Kapitel 32

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- Leo -

Sämtliche Rufe und jedes Klopfen ignoriere ich. Ich sitze einfach nur auf dem Boden an das Bett gelehnt, welches die letzten Wochen mein zu Hause war und starre auf den Teppich vor mir. Die Beine habe ich lang gestreckt und meine Hände liegen, noch immer zitternd, in meinem Schoß. Die Bilder aus dem Supermarkt, als mein Stiefvater mir genau ins Gesicht geblickt hat, wollen nicht aus meinem Kopf verschwinden. Würde mich nicht wundern, wenn er heute noch hier auftauchen würde.

„Leo, komm schon. Mach die Tür auf.", höre ich Jimmy erneut sagen, doch ich rühre mich keinen Millimeter. Nicht einmal meine Augen zucken in Richtung der Tür. Einzig und alleine seine Stimme ist es, die etwas in mir regt. Mein Magen kribbelt, zwischen meinen Beinen zieht es angenehm und die ersten Tränen verschleiern meine Sicht. Ich will ihm antworten – ihm sagen, er soll mich in den Arm nehmen und das Geschehene vergessen lassen. Doch eine zweite Stimme in meinem Kopf sagt mir, Jimmy nicht mehr zu nah an mich heran zu lassen. In spätestens zwei Stunden, wenn Alle schlafen, bin ich hier weg und ich werde sie Alle nie wiedersehen.

„Vergiss es, das versuchen Patricia und ich auch schon den ganzen Tag." Joey's Stimme – ganz klar. Er, John, Barby und Patricia haben sich quasi die Klinke in die Hand gegeben und versucht mich aus meinem Zimmer zu bekommen, oder zumindest zu erfahren, was passiert ist.

„Träum weiter.", geht Jimmy seinen Bruder an.

„Na dann, viel Erfolg.", höre ich Joey noch sagen, ehe eine Tür zugeschlagen wird.

Keine Ahnung wie viel Zeit vergangen ist, aber inzwischen ist es ruhig im Haus. Wie es aussieht, sind die Kelly-Geschwister in ihren Betten und schlafen. Abgesehen von Jimmy, der noch ein paar Mal versucht hat mit mir zu sprechen habe ich fast nichts mehr von ihnen gehört. Jetzt, kurz vor Mitternacht, scheint auch er aufgegeben zu haben. Ich weiß nicht, ob ich mich darüber ärgern oder erleichtert sein soll. Ärgern, weil er mich eben doch nicht in jeder Situation festhalten und beschützen kann, oder erleichtert, weil ich jetzt endlich von hier verschwinden kann. Ich stemme mich hoch, platziere den Brief auf dem Kopfkissen noch einmal neu und werfe mir dann meinen Rucksack auf die Schulter. Vorsichtig öffne ich die Tür und schaue in den dunklen Flur. Ich wage einen letzten Blick in das Gästezimmer und ehe mich die Traurigkeit wieder überrollen kann ziehe ich leise die Tür zu. Ich schleiche die Treppe nach unten und lege den Schlüssel auf die Kommode, ehe ich mich weiter Richtung Ausgang taste. Das Licht will ich nicht einschalten. Am Ende scheitert mein Plan noch daran, dass ich Jemanden mit dem Licht wecke.

Kurz bevor ich an der Treppe ankomme, ziehe ich meine Taschenlampe aus der Seitentasche meines Rucksacks und schalte sie an. Wie ich mich kenne, würde ich im Dunkeln die Treppe herunterfallen und doch noch Alle wecken. In der Hoffnung, dass die Batterien halten, bis ich das Haus verlassen habe gehe ich zügig die Stufen nach unten.

Im Flur lege ich den Haustürschlüssel, den ich von Kathy bekommen habe, auf die Kommode. Zusammen mit einem Brief an die Geschwister, warum ich weg bin und das sie mich auf keinen Fall suchen brauchen. Denn genau das werden sie tun, wenn sie morgen früh aufstehen und ich nirgends zu finden bin. Spätestens dann, wenn Jimmy meinen Brief findet.

Kalter Wind peitscht mir ins Gesicht, als ich vor die Haustür trete und diese dann ohne zu zögern hinter mir zuziehe. Ich erlaube mir einen letzten Blick nach oben zu den Fenstern, doch in keinem von ihnen brennt noch Licht. Sie alle habe ich von mir gestoßen, als ich sie am nötigsten gebraucht habe. Und sie haben einfach aufgegeben. Ich denke an Jimmy's Worte. Ich bin immer für dich da. Du musst da nicht alleine durch. Tja, wie es aussieht muss ich das doch und diese Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht. Er hat mich fallen lassen, mich aufgegeben. Tränen schießen mir in die Augen und laufen mir über die Wange, als ich an all seine Versprechungen denke, die er dann doch nicht gehalten hat.

Ich wende den Blick ab, schalte die Taschenlampe aus, da die Straßenlampen genug Licht spenden und ziehe meine Kapuze über, welche der Winde allerdings im nächsten Moment schon wieder von meinem Kopf weht. Dann laufe ich einfach los. Entgegen der Richtung, wo ich heute meinem Stiefvater begegnet bin, aber auch weg von dem Haus der Kelly's. Obwohl ich den ganzen Tag nur in dem Zimmer auf dem Boden gesessen habe bin ich jetzt todmüde. Ich brauche dringend einen Schlafplatz. Den Park tue ich mir nicht an. Erstens bin ich noch nicht so tief gesunken um jetzt zwischen all den Obdachlosen zu schlafen – obwohl ich genau das bin – und zweitens würde man mich genau da als erstes suchen. Egal wer; ob nun Jimmy oder mein Stiefvater. Ich laufe weiter stadtauswärts und bleibe an einem großen, abbruchreifen Haus stehen. Der Wind pfeift durch die Fenster, Scheiben gibt es schon keine mehr. Schnell suche ich wieder meine Taschenlampe und klettere durch eines der Fenster nach drin. Zum Glück bin ich wieder gut zu Fuß. Die Treppe, welche in den zweiten Stock führt, sieht zwar nicht besonders vertrauenerweckend aus, dennoch wage ich mich die knarrenden Stufen langsam nach oben. In einem kleinen Zimmer welches etwas windgeschützt liegt stelle ich meinen Rucksack ab und setze mich auf den Boden. Aus was genau dieser sich zusammensetzt will ich lieber gar nicht wissen. Im Schein der Taschenlampe hole ich das Buch aus meinen Rucksack, welches ich ganz oben drauf gepackt habe. Kurz betrachte ich das Cover mit seinen geschwungenen Buchstaben, ziehe dann aber das Foto heraus, welches ich als Lesezeichen nutze. Es zeigt meine leiblichen Eltern als verliebtes Pärchen am Strand. Wahrscheinlich ist das Bild kurz nach ihrer gemeinsamen Nacht gemacht worden. Quasi bin ich schon auf dem Bild drauf. Das einzige Familienfoto, was es von uns gibt. Ein dicker Kloß bildet sich in meinem Hals, den ich nicht herunter geschluckt bekomme und Tränen rollen mir über die Wange. Nicht zum ersten Mal stelle ich mir vor wie mein Leben ausgesehen hätte, wenn meine Mutter es damals geschafft hätte sich von ihrem Mann zu trennen und zu meinem Vater nach Italien zu ziehen. Da hätte ich jetzt wenigstens noch ein Elternteil. Vielleicht sollte ich es so machen, wie die Protagonistin in meinem Lieblingsbuch. Vielleicht sollte ich einfach meine Sachen packen und meinen leiblichen Vater in Italien suchen. Doch von welchem Geld? Mein Stiefvater hat Alles von meinem Konto geholt, bei sich gehortet und es dann aufgelöst. Es wäre das letzte was ich für ihn tun könnte. Mit meinen Hoffnungen, irgendwie aus meiner misslichen Lage herauszukommen, erlischt das Licht meiner Taschenlampe. Kraftlos und zitternd am ganzen Körper lasse ich sie, genau wie das Buch neben mich auf den Boden fallen. Die Tränen strömen in Bächen aus meinen Augen; mein Blich auf das Foto ist völlig verschwommen. Ich ziehe die Beine an und stütze meine Unterarme auf den Knien ab. Das Foto halte ich weiterhin vor mich, obwohl ich in der Dunkelheit nichts mehr erkenne. Ein weiterer Schluchzer durchzuckt mich und bei der Bewegung reißt das Bild ein kleines Stückchen ein. Ich sollte mich darüber ärgern, dass die letzte Erinnerung an meine richtige Familie beschädigt ist, doch ich fühle gar nichts. Ich bin leer und kraftlos. Ich fasse das Bild links und rechts neben dem kleinen Riss und zerreiße es dann einmal in der Mitte. Ich lege die beiden Hälften übereinander und wiederhole den Prozess. Wieder und wieder; so oft, bis ich nur noch winzige Schnipsel in der Hand habe. Zu einer Faust geballt halte ich die letzten Erinnerungen fest. Ein leichter Wind fährt mir durch die Haare und ich öffne meine Hand. Der nächste Windstoß trägt die Einzelteile meiner Vergangenheit – meiner Familie mir sich. Fort von mir. Ich schaue ihnen nach in die klare Nacht und fühle weiterhin gar nichts. Keine Reue es getan zu haben, keine Trauer um all die Erinnerungen, die in dem Foto steckten. All die Geschichten, die meine Oma mir von meiner Mutter erzählt hat sind plötzlich bedeutungslos, denn auch sie ist nicht mehr da. Niemand ist mehr für mich da. Ich habe nur noch mich selbst.

Together we are strongGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt