Kapitel 37

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- Leo -

Ich muss tatsächlich kurz eingeschlafen sein, denn als ich aufwache sitzt Barby auf dem Schreibtischstuhl und schreibt in ein kleines Notizbuch. Ich beobachte sie erst noch eine Weile, ehe ich mich bemerkbar mache.

„Hey, geht's dir besser?", fragt sie, klappt das Buch zu und kommt zu mir herüber. Ich setze mich auf, lehne mich gegen die Wand, Barby tut es mir gleich.

„Ja, ich denke schon.", antworte ich. Hinter meinen Schläfen pocht es noch ein wenig, aber sonst kann ich mich nicht beklagen. Die Panikattacke scheint vorbei, worüber ich sehr froh bin.

„Hier, trink mal einen Schluck." Barby rutscht auf der Matratze nach vor, greift sich das Glas von meinem Nachttisch und reicht es mir. Ich nehme es dankbar an und leere es in wenigen Zügen. Die kühle Flüssigkeit belebt meinen Körper wieder zum Leben. Gerade noch schlapp von meinem Zusammenbruch, fühle ich mich jetzt wie neu geboren. Nur die Kopfschmerzen lassen auf das deuten, was in den letzten Stunden passiert ist.

„Ich weiß, du kannst die Frage wahrscheinlich nicht mehr hören, aber magst du mir vielleicht erzählen, was los war? Bevor du ohnmächtig geworden bist, meine ich.", fragt mich Barby vorsichtig, als könnte sie alleine mit ihren Worten irgendetwas in mir auslösen. Und obwohl mir klar ist, dass sie im Auftrag ihres Bruders hier ist – der vielleicht sogar hinter der Tür steht und lauscht – nehme ich ihre Hand und lächele ihr zu.

„Es war einfach ... ich hatte dieses Foto von meinen Eltern. Meinen leiblichen Eltern. Und in dieser Nacht, als ich abgehauen bin, hatte ich einen ähnlichen Zusammenbruch, wie eben und da habe ich es zer..." Mir bleibt das Wort im Hals stecken. Ich schlucke und bereue, das Glas bereits ausgetrunken zu haben. „ Ich habe das Bild zerrissen und jetzt habe ich nichts mehr, was mich an meine Eltern erinnert. Außerdem hatte ich das Bild von meinen Großeltern. Ich habe alles Gute, was ich aus meiner Vergangenheit hatte, vernichtet. Das hat mich vorhin wohl ausgeknockt." Keine Ahnung woher ich die Stärke nehme, Barby die Geschichte in sinnvollen Sätzen zu erzählen. Die Worte sprudeln nur so aus mir heraus, als hätten sie nur darauf gewartet.

„Das tut mir echt leid, Leo. Und es gibt keine Chance an dieses Foto zu kommen?"

„Nein, es gab nur diesen einen Abzug.", sage ich ernst worauf ein seltsames Schweigen den Raum füllt. Ich will irgendetwas sagen, um dieses zu brechen. Auch Barby scheinen die Worte auf der Zunge zu liegen, doch sie traut sich nicht, die Worte auszusprechen, was auch immer es ist.

„Was schreibst du da eigentlich?", frage ich irgendwann in die Stille und greife nach ihrem Notizbuch. Das Cover ist schön. Palmen ragen von beiden Seiten ins Bild, wo die Sonne ins Meer untergeht. Das Wort 'Diary' ist schräg in den Sand geschrieben. Ihr Tagebuch also. Und nur das hält mich davon ab, es zu öffnen und zu lesen. Das gehört sich nicht. In sein Tagebuch schreibt man seine tiefsten Gefühle und die größten Ängste. Da kann ich meine Nase nicht einfach so hineinstecken.

„Ach, das ... das ist für dich.", sagt Barby beiläufig und begutachtet ihre Fingernägel.

„Für mich?" Überrascht sehe ich sie an. „Aber warum?" Ich habe in der Schule nie zu den Mädchen gezählt die Tagebuch geschrieben haben. Ganz einfach, weil ich nie eins haben durfte. Irgendwann habe ich mich damit abgefunden.

„Ich habe es beim Einkaufen gesehen und musste an dein Buch denken. Ich habe es mal beim sauber machen auf deinem Nachttisch liegen sehen. Ich habe nicht in deinen Sachen geschnüffelt, Ehrenwort.", sagt Barby schnell. Als könnte ich ihr böse sein. Tatsächlich erinnert das Cover ein bisschen an meinen Lieblingsroman, der auch jetzt wieder seinen Platz auf meinem Nachttisch gefunden hat.

„Worum geht es in dem Buch eigentlich?", fragt Barby, als könnte sie meinen Blick lesen. Ich zögere keine Sekunde, beuge mich nach vorne und reiche ihr das Buch.

„Ich bin mir sicher, es wird dir gefallen. Die Notizen kannst du ja einfach ignorieren.", sage ich und drücke ihr das Buch in die Hand.

„Du bekommst es unversehrt wieder, versprochen." Barby strahlt mich an und sieht dann wieder zu dem Buch in ihren Händen. Das Coverfoto ist schon leicht verbleicht, an einigen Stellen ist es eingerissen und geknickt. Kein Vorzeigebuch also. Als hätten wir den gleichen Gedanken, fangen wir gleichzeitig an zu lachen.

„Ich passe auf jeden Fall gut darauf auf.", sagt Barby, als sie sich wieder gefasst hat.

„Weiß ich doch." Wir umarmen uns noch einmal, dann verschwindet Barby durch das Badezimmer in ihr Zimmer. Noch in der Tür sehe ich, wie sie bereits die erste Seite aufgeschlagen hat. Ich lächele.

Da fällt mir das Notizbuch wieder ein, welches ich noch immer in meinen Händen halte und das Barby vorhin irgendetwas hineingeschrieben hat. Ich schlage die erste Seite auf und erkenne ihre zarte Handschrift auf der Innenseite des Deckblattes.


Wer aus seiner gewohnten Bahn geworfen wird, meint manchmal das alles verloren ist.

Doch in Wirklichkeit fängt nur etwas Neues an.

Ich streiche über die Worte. Wie passend sie doch sind. Wahrscheinlich hat Barby sie genau deswegen herausgesucht und hier auf die erste Seite geschrieben. Sie hat dieses Tagebuch für mich gekauft, etwas, was ich schon immer haben wollte und hat es mit den schönsten Worten verziert, die ich je gehört habe. Ich greife zu dem Stift, der in der kleinen Schlaufe an der Seite des Buches steckt und schreibe das heutige Datum in die linke obere Ecke der ersten freien Seite. Dann lasse ich meinen Gedanken und meinen Gefühlen freien Lauf. Schon nach wenigen Minuten ist die gesamte A5 - Seite gefüllt. Zufrieden schließe ich das Buch und lege es in die obere Schublade meines Nachttisches. Mein erster Gedanke, es unter das Kopfkissen zu legen, habe ich ganz schnell verworfen. Wer weiß, was hier vor sich geht, wenn Jimmy und ich uns so richtig ausgesprochen haben. Oh man, mein erster Tagebucheintrag ist fertig, doch ich hätte noch so viel mehr schreiben können.

Ich lege mich auf den Rücken, das Kopfkissen unordentlich unter dem Kopf zusammengeknüllt – gut, dass mein Tagebuch da nicht lag – und starre an die Decke. Die letzten Stunden waren ein einziges auf und ab. Erst die Heimkehr und das Wiedersehen, dann mein Zusammenbruch und wie ich Barby über die Nacht und das Foto erzählt habe. Und zu guter Letzt ihr Geschenk an mich. Nach allem, was sie wegen mir durchmachen musste, macht Barby mir einfach so Geschenke. Das zeigt einmal mehr, was sie für eine gute Freundin geworden ist.

Together we are strongGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt