Verbindung zwischen meinem Hirn und meinem Körper ist nicht mehr existent. Unter Jimmy's Fingern kribbelt meine Haut und meine Kehle wird ganz trocken. Das er näher zu mir gerutscht ist fällt mir erst auf, als mir sein Duft in die Nase dringt und sich ein angenehm, warmes Gefühl in meinem Bauch ausbreitet.
'Küss mich!', schreit mein Hirn und ich habe keine Ahnung woher es diese schwachsinnige Idee hat. Bis vor ein paar Stunden war ich für Jimmy noch Luft, oder diejenige, die seine Sprüche ertragen musste. Und trotzdem sitzen wir jetzt hier, keine zehn Zentimeter voneinander entfernt und mein gesamter Körper schreit nach ihm. Wie ein Magnet werde ich förmlich von ihm angezogen.
'Mach, das du hier weg kommst!', schießt es mir im nächsten Moment durch den Kopf und ich weiß, dass ich eigentlich auf ihn hören sollte. Und trotzdem bin ich so unvernünftig und bleibe auf dem Stuhl sitzen. Ich kann mich gerade noch zurückhalten, Jimmy die Hand in den Nacken zu legen und mich ihm an den Hals zu werfen um den ganzen langen, qualvollen Prozess abzukürzen. Gott, was ist nur mit mir los? Ich muss meinen Verstand im Bett vergessen haben.
Das Jimmy zurück auf seinen Stuhl und damit von mir weggerutscht ist merke ich erst, als er seine Hand von meiner Wange nimmt. Moment – wann habe ich die Augen geschlossen? Sofort lässt das Kribbeln in meinem Bauch nach und mir wächst eine Gänsehaut. Als hätte Jimmy jegliche Wärme mit sich fortgenommen. Zögerliche schaue ich auf, Jimmy direkt ins Gesicht, welcher stumm auf den Fußboden schaut. Um sicherzugehen, dass ich mir das eben nicht nur eingebildet habe, strecke ich meine Hand aus und lege sie auf Jimmy's. Woher ich den Mut nehme? Keine Ahnung. Als hätte ich ihm einen Stromschlag verpasst, zieht Jimmy seine Hand weg, sobald meine die seine berührt. Wie von der Tarantel gestochen springt er auf, nimmt den Verbandskasten und stürmt zur Tür. Im Rahmen bleibt er kurz stehen, schaltet das Licht wieder aus und dreht sich langsam zu mir um.
„Versuch noch ein bisschen zu schlafen.", sagt er. Dann ist er in der Dunkelheit verschwunden. Nur seine Schritte auf der Treppe und das Wüten der Unwetters sind noch zu hören.
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Together we are strong
Fanfiction‼️TRIGGERWARUNG‼️ Diese Geschichte enthält triggernde Inhalte, die eventuelle Spoiler für den Verlauf der Geschichte enthalten. Zudem zählen: Verlust der Eltern und anderer geliebter Personen, Kindesmissachtung, Trauer, Waffenmissbrauch und Verarbe...
