- Jimmy -
Ich stehe am Fenster und sehe, wie mein Bruder soeben nach Hause kommt. Ein riesiger Stein fällt mir vom Herzen, als ich sehe, dass Leo bei ihm ist. Hat sie sich also doch dazu entschieden hierzubleiben. Unsere Blicken treffen sich, als Leo nach oben sieht, während John mit ihrem Rucksack auf dem Rücken kämpft, um die Tür aufzubekommen. Ihre Mundwinkel verziehen sich zu einem leichten Lächeln und sie hebt unauffällig die Hand, um mir zuzuwinken. Wahrscheinlich wird sie sich fragen, warum nicht ich, sondern mein Bruder sie abgeholt hat. Nach all den Sachen, die er mir heute beim Frühstück an den Kopf geworfen hat, hat er es sich nicht ausreden zu lassen und mir ist kein Grund eingefallen, warum ausgerechnet ich Leo abholen will.
Sie senkt ihren Blick wieder als John die Tür endlich auf bekommt und die Zwei ins Haus kommen. Ich höre sie im Hausflur und würde am liebsten nach unten stürmen, Leo in meine Arme schließen, sie in mein Zimmer tragen und da weitermachen, wo wir im Krankenhaus aufgehört haben. Doch ich muss mich zusammenreißen. Keiner meiner Geschwister, abgesehen von Barby, die versprochen hat, niemanden etwas zu sagen, weiß noch immer Keiner etwas von Leo und mir. Ich weiß ja selbst nicht, was das genau ist.
Den restlichen Tag versuche ich mich wieder an meiner neuen Songidee. Der Text sitzt jetzt soweit, aber an der Melodie hängt es. Etwas rockiges passt nicht zu den Lyrics und die langsameren Melodien klingen für mich am Ende immer gleich. Als hätte ich den Song schon zehnmal geschrieben. Irgendwann lasse ich es sein. Ich nehme mir ein neues Blatt Papier und einen Stift und setzte mich damit und mit meiner Gitarre ins Bett. Draußen wird es schon langsam dunkel, also knipse ich meine Nachttischlampe an. Die Worte fließen so schnell aus dem Füller auf das Papier, im Nu ist die Seite voll. Ich klemme mir meine Gitarre unter den Arm, stimme die Saiten und spiele ein paar Akkorde. Immer wenn ich denke, den Passenden zum Text gefunden zu haben, schreibe ich diesen über die Zeilen.
„So spät noch fleißig?" Ich hebe den Kopf und sehe Leo in meiner Tür stehen. Ich lasse meine Gitarre verstummen und lege sie beiseite. Durch mein Spielen habe ich ihr Klopfen wahrscheinlich nicht gehört.
„Hey, ja. Ich hatte da so eine Idee.", antworte ich.
„Klang schön ... irgendwie traurig. Aber was weiß ich schon ..." Obwohl sie den Kopf senkt, sehe ich wie Leo die Lippen zu einem Lächeln verzieht, die Arme wie so oft vor der Brust verschränkt. Das sie auf meine Bemerkung anspielt, sie habe von Musik keine Ahnung entgeht mir nicht.
„Vielleicht mehr, als wir Alle denken.", antworte ich daher. „Du kannst auch reinkommen. Du musst nicht im Türrahmen stehen bleiben.", sage ich, was uns Beide kurz Lachen lässt.
„Sicher? Beim letzten Mal hast du mich im hohen Bogen rausgeschmissen.", sagt Leo, kommt aber herein und schließt die Tür hinter sich. Ich stehe auf und räume meine Sachen vom Bett. Die Papiere lege ich auf den Schreibtisch, die Gitarre verstaue ich in ihrem Koffer, den ich neben das bodentiefe Fenster stelle.
„Hier, setzt dich.", sage ich und deute auf die freie Seite des Bettes. „Das letzte Mal war ich wohl noch das Arschloch. So wie in Doktor Jekyll und Mister Hyde, weißt du."
„Ah, okay. Und jetzt gerade bist du der gute Doktor Jekyll?", fragt Leo neckend.
„Sieht ganz so aus." Ich rutsche näher zu ihr nehme ihr Hand und ziehe sie vorsichtig näher zu mir auf's Bett. Leo kommt meiner stummen Aufforderung nach. Selbst in ihren kurzen Shorts, die sie zum Schlafen trägt und dem Pullover sieht sie in meinen Augen umwerfend aus.
„Ich hab dich vermisst.", sage ich und streiche ihr eine ihrer blonden Strähnen aus dem Gesicht. Als ich meine andere Hand auf ihren nackten Oberschenkel lege, bekommt sie dort sofort eine Gänsehaut.
„Ich dachte, ich bin so unausstehlich.", sagt Leo mit belegter Stimme. Wie nahe wir uns indessen sind merke auch ich erst jetzt, als ich ihren Atem auf meiner Wange spüre.
„Nein, es ist höchstens unausstehlich, wenn du nicht bei mir bist. Das war von Anfang an so.", gestehe ich. „Ich hab dir doch erzählt, warum ich all das gemacht habe. Und ..." Ich verstumme, als Leo ihren Finger auf meine Lippen legt und mich so zum Schweigen bringt.
„Halt jetzt den Mund und küss mich.", sagt sie, packt den Kragen meines Shirts und zieht mich noch enger zu sich. Somit überbrückt sie die letzten Zentimeter, die noch zwischen uns waren.
„Wow, ich liebe diesen Befehlston.", sage ich noch, ehe ich meine Lippen auf ihre presse. Sofort vergrabe ich eine Hand in Leo's Haar. Es duftet nach ihrem Shampoo; blumig und frisch. Fast sommerlich. Sie hat ihre Arme um mich geschlungen und krallt sich an meinem Rücken fest. Vorsichtig schicke ich meinen Mund auf Erkundungstour, langsam, damit sie mich nicht wieder von sich schiebt, wie bei meinem ersten Versuch im Krankenhaus. Als ich hinter ihrem Ohr ankomme, entfährt ihr ein Seufzen, welches Leo an meiner Schulter erstickt. Ich wandere weiter nach unten, ihren Hals entlang, zu ihrem Kinn und wieder zurück.
„Mach mir ja keinen Knutschfleck." Völlig außer Atem sieht sie mich grinsend an. Aber wo sie recht hat, hat sie recht. Wenn ich ihre Sachen richtig überschaut habe hat sie weder die Sachen, um diesen morgen früh zu überschminken, noch eine glaubwürdige Ausrede.
„Ich geb' mein bestes.", antworte ich und fange ihre Antwort mit meinen Lippen auf.
„Kann es sein, dass dich noch nie Jemand so berührt hat?" Fragend sehe ich Leo an, als sie später völlig außer Atem neben mir auf der Matratze liegt. Ich habe meine Klamotten gegen mein Schlafshirt und Shorts getauscht und die Nachttischlampe ausgeschaltet. Nur das Licht der Straßenlaternen und des Mondes erhellt den Raum. Leo liegt auf dem Rücken und trotz des wenigen Lichtes kann ich ihre Konturen deutlich erkennen. Es hat mich alle Kraft gekostet, ihr nicht sämtliche Klamotten vom Körper zu reißen.
„Was hat mich verraten?" Leo dreht mir den Kopf zu und trotz der Dunkelheit kann ich sehen, dass ihr diese Situation peinlich ist.
„Weil du selbst dann eine Gänsehaut bekommst, wenn ich nur dass hier mache.", antworte ich und streiche ihr vorsichtig mit den Fingerspitzen über die Innenseite ihres Oberschenkel. Sofort geht ihr Atem flacher und sie versteift sich unter meiner Berührung. Wie es sich dann wohl erst anfühlen mag, wenn sie mir erlaubt, weiterzugehen? Oh man, ich muss echt aufpassen was ich denke!
„Ertappt.", sagt Leo keuchend und krallt sich an der Bettdecke fest.
Später liegen wir nebeneinander in meinem Bett und schauen nach draußen auf den fast vollen Mond. Wenn meine Geschwister uns so sehen würden – entweder würden sie durchdrehen (und das nicht im positiven Sinne) oder sie würden erleichtert sein, dass wir uns endlich verstehen. Sogar mehr als das! Aber wie ich meine Familie so kenne, eher Ersteres! Außerdem schleicht sich immer wieder der Gedanke aus der hintersten Ecke meiner Gedanken, dass John etwas hiergegen haben könnte. Das er Leo vielleicht auch mehr mag, als nur als Freundin. Aber daran will ich jetzt nicht denken. Denn jetzt gerade in diesem Augenblick ist Leo hier bei mir. Schon ein paar Mal war sie kurz davor einzuschlafen, hat sich aber jedes Mal aufgerappelt.
„Ich glaube, ich sollte mal in mein Zimmer gehen, ehe ich einschlafe.", sage sie irgendwann und macht Anstalten aufzustehen.
„Und wenn du einfach hierbleibst? Wir schmuggeln dich morgen früh einfach rüber in dein Zimmer.", schlage ich vor, schlinge meinen Arm um sie und ziehe Leo zurück ins Bett.
„Du hast wohl vergessen, dass ich mir das Badezimmer mit Barby teile. Sie wird garantiert etwas merken."
„Leo, Barby ist unser kleinstes Problem. Außerdem ahnt sie etwas, seitdem sie mit im Krankenhaus war, als ich dir deinen Rucksack gebracht habe.", gestehe ich.
„Okay, wenn das so ist. Dann ist das also unser kleines Geheimnis?", fragt Leo.
„Das heißt, du willst den Anderen nichts sagen?"
„Ich will erstmal für mich herausfinden, was das hier mit uns ist. Ich weiß nur, dass ich mich lange nicht mehr so zu Hause gefühlt habe, wie jetzt gerade.", antwortet Leo und kuschelt sich in meine Arme. Ich ziehe die Decke über ihre nackten Beine und positioniere mich dann so, dass ich sie ansehen kann. Es dauert nicht lange, da ist Leo eingeschlafen. Und obwohl es schon fast Mitternacht ist, bleibe ich wach und betrachte Leo. Wie konnte ich sie nur loswerden wollen?
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Together we are strong
Fanfiction‼️TRIGGERWARUNG‼️ Diese Geschichte enthält triggernde Inhalte, die eventuelle Spoiler für den Verlauf der Geschichte enthalten. Zudem zählen: Verlust der Eltern und anderer geliebter Personen, Kindesmissachtung, Trauer, Waffenmissbrauch und Verarbe...
