- Leo -
Meine Füße tun weh und meine Klamotten sind komplett durchgeweicht. Die blonden Strähnen hängen mir nass ins Gesicht. Mit so einem Regenguss hat aber auch Keiner gerechnet. Selbst die Restaurantbesitzer konnten ihre Tische und Stühle nicht mehr rechtzeitig nach drin ins Trockene retten. Und ich wusste eh nicht wohin, also habe ich kurzerhand Unterschlupf im Dom gefunden. Und da bin ich nun. Die Menschen um mich herum kommen und gehen. Niemand nimmt Notiz von mir. Ich bin unsichtbar für den Rest der Welt und so soll es auch sein. Hier bin ich sicher. Zumindest bis heute Abend. Vor der Nacht graut mir ein wenig, da es da noch ziemlich kalt werden soll. Ich sollte mir Gedanken machen, wo ich diese verbringen soll, doch mein Kopf ist wie leergefegt. Da ist nur ein Bild – wie ich meinem Stiefvater im Supermarkt gegenüberstehe und er mir genau in die Augen sieht. Sofort sammeln sich sich wieder die Tränen und beginnen über meine Wangen zu rollen. Mit der eh schon nassen Kapuze verdecke ich mein Gesicht noch etwas weiter und ersticke die Schluchzer, die meinen ganzen Körper beben lassen in meiner Armbeuge. Die mitleidigen Blicke der Menschen um mich herum kann ich zwar nicht sehen, aber ich spüre jeden einzelnen auf meinem Körper.
Ich bleibe in der Bank sitzen, meinen Rucksack zwischen meinen Beinen eingeklemmt, bis es draußen dunkel wird und die Leute gebeten werden sich zum Ausgang zu begeben. Die letzte Führung für heute ist zu Ende und die Angestellten wollen Feierabend machen. Kurz überlege ich, mich zwischen den Sitzbänken zu verstecken, doch mein Rucksack würde mich verraten. Dieses Monster kann man nicht einfach so verschwinden lassen. Wohl oder übel muss ich mich wo anders auf die Suche nach einem Schlafplatz machen.
Noch während ich meine durchnässte Jacke wieder überziehe, welche mir sogleich kalt am Körper klebt, höre ich die Türen quietschend auf und wieder zugehen. Aus dem Augenwinkel nehme ich einen Schatten war, welcher sich hinter mir die Bankreihe schiebt. Ich brauche mich gar nicht umdrehen, um zu wissen, wer sich zu mir gesellt hat. Ich spüre ihn – spüre Jimmys Blick auf mir. Und doch bewege ich mich keinen Millimeter. Was, wenn der Wunsch, dass er meinen Brief ignoriert hat und sich auf die Suche nach mir gemacht hat zu groß ist und jetzt irgendein Fremder hinter mir sitzt? Doch was hat es dann mit diesem nervösen Kribbeln in meinem Magen auf sich? Aufregung oder Vorfreude? Ich bin gerade zu durcheinander, um es zuzuordnen. So bleibe ich sitzen und rühre mich nicht.
„Leo?" Einfach nur mein Name, aber es reicht um mir erneut die Tränen in die Augen zu treiben. Er ist es. Jimmy hat mich tatsächlich gesucht. Wahrscheinlich den ganzen Tag und schlussendlich hier gefunden. Er steht von seinem Platz auf und setzt sich neben mich. Als wäre es nach meiner Aktion selbstverständlich lasse ich meinen Kopf an seine Schulter fallen. Mit einem Mal bin ich extrem müde. Das hat man wohl davon, wenn man den ganzen Tag durch die Stadt läuft. Und als wäre nie etwas passiert nimmt Jimmy mich in den Arm und ignoriert dabei sogar meine nassen Klamotten. Er selbst ist noch halbwegs trocken. Der Glückliche. Er hat es noch rechtzeitig ins Trockene geschafft, im Gegensatz zu mir.
Langsam drehe ich mich zu ihm. Ich öffne den Mund, will irgendwas zu ihm sagen. Sagen, wie leid es mir tut abgehauen zu sein. Das es mir leid tut, dass sie sich solche Gedanken gemacht haben, denn das haben sie mit großer Sicherheit, doch ich bekomme kein Wort heraus. Die Tränen ersticken meine Stimme.
„Sh, ist okay. Jetzt bin ich ja hier.", sagt er und wischt mir eine Träne weg, wo sofort die nächste entlang rollt.
„Es wird alles gut. Komm, lass uns nach Hause gehen."
Jimmy hat mir seine Jacke um die Schultern gelegt und sich selbst meinen Rucksack geschultert. Hand in Hand verlassen wir langsam den Dom und treten in die schwarze Nacht. Die Regenwolken vom Nachmittag haben sich verzogen und einzelne Sterne sind am Himmel zu sehen. Trotz der späten Stunde tummeln sich noch einige Menschen auf der Domplatte. Sicher Touristen, die die Gelegenheit nutzen, um Fotos von Köln bei Nacht zu machen.
„Die machen bestimmt Augen, wenn sie morgen ihre Fotos genauer ansehen und dich darauf erkennen.", sage ich. Es ist das erste, was ich an Worten herausbekomme, seit Jimmy mich gefunden hat.
„Ja, wahrscheinlich. Und dann ärgern sie sich grün und blau nur auf den beleuchteten Dom und nicht nach unten geschaut zu haben.", antwortet Jimmy überraschend gelassen.
„Würde mir aber auch passieren. Ich wohne schon mein Leben lang hier, war aber noch nie draußen, wenn es dunkel war.", überlege ich laut. „Erst war ich zu jung und dann durfte ich nicht mehr. Nach acht Uhr wurde die Haustür abgeschlossen.", füge ich hinzu. Das es mir so leicht fällt darüber zu sprechen, überrascht mich selbst.
„Na siehst du. Da haben wir ja schon einen Punkt auf der Liste abgehakt."
„Was denn für eine Liste?" Verwirrt sehe ich Jimmy an.
„Na die 'Was – Leo – sehen – muss' - Liste.", antwortet er, als wäre es das Selbstverständlichste.
„Du hast eine Liste? Echt jetzt?"
„Naja, noch nicht. Aber sobald wir zu Hause sind schreiben wir eine."
„Irgendwie habe ich das Gefühl du freust dich mehr auf diese Liste, als ich. Ich bin einfach nur froh, ein Dach über dem Kopf zu haben.", gestehe ich.
„Das ändert sich, versprochen. Und die Sachen mit dem Dach über dem Kopf ... „ Jimmy macht eine Pause und dreht mich dann zu sich. „Du weißt, dass du bei uns immer ein solches Dach hast, oder?" Ich nicke und schaue beschämt zu Boden.
„Setze das bitte nicht nochmal auf's Spiel. Ich dachte heute echt, den Stiefvater hätte dich gefunden. Ich hatte eine Scheißangst um dich." Jimmy legt zwei Finger unter mein Kinn und hebt meinen Kopf, sodass ich ihn ansehe. Und ich sehe sie, die Angst, von der er gesprochen hat. Ich kenne sie selbst nur zu gut.
„Es geht mir gut. Versprochen, ich haue nicht mehr ab.", sage ich leise.
„Und wenn dich irgendwas bedrückt, oder dir irgendwas Angst macht redest du mit mir, ja?" Eindringlich sieht er mich an, sodass ich gar nicht anders kann, als zu nicken.
„Versprochen?"
„Versprochen."
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Together we are strong
Fanfiction‼️TRIGGERWARUNG‼️ Diese Geschichte enthält triggernde Inhalte, die eventuelle Spoiler für den Verlauf der Geschichte enthalten. Zudem zählen: Verlust der Eltern und anderer geliebter Personen, Kindesmissachtung, Trauer, Waffenmissbrauch und Verarbe...
