Kapitel 42

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- Jimmy -

Ich löse meinen Blick von der Waffe und suche Leo's. Reglos steht sie da; meiner Meinung nach viel zu nah an den Treppenstufen. Ihr Gesichtsausdruck ist starr, aber nicht nur aus Angst. Etwas liegt darin, was ich so noch nie bei ihr gesehen habe.

„Du bluffst doch nur.", sagt sie dann auf einmal in die Stille. Die Luft ist zum Schneiden dick. Und das nicht nur wegen des Alkohols und der Zigaretten. Woher nimmt sie die plötzliche Mut.

„Ach ja? Bist du da ganz sicher?" Leo nickt nur und schnallt sich den Rucksack auf den Rücken. Bereit zur Flucht.

„Na wenn das so ist.", antwortet ihr Stiefvater und grinst mich höhnisch an. Schon alleine um Leo zu beruhigen würde ich nicht laut sagen wie viel Angst mir gerade in den Knochen steckt und wie viel Kraft es mich kostet auf den Beinen zu halten. Keine Ahnung was hier gerade vor sich geht und ob wir irgendwie heil aus der Sache kommen werden. Ich will nur eines: Leo vor diesem Irren beschützen!

Ein lauter, ohrenbetäubender Knall holt mich aus meinen Gedanken. Ein Schuss – das war definitiv ein Schuss. Blitzartig suche ich Leos Körper nach Verletzungen ab, kann aber auf die Entfernung nichts erkennen. War wohl doch nur eine Warnung und wir sollten schnellstens hier verschwinden.

„Jimmy!", höre ich Leo schreien und sehe, wie sie sich eine Hand auf den Mund schlägt. Ein stechender Schmerz zieht sich auf einmal durch meine linke Schulter bis durch den gesamten Arm. Ich fasse an die Stelle und spüre, dass mein Shirt da nass ist. Erst als ich meine Finger betrachte und das dunkelrote Blut daran kleben sehe wird mir klar, warum meine Freundin mich so geschockt ansieht. Um nicht vor Schmerz aufzuschreien beiße ich mir auf die Unterlippe. So fühlt es sich also an, wenn Leos Stiefvater blufft. Entsetzt sieht Leo zu mir und löst sich dann aus ihrer Starre. Ohne den Rucksack abzunehmen stürzt sie ein paar Schritte auf mich zu, doch ihr Stiefvater drängt sich zwischen uns.

„Leo, hau ab! Ich komm schon klar!", rufe ich ihr zu, doch sie schüttelt nur den Kopf.

„Nur wegen mir bist du hier in dieser Situation. Also verlange jetzt nicht, dass ich dich mit diesem Monster alleine lasse.", antwortet sie.

„Wie war das?", fragt besagte Person. Er lässt von mir ab und geht langsam auf Leo zu. Jeden Schritt geht Leo weiter rückwärts, um den Abstand zwischen sich und ihrem Stiefvater nicht zu verringern. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich schnell, ihre Hände zittern vor Angst. Am liebsten würde ich zu ihr und ihr helfen, irgendwie. Doch ich kann mich vor Schmerzen kaum von der Stelle rühren. Und das, obwohl der Schuss nur in die Schulter ging. Absicht oder nicht? Keine Ahnung. Ich kann nur danebenstehen und zusehen. Zusehen, wie sich Leo mit jedem Schritt rückwärts der Treppe nähert.

„Leo! Pass auf!", rufe ich ihr noch zu, muss in der nächsten Sekunde aber schon zusehen, wie sie den Halt verliert. Zwar versucht sie noch, sich an einem der Bretter am Geländer festzuhalten, doch dieses ist so morsch, dass es in zwei Teile bricht und Leo rückwärts nach unten stürzt. Stufe um Stufe, bis sie unten auf dem ausgelatschtem Teppich liegen bleibt. Entsetzt schaue ich Leos Stiefvater an. Auch in seinem Blick liegt ein winziger Teil von Schock, vom dem er sich jedoch schneller erholt, als ich.

„Eine schöne Zeit noch euch beiden." Mit diesen Worten versetzt er mir einem gezielten Stoß in die Magengrube, sodass ich zu Boden gehe. Mir wird schwarz vor Augen und ich ringe nach Luft. Ich sehe Leos Stiefvater die Treppe nach unten rennen. Kurz bleibt er neben ihr stehen und ich befürchte schon das Schlimmste da er die Waffe noch immer in der Hand hat. Und sie ist immer noch scharf.

„Lass deine Finger von ihr!", sage ich, doch meine Stimme ist nicht mehr als ein geflüstertes Krächzen. Abwesend schaut er zu mir hoch, während ich mich wieder auf die Beine kämpfe. Mit seinen speckigen Fingern streicht er Leo eine Haarsträhne aus dem Gesicht und grinst mich dann hämisch an. Und dann dreht er sich um, steckt die Knarre hinten in seine Hose und verschwindet zur Tür hinaus.

Irgendwie schaffe ich es die Treppe hinunter. Die starken Schmerzen ignorierend knie ich mich zu Leo. Noch immer hat sie die Augen geschlossen und hat eine schmale Wunde an der Stirn. Zum Glück schießt das Adrenalin indessen so schnell durch meine Adern, dass ich jegliche Schmerzen ausschalten kann. Vorsichtig nehme ich ihr den Rucksack ab, bette ihren Kopf in meinen Schoß und suche mir eines ihrer Shirts, welches ich auf meine eigene Wunde drücken kann, die einfach nicht aufhören will zu bluten. Etwas anderes ist gerade nicht in greifbarer Nähe. Mit meiner freien Hand suche ich nach meinem Handy, werde aber nicht fündig. Leo besitzt keines, das hat sie mal erzählt und ich habe meines vorhin im Auto gelassen, da ich nicht damit gerechnet hatte, es brauchen zu müssen. Tja, so kann man sich täuschen.

Kraftlos lehne ich mich an die Wand neben der Treppe. Wie Leo da so reglos in meinen Armen liegt macht mir echt Angst. Natürlich habe ich sofort gecheckt, ob sie noch atmet, als ich zu ihr gestolpert kam, aber das ist jetzt schon ... ja, wie lange eigentlich her? Auch meine Verletzung geht nicht spurlos an meinen Nerven vorbei. Ich bin müde, schon eine Weile drohen mir immer wieder die Augen zuzufallen, doch ich zwinge mich, sie offen zu halten. Habe ich mal in einem Film gesehen ...

Doch irgendwann kann ich einfach nicht mehr. Der Stoff, den ich an meine Schulter presse ist rot verfärbt, Leo hat sich noch keinen Millimeter bewegt und die Müdigkeit besiegt mich. Ich lasse das Shirt fallen, umfasse mit meiner blutigen Hand Leos und dann fallen mir die Augen zu. Ich wollte stark sein. Für sie. Für uns. Doch mein Körper gibt auf.

„Du schaffst das.", flüstere ich noch, ehe mir schwarz vor Augen wird.

Together we are strongGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt