Kapitel 40

8 0 0
                                        

- Jimmy -

Ich bin ja so ein Idiot! Wie konnte ich nur vergessen, Leo von dem Termin in Berlin zu erzählen? Kein Wunder, dass sie so niedergeschlagen war, als ich ihr davon erzählt habe. Dafür, dass ich mir noch tausende Gedanken deswegen gemacht habe, habe ich gut geschlafen und wache ausgeruht am nächsten Morgen vor meinen Geschwistern auf.

Während ich den Frühstückstisch decke und die Kaffeemaschine blubbert überlege ich ob ein Ausflug nach Berlin wohl ein passender Punkt für unsere Was – Leo – sehen – muss – Liste ist. Immerhin ist sie noch nie raus aus Köln gekommen. Vormittags könnte sie mit uns ins Studio kommen und am Nachmittag könnte ich Leo die Stadt zeigen. Wer weiß, vielleicht könnte ich meine Geschwister ja auch dazu überreden, dass ich noch ein paar Tage länger mit Leo wegbleibe. Immerhin kennen sie Leos Vergangenheit und würden verstehen, wenn ich ihnen sagen, dass ich ihr ein Stückchen von dieser Welt da draußen zeigen möchte.

„Und du bist dir sicher, dass sie das auch wirklich will?", fragt mich Kathy, mit der ich den Abwasch übernehme. Da ich dies freiwillig tue und Joey damit ablöse, bekomme ich von ebendiesem einen Spruch gedrückt, ob ich krank sei. „Danke, mir geht es bestens.", habe ich nur geantwortet, es mir aber nicht nehmen lassen, ihm etwas Schaum ins Gesicht zu pusten.

„Leo hat mal erzählt, dass sie etwas sehen will von der Welt. Aber ihr Stiefvater hat ihr nie erlaubt mit der Schule irgendwohin zu fahren oder in den Ferien wegzugehen.", antworte ich meiner Schwester und trockne den nächsten Teller ab. Kathy seufzt und sieht dann zu mir herüber.

„Also gut, wenn Leo einverstanden ist und keine anderen Termine dazwischen kommen, könnt ihr übers Wochenende in Berlin bleiben. Vier Tage reichen euch, oder?"

„Ich danke dir." Ich drücke meiner großen Schwester einen Kuss auf die Wange und mache mich dann auf den Weg zu Leo um ihr die frohe Nachricht zu überbringen. Hoffentlich freut sie sich auch so sehr, wie ich.

Ich klopfe anstandshalber an ihrer Tür, ehe ich in Leos Zimmer gehe.

„Hey, ich hoffe du hast den Rest der Woche noch nichts vor.", sage ich und setze mich auf den Schreibtischstuhl. Leo hat es sich mit einem Notizbuch in ihrem Bett gemütlich gemacht und schaut auf als sie mich bemerkt.

„Bis jetzt noch nicht. Wieso fragst du?", fragt sie, legt den Stift zwischen die Seiten und klappt dann das Buch zu.

„Naja, wir werden nicht da sein und wenn wir zurückkommen wird eine Menge im Haushalt zu tun sein.", probiere ich mich an einem Scherz und versuche ernst zu schauen. Nur leider bin ich ein miserabler Schauspieler.

„Netter Versuch, aber ich bin nicht euer Aschenputtel." Leo schleudert mir eines der Kissen entgegen, welches ich gekonnt kurz vor meinem Gesicht abfange. Jahrelange Übung von den Kissenschlachten mit meinen Geschwistern.

„Okay, also ... was hältst du von Berlin?", frage ich und setze mich mit dem Kissen auf dem Schoß neben Leo.

„Du meinst, ich soll euch zu diesen super wichtigen Aufnahmen nach Berlin begleiten?" Ungläubig sieht Leo mich an.

„Das und danach machen wir uns noch drei schöne Tage. Nur du und ich. Und ich zeige dir alles was du sehen willst." Erkläre ich meinen Plan. „Also, was sagst du?", hake ich nach.

„Jimmy, dass klingt super. Aber kannst du denn alleine so lange weg bleiben?", fragt Leo mich skeptisch.

„Ich hab vorhin mit Kathy gesprochen und sie meinte, solange wir Sonntag zum Abend wieder da sind, ist das kein Problem.", antworte ich, woraufhin Leo mir begeistert um den Hals fällt.

„Ich werte was mal als ein ja." Ich lege das Kissen beiseite und ziehe stattdessen Leo auf meinen Schoß.

„Dann lass ich dich mal packen. Wir wollen in zwei Stunden los.", sage ich noch, schiebe Leo dann sanft von meinem Schoß. Nicht, weil ich sie loswerden will, sondern weil sich in meiner eigenen Reisetasche noch kein einziges Kleidungsstück befindet.

„Das sagst du so leicht. Die meisten meiner Klamotten sind noch zu Hause ... also, ich meine im Haus meines Stiefvaters. Was ich hier habe reicht gerade einmal bis morgen.", sagt Leo und deutet zu dem Kleiderschrank.

„Hast du Patricia denn mal gefragt? Sie kann dir sicher was leihen."

„Das ist echt nett und ich habe mich auch schon irgendwie daran gewöhnt, aber ich will nicht ständig bei deiner Schwester betteln.", gibt Leo zurück.

„Okay, das heißt also, du willst deine Klamotten holen?"

„Von wollen kann nicht die Rede sein, aber ja. Und ich kann ja auch nicht für immer vor ihm davonlaufen, oder?" Unsicher, als hätte sie plötzlich zweifel an ihrem Entschluss, sieht Leo mich an.

„Soll ich doch begleiten?", frage ich die daher.

„Aber du musst doch packen und ihr habt sicher auch noch einiges wegen dem Auftritt zu besprechen, oder?" Leo steht auf und beginnt ihre wenigen Habseligkeiten in ihren Rucksack zu packen.

„Besprochen ist alles und gepackt ist dann schnell.", antworte ich da ich spüre, wie sie mich schon wieder von sich schiebt. Wie immer, wenn es um ihre Vergangenheit geht.

„Leo, du musst dich für nichts schämen und auch vor nichts Angst haben, okay? Ich bin da, wenn du mich brauchst. Wenn du deine Sachen holen willst gehe ich mit dir. Du weißt doch, dass du mich nicht mehr loswirst." Ich nehme ihr die abgetragene Jeans aus den Händen, die sie gerade einpacken will.

„Hey, zusammen schaffen wir das, okay?" Eindringlich sehe ich sie an, bis Leo zögerlich nickt.

„Sag es." Auffordern sehe ich sie an. „Sag laut, dass wir das schaffen."

„Das ist doch albern." Leo verdreht die Augen und will sich abwenden, doch ich bin schneller und halte sie an beiden Schulterm davon ab. „Sag es.", wiederhole ich.

„Wir schaffen das.", murmelt Leo leise vor sich hin. Ich halte meine Hand um mein Ohr zu einem Trichter geformt. „Was? Ich kann dich nicht verstehen. Was hast du gesagt?" Ich steige in Leos kichern mit ein, sehe sie dann aber auffordernd an.

„Wir schaffen das.", sagt sie mir laut und deutlich ins Gesicht, betont dabei übertrieben jeden Buchstaben.

„Geht doch.", sage ich nur, wofür mich Leo gegen den Oberarm boxt.

„Alles klar. Vormittags ist mein Stiefvater meist unterwegs. Wir sollten ihm besser nicht über den Weg laufen."

„Wie gesagt, wir schaffen das. Hab keine Angst, ich bin da.", antworte ich und nehme Leos Hände in meine. Ich spüre, wie nassgeschwitzt diese jetzt schon vor Aufregung und Angst sind und dass sie zittern. Verständlich. Nach Allem, was sie mir über diesen Typen erzählt hat, bin ich ehrlich gesagt auch nicht besonders scharf darauf, ihm zu begegnen. Aber ich tue das jetzt für Leo. Ich habe ihr versprochen für sie da zu sein. Und dabei braucht sie mich mehr denn je.

Together we are strongGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt