Kapitel 41

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- Jimmy -

Vor ein paar Minuten schon habe ich den Wagen am Straßenrand geparkt, doch Leo macht nicht die Anstalten aussteigen zu wollen. Passanten, die an uns vorbeilaufen begutachten uns skeptisch. Logisch, immerhin parkt nicht jeden Tag ein Kelly bei ihnen vor der Haustür.

„Bist du dir sicher, dass du das hier willst?", frage ich Leo und lege meine Hand auf ihre. Langsam schüttelt Leo den Kopf.

„Nein, dass bin ich nicht. Aber wenn ich mit der Vergangenheit abschließen will muss ich da jetzt durch.", antwortet sie und löst den Sicherheitsgurt.

„Okay, soll ich mitkommen?" Leo löst den Blick von dem grauen Haus, wo der Putz schon abblättert und sieht dann mich an. Dann nickt sie.

„Gut, dann los." Fast gleichzeitig öffnen wir die Türen und steigen aus. Schnell umrundet Leo das Auto und kaum ist sie bei mir angekommen, klammert sie sich an meiner Hand fest. Langsam gehen wir auf das Haus zu und je näher wir kommen, desto klarer wird mir, warum Leo damals hier unbedingt weg wollte.

Die Fenster sind milchig, als wären sie jahrelang nicht geputzt worden; eines ist sogar eingeschlagen. Das Gartentor ist aus den Angeln gerissen und liegt im kniehohen Gras. Zwischen den Gehwegplatten sprießt das Unkraut und in den Stufen, die zur Haustür führen sind feine Risse zu erkennen.

„Willkommen in meiner Jugend.", sagt Leo sarkastisch. Ich spüre, wie sie noch immer zittert und sicher ist nicht nur die Hand nass geschwitzt, die ich halte.

„Keine Sorge. Gleich hast du es hinter dir und wir fangen von vorne an. Ich bin bei dir.", sage ich.

„Ja, ich weiß.", entgegnet Leo und zieht einen alten Schlüssel aus ihrer Hosentasche. Da ihre Finger indessen so sehr zittern nehme ich ihn ihr ab und stecke ihn ins Türschloss. Mit einem leisen klacken geht die Tür einen Spalt breit auf. Noch immer zitternd zieht Leo ihre Hand aus meiner und drückt die Tür weiter auf. Von drin brüllt der Fernseher so laut, dass wahrscheinlich selbst die Nachbarn mithören könnten..

„Du meintest doch, er sei nicht da.", flüstere ich Leo zu, die ebenso überrascht aussieht wie ich es bin.

„Ist er ja auch normalerweise nicht.", antwortet sie.

„Willst du zurück?"
„Nein, wenn ich jetzt gehe, komme ich nicht wieder. Ich muss hier gleich die Treppe hoch. Wenn wir Glück haben bemerkt er uns gar nicht.", sagt Leo und deutet über ihre Schulter wohl zum Wohnzimmer, wo ihr Stiefvater sitzt.

„Gut, dann los." So leise, wie möglich schließe ich die Haustür und folge Leo, die schon die ersten Stufen erklommen hat. Schnell folge ich ihr.

In ihrem ehemaligen Kinderzimmer schmeißt Leo ihren Rucksack auf das Bett und beginnt sämtliche Klamotten hineinzustopfen. Wie es aussieht, hat sie damals wirklich nur das Nötigste mitgenommen. Als sie fertig ist, zieht sie den Reißverschluss zu. Doch anstatt schnellstens von hier zu verschwinden, setzt sie sich auf das Bett und sieht sich in dem kleinen Zimmer um.

„Ich kann es nicht fassen, dass ich es zehn Jahre hier ausgehalten habe.", sagt sie gedankenverloren und die ersten Tränen steigen ihr in die Augen. Ich gehe von der Tür, wo ich quasi zur Wache stehen geblieben bin, zu Leo und setze mich neben meine Freundin.Das Lattenrost quietscht unter meinem Gewicht.

„Komm, lass uns hier weg." Ich stehe auf, wieder quietscht das gesamte Bett, und ziehe Leo auf die Beine. Ich nehme ihr den Rucksack ab und wir verlassen das Zimmer. Bis hier oben im Flur riecht es nach Zigaretten und Alkohol. Ist mir vorhin gar nicht so extrem aufgefallen und jetzt frage ich mich, wie das sein konnte.

Als ich zur Treppe will, bleibt Leo abrupt stehen. In ihrem Blick liegt die pure Angst und sie ist kreidebleich. Ich drehe mich um und zucke kurz zusammen, als ich erkenne, was los ist. Vor uns an der Treppe steht niemand geringeres als Leos Stiefvater und versperrt uns den Weg nach unten. Das Shirt klebt an ihm, wie eine zweite Haut und seine Alkoholfahne kann ich bin hierher riechen.

„Was willst du denn hier?", fragt er direkt an Leo gewandt.

„Keine Sorge. Wir sind schon so gut wie weg.", antworte ich, da Leo nicht in der Lage ist, auch nur ein Wort herauszubringen.

„Komm, wir gehen." Ich will nach ihrer Hand greifen, doch ihr Stiefvater schiebt sich zwischen uns.

„Du denkst wohl, du kannst dir Alles erlauben, was? Erst verschwindest du einfach und verkriechst dich irgendwo. Und jetzt kommst du hier mit deinem Bimbo her und denkst einfach wieder abhauen zu können? Ne, ne Fräulein. So nicht.", lallt er und drängt Leo und mich immer weiter auseinander. Er entreißt ,mir ihren Rucksack und drückt ihn Leo in die Hand. Mit einer Wucht, dass sie beinahe die Treppe heruntergefallen wäre. Gerade noch rechtzeitig kann sie sich am Geländer festhalten. Ich will zu ihr, sie festhalten. Doch als ich einen Schritt nach vorne mache habe ich auch schon den silberglänzenden Lauf einer Waffe vor dem Gesicht. Wo hat er dieses Ding denn jetzt auf einmal her? Klar, er ist bei der Polizei, aber schließen die ihre Waffen nicht nach Dienstschluss weg. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er erlaubt ist mit seiner Dienstwaffe durch die Gegend zu spazieren. Toll, wir sitzen in der Scheiße.

Together we are strongGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt