Kapitel 8

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- Jimmy -

Meine Geschwister sind schon vor einigen Stunden ins Bett gegangen. Fast den ganzen Tag haben wir der Planung für das neue Album verbracht, was sehr an unserer Energie gezehrt hat. Auch ich bin eigentlich todmüde, doch die Textidee für meinen neuen Song wollte ich unbedingt noch festhalten, ehe ich sie wieder vergesse.

Jetzt ist es fast drei Uhr morgens, als ich meinen Kram zusammenräume und im Esszimmer das Licht ausschalte. Leise schleiche ich die Treppe nach oben. Nicht, dass ich irgendjemanden wecke! Im ganzen Flur ist es stockdunkel. Zum Glück kenne ich den Weg blind, sodass ich das Licht nicht anschalten muss. Nur unter einer der Türen am Ende des Ganges scheint noch ein schmaler Lichtstreif hindurch. Leo's Zimmer. Warum um alles in der Welt hat sie das Licht noch an? Sie ist doch schon vor Stunden schlafen gegangen. Ehe mein Kopf kapiert was meine Füße tun, stehe ich vor ihrer Tür und drücke sie leise auf. Unschlüssig, was ich jetzt tun soll, bleibe ich stehen und schaue zu Leo, die tief und fest zu schlafen scheint. In einem ihrer dicken Pullover und langen Jogginghosen liegt sie zusammengekauert im Bett und atmet gleichmäßig. Nur im Schein der Nachttischlampe gehe ich zum Fenster und öffne dieses, da die Luft hier drin abgestanden und stickig ist und noch während ich den Griff in der Hand habe frage ich mich, warum mich das gerade interessiert. Der Zeitungsartikel kommt mir wieder in den Sinn und fast automatisch sehe ich wieder zu Leo. Ich schalte die Leuchte aus und suche im Dunkeln nach ihrer Bettdecke, die sie im Unterbewusstsein von sich getreten haben muss. Kein Wunder – würde ich so dick eingepackt schlafen, würde ich auch schwitzen.

Ehe Leo aufwachen und mich in ihrem Zimmer erwischen kann habe ich die Tür wieder erreicht und husche wieder in den Flur.

Als ich wenig später geduscht und umgezogen in meinem Bett liege wollen meine Augen einfach nicht zufallen. Obwohl ich von dem Tag total geschlaucht bin und vorhin kaum noch die Augen offen halten konnte, wollen mir ebendiese nun einfach nicht zufallen. Jetzt bin ich hellwach! Immer wieder sehe ich Leo's Gesicht vor mir. Die fest zusammengekniffenen Augen und die nach unten gezogenen Mundwinkel. Und trotz der Dunkelheit glaube ich erkannt zu haben, dass sich neben ihrem Kopf, genau genommen neben ihren Augen, der Kissenbezug dunkler verfärbt hat. Als wäre er nass. Wahrscheinlich hat Leo schlecht geträumt und deswegen geweint. Hätte ich sie wecken sollen, als ich vorhin bei ihr im Zimmer war? Nein, das hätte nur Fragen aufgeworfen. Und auf ein Verhör mitten in der Nacht habe ich absolut keine Lust. Wie bitte hätte ich meinen Geschwistern, oder Leo, erklären sollen, warum ich in ihrem Zimmer war? Ich weiß es ja selbst nicht.

Ich drehe mich auf die Seite und versuche meine Gedanken an die letzten Stunden zu verdrängen. Die ersten Wochen ist es mir doch gelungen Leo zu ignorieren. Warum kommen wir jetzt andauernd in solche komischen Situationen? Erst die Sache mit dem Regen, als sie mich in Schutz genommen hat und dann der gedeckte Frühstückstisch. Und warum schleicht sich ihr Gesicht neuerdings immer wieder in meine Gedanken? Wahrscheinlich bin ich einfach übermüdet und sollte jetzt dringend schlafen. Der morgige Tag wird mindestens genau so anstrengend, wie der heutige.

Ich schlafe schlecht in dieser Nacht und träume wirres Zeug. Als es am Morgen an meiner Tür hämmert schaue ich auf meinen Wecker und muss feststellen, dass ich gerade einmal vier Stunden geschlafen habe.

„Jimmy, stand up!", höre ich Kathy rufen und drücke mir das Kopfkissen aufs Gesicht. Gestern Nacht habe die Gardinen nicht mehr zugezogen und jetzt scheint mir die Sonne direkt ins Gesicht. Ein erneutes Klopfen lässt mich zur Tür schauen.

„Jimmy, last chance. We eat everything alone!" Anscheinend wurde mein Weckdienst abgelöst, denn nun höre ich Angelo und Paddy hinter meiner Tür kichern.

„I'm coming!", rufe ich und schlage die Decke zurück. Ich ziehe mir ein frisches Shirt über und mache mich auf den Weg ins Esszimmer. Im Flur treffe ich auf Barby, die genau so verschlafen aussieht, wie ich mich fühle.

„Morgen, Kleine.", sage ich und lege meiner kleinen Schwester den Arm um die Schultern.

„Morgen. Wie lange hast du denn gestern noch gesessen?" Fragend sieht sie mich an.

„Wenn ich gewusst hätte, dass es heute so zeitig weitergeht wäre ich vielleicht gestern ins Bett gegangen.", antworte ich.

„Nimm es mir nicht übel, aber das sieht man dir an.", sagt Barby und knufft mir in die Seite. Als wir an Leo's Zimmer vorbeikommen bleibe ich stehen. Ich selbst werde sie garantiert nicht darauf ansprechen, denn nach der Sache mit Sunny habe ich mir vorgenommen unseren Kontakt wieder auf ein Minimum herunterzuschrauben. Doch die Bilder von letzter Nacht gehen mir nicht aus dem Kopf und wenn sich Leo jemanden gegenüber öffnet, dann Barby.

„Hey, weißt du was mit Leo los ist?", frage ich leise, da ich nicht weiß, ob sie in ihrem Zimmer ist und nicht will, dass sie etwas von diesem Gespräch mitbekommt.

„Was meinst du?", fragt Barby mich.

„Ich, ... also, als ich ins Bett bin brannte bei ihr noch Licht und das wollte ich ausmachen. Sie lag im dicken Pulli im Bett und es sah aus, als hätte sie im Schlaf geweint.", erzähle ich meine Beobachtungen.

„Na, na. Pass mal auf, dass du nicht anfängst dir Sorgen um sie zu machen."

„Pfff... ich dachte ja nur, da du so ziemlich die einzige bist mit der Leo freiwillig redet.", entgegne ich gleichgültig.

„Okay, ich rede nachher mal mit ihr.", antwortet meine Schwester.

„Und keine Sorge. Ich verrate ihr nicht, dass du sie beim Schlafen beobachtet hast." Sie schiebt meinen Arm beiseite und geht mir voraus die Treppe nach unten.

„Ich hab sie nicht ...", setzte ich an, unterbreche mich aber selbst. Als ich ins Esszimmer komme sitzen sowohl meine Geschwister, als auch Leo am Tisch. Am liebsten würde ich mich kneifen, um festzustellen, dass ich nicht wieder eingeschlafen bin und noch träume, doch ich unterdrücke den Reflex. Ich lasse meinen Blick durch die Runde schweifen und darf mit einem tiefen Seufzer feststellen das der einzig freie Platz der zwischen John und Leo ist. Würde mich nicht wundern, wenn meine Geschwister das extra so eingefädelt hätten. Wahrscheinlich haben sie mich extra länger schlafen lassen, damit ich gar keine Chance habe mir einen anderen Platz zu suchen.

„Morgen.", sage ich in die Runde und setze mich dann.

Während des Frühstückes sprechen wir hauptsächlich über die neue Platte, beziehungsweise das Cover. Leo sitzt stumm neben mir und konzentriert sich voll und ganz auf ihr Frühstück. Es ist ihr anzusehen, dass sie sich unwohl fühl, auch wenn ich sie immer nur kurz aus dem Augenwinkel ansehe.

„Wenn sie wirklich realistische Bilder haben wollen, sollten sie uns im Proberaum fotografieren. Völlig fertig und verschwitzt.", wirft Joey gerade in die Runde, was mich schmunzeln lässt.

„Hat hier noch Jemand erst zu nehmende Vorschläge?", fragt Kathy und sieht meinen Bruder genervt an.

„Was meinst du denn?", fragt Paddy in meine Richtung. Doch da er mich nicht richtig ansieht weiß ich, dass seine Frage nicht an mich gerichtet war, sondern an Leo. Sonst sind wir ja für Vorschläge von außerhalb immer offen, aber in solch einer Situation können wir uns echt keine Fehltritte leisten.

„Du meinst mich?" Entgeistert sieht Leo ihn an und als Paddy nickt fällt Leo beinahe die Tasse aus den Händen.

„Frag mal lieber jemanden, der Ahnung von solchen Sachen hat.", gehe ich dazwischen.

„Wen denn? Dich? Du hast auch noch keinen brauchbaren Vorschlag gebracht.", kontert mein kleiner Bruder. Manchmal könnte ich diesen kleinen Klugscheißer auf den Mond schießen.

„Ich hab von sowas echt keine Ahnung.", schaltet sich da Leo von meiner Seite ein. Mal wieder zu meiner Verteidigung. Doch ich beschließe, es nicht zu ernst zu nehmen. Diesen Fehler mache ich nur einmal.

„Seht ihr." Zufrieden zucke ich mit den Schultern und nehme mir ein Brötchen aus dem Korb. Das Leo neben mir sitzt verdränge ich immer weiter nach hinten in meinen Kopf. Ich schalte zurück in meinen Ignorieren-Modus aus den ersten Wochen. Sicher ist sicher. Auch, wenn ich nur zu gern wüsste, was Barby herausfindet. Halt,stopp! Falscher Gedanke! Es sollte mir egal sein, denn es geht mich nichts an.

Together we are strongGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt