Kapitel 9

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- Leo -

Schon als kleines Kind hat meine Oma mir immer gesagt ich sei zu gutmütig. Ich habe immer zuerst an die Anderen gedacht, mich und meine Bedürfnisse an zweite Stelle gesetzt. Jetzt im Nachhinein bereue ich, dies erst jetzt zu erkennen. Jimmy behandelt mich seit dem ersten Tag wie Luft und trotzdem tue ich Patricia den Gefallen und räume ihm seine Sachen hinterher. Nach dem Frühstück konnte Jimmy gar nicht schnell genug weg von mir und wieder in sein Zimmer verschwinden – er hat sogar seine Unterlagen auf seinem Platz liegen gelassen, die seine Schwester mich nun bittet, ihm nach oben zu bringen. Kopfschüttelnd klemme ich mir die besagten Unterlagen unter den Arm und gehe die Treppe nach oben. Langsam durchquere ich den Flur und male mir schon aus, wie die nächsten Minuten verlaufen werden. Ich rechne schon mit dem Schlimmsten, als ich an Jimmy's Zimmertür klopfe. Einmal. Zweimal. Dreimal. Doch nichts tut sich. Keine Antwort und auch sonst keine Reaktion. Ich sollte mich nicht darüber ärgern. Immerhin reden wir hier von Jimmy. Und trotzdem tue ich es. So ein Blödmann!

Auch auf mein viertes und fünftes Klopfen reagiert er nicht. Daher beschließe ich ihm seine Sachen einfach auf den Schreibtisch zu legen. Soll er sich doch mit seinem Mist kümmern, wenn er ihn findet! Wenn er gedacht hat ich stehe hier den ganzen Tag vor seiner Tür hat er sich geschnitten. Den Gefallen tue ich ihm definitiv nicht.

Auf die Gefahr hin, gleich von ihm einen gemeinen Spruch gedrückt zu bekommen drücke ich die Klinke nach unten. Die Tür öffnet sich einen Spalt durch den ich ins Zimmer schauen kann. Erleichtert atme ich aus als mir klar wird, dass Jimmy nicht in seinem Zimmer ist. Schnell trete ich ein und schließe die Tür hinter mir. Die Papiere fest an meine Brust gedrückt schaue ich mich um. Das Zimmer ist ganz anders eingerichtet, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die Decke liegt ordentlich zurückgeschlagen auf dem Bett. Darauf seine Gitarre und einige Blätter Papier. Ehe ich mich daran hindern kann nehme ich eines davon in die Hand und lese mir den Text durch. Sieht so aus, als würde Jimmy an einem neuen Song arbeiten. Mittendrin sind immer wieder Worte durchgestrichen und durch andere ersetzt. Aber für mich, die ja von sowas keine Ahnung hat, klingt das, was ich hier in den Händen halte echt gut. Wie sie sich wohl anhören? Welche Melodie hat Jimmy dazu im Kopf?

„Was willst du hier?" Erschrocken fahre ich herum und lasse dabei fast die Unterlagen fallen. Die, wegen denen ich eigentlich gekommen bin.

„Ich ... ich sollte dir die hier bringen.", beeile ich mich zu sagen und deute auf die Unterlagen, drücke sie jedoch weiter an meine Brust.

„Schnüffelst du immer in fremden Sachen?", fragt Jimmy scharf und nimmt mir mit einem Ruck die Papiere ab, dass ich schon Angst habe, dass sie dabei zerreißen.

„Ich hab überhaupt nicht in deinen Sachen geschnüffelt. Die Texte lagen da so rum und sie sind mir ins Auge gestochen. Das klingt echt gut, wenn du mich fragst.", stottere ich zusammen. Doch die Härte in Jimmy's Gesicht bleibt.

„Dich fragt aber Keiner. Und jetzt raus hier!" 'Nichts lieber als das', denke ich und folge seiner Geste.

Warum konnte ich Jimmy seinen Kram nicht einfach hinlegen und wieder verschwinden? Was um alles in der Welt hat mich dazu bewegt unbedingt seine Texte lesen zu wollen? War doch klar das Jimmy davon nicht begeistert ist. Ich habe ihm eine Chance für einen gemeinen Spruch mir gegenüber quasi auf dem Silbertablett serviert. Während ich jetzt in meinem Zimmer auf meinem Bett liege und an die Decke starre nehme ich mir fest vor, ihm und allem was irgendwie mit Jimmy zu tun hat aus dem Weg zu gehen. Ja, ich werde ihm einfach aus dem Weg gehen. So, wie er mir die ersten Wochen. Seine Geschwister werden das verstehen. Immerhin wissen sie wie angespannt das Verhältnis zwischen uns ist. Um das mal harmlos auszudrücken.

Wiederrum ... wir wohnen in einem Haus. Es ist also fast unmöglich, ihm nicht zu begegnen. Ich muss versuchen, mir seine Sprüche nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen. Ihnen nicht so viel Gewicht schenken. Man kommt eben nicht mit allen Menschen im Leben gut klar – davon kann ich ein Lied singen. Aber Jimmy kennt mich doch gar nicht und hat mit von Anfang an keine Chance gegeben. Warum? Was habe ich ihm getan? Meine bloße Anwesenheit scheint ihn zu stören.

Was mich gerade am meisten nervt ist, dass ich mir darüber Gedanken mache. Jimmy's Launen und Bemerkungen sollten mir egal sein. John und Kathy haben mir angeboten hierzubleiben, ich habe mich niemanden aufgedrängt. Und ich bin den Beiden dankbar dafür, denn hier wird niemand nach mir suchen. Hier habe ich meine Aufgaben und ansonsten meinen Freiraum. Ich kann mich in aller Ruhe nach einer eigenen Wohnung umsehen. Immerhin kann ich den Kelly's nicht ewig auf der Tasche liegen. Nicht ewig Jimmy's Launen ertragen. Gott, schreckliche Vorstellung.

Ich will mir gerade die Zeitung aus der Küche holen um die Wohnungsanzeigen durchzusehen, als es an meiner Tür klopft. Ehe ich antworten kann drückt Barby sie auf.

„Damit du heute nicht wieder den ganzen Tag alleine herumsitzt ...", sagt sie und greift nach meiner Hand. „... kommst du heute mal mit zu den Proben.", beendet sie ihren Satz und zieht mich mit sich in den Flur, wo wir auf John, Patricia, Angelo und Maite treffen, die in die selbe Richtung unterwegs sind, in die Barby mich zieht. Und natürlich, wie sollte es anders sein, ist auch Jimmy unter ihnen. So viel zum Thema Aus dem Weg gehen.

„Was wird das?", fragt Jimmy, kaum das er mich entdeckt hat.

„Wonach sieht es denn aus? Wir haben heute mal Publikum.", erklärt Barby ihrem Bruder das Offensichtliche.

„Nicht dein Ernst, oder? Sag mir, dass das ein schlechter Scherz ist." Jimmy schaut erst seine Schwester und dann mich an. Plötzlich ist das Muster auf dem Läufer auf dem Boden das interessanteste, was ich je gesehen habe. Hauptsache ich kann Jimmy's Blick ausweichen. Seinen jedoch kann ich ganz deutlich auf mir spüren. Er brennt sich wie Feuer in meine Haut, was wohl signalisiert, was er von der Idee seiner Schwester hält.

„Also ich finde die Idee super. Und so eine zweite Meinung kann ja nicht schaden.", stellt sich auch John auf meine Seite.

„Pfff ... von Jemanden der von Musik keine Ahnung hat brauche ich keine zweite Meinung. Eure acht reichen mir vollkommen aus.", erwidert Jimmy. Er wirft mir einen letzten giftigen Blick zu und wendet sich zum Gehen ab.

„Ob es dir passt, oder nicht, aber Leo kommt heute mit. Finde dich damit ab!", ruft John seinem Bruder nach und legt mir einen Arm um die Schulter. Unter seiner plötzlichen Nähe verkrampfe ich mich, was er aber zum Glück nicht mitbekommt.

Und so kommt es, dass ich wenige Minuten später zwischen allen Kelly-Geschwistern auf einem der Sofas sitze und ihnen beim Proben zusehe und - höre. Sämtliche Streitereien scheinen vor der Tür geblieben zu sein. Selbst John und Jimmy reden miteinander, als wären sie sich eben nicht beinahe an die Gurgel gegangen. Aber was das angeht sind sie Profis.

Alle sind so mit der Musik, den neuen Texten und Melodien beschäftigt, dass mich Keiner von ihnen wirklich beachtet. Zwischen den ganzen Musikstücken glaube ich sogar Jimmy's Text herauszuhören, den ich vorhin in seinem Zimmer gelesen habe. Die Melodie ist einfach gehalten, langsam, aber nicht langweilig. Meine Gedanken driften ab, während ich der Musik lausche und aus dem Fenster in die grauen Wolken schaue. Sieht ganz nach Regen aus.

Together we are strongGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt