- Jimmy -
Auf der Rückfahrt sprechen Barby und ich fast kein Wort miteinander. Zum größten Teil, weil ich tief in meine Gedanken versunken bin. Ich kann mich gerade noch so auf den Verkehr konzentrieren. Warum hatte Leo ihren Rucksack bereits gepackt? Wollte sie bei uns ausziehen? Hätte ich mein Ziel, welches ich eigentlich gar nicht hatte, wirklich erreicht. Hatte sie ihre Sachen gepackt und wollte sich von uns verabschieden kommen. Mir persönlich sagen, dass sie verschwinden wollte? Ich schüttele den Kopf, atme tief und fahre mir mit der Hand übers Gesicht. Die rote Ampel kommt mir recht gelegen. Meine Geschwister hätten es mir nie verziehen, wenn Leo wegen mir gegangen wäre. Für sie gehörte sie quasi schon zur Familie. Und ja, verdammt – für mich auch!
„Grüner wird's nicht.", sagt Barby und holt mich aus meinen Gedanken. Erst jetzt höre ich das Hupen der Autos hinter mir. Schnell lege ich den Gang ein und fahre los.
„Ist ja gut.", sage ich mit einem Blick in den Rückspiegel, als der Typ hinter mir Lichthupe macht.
„Sag mal, ist alles okay. Du bist so komisch." Skeptisch mustert meine kleine Schwester mich vom Beifahrersitz.
„Hast du die letzten Tage irgendwas komisches bei Leo mitbekommen?", frage ich. Barby weiß inzwischen so viel, da ist es jetzt auch schon egal.
„Inwiefern?"
„Naja, ihr Rucksack stand gepackt in ihrem Zimmer. So, als wollte sie gehen.", erkläre ich.
„Echt jetzt? Und wo wollte sie hin?" Barby dreht sich in ihrem Sitz ein Stück weiter zu mir.
„Keine Ahnung. Ich weiß ja nicht einmal, ob sie überhaupt gehen wollte, aber es sah alles danach aus. Sämtliche Sachen waren gepackt und das Zimmer aufgeräumt.", erkläre ich meine Beobachtungen.
„Aber wieso sollte sie ausziehen sollen?" Wieder seufze ich tief und reibe mir mit der Hand den Nacken.
„Ne, oder?" Barby sieht mich an und schüttelt den Kopf. „Na klar. Leo wollte wegen dir weg.", schlussfolgert meine Schwester richtig.
„Anders kann ich es mir nicht erklären.", sage ich nur. Gegen meine Erwartungen – welche Standpauken und Vorwürfe enthalten hatten – beginnt Barby zu lachen.
„Was ist denn daran so lustig?", frage ich, deutlich verwirrt.
„Naja, ist das nicht irgendwie Schicksal. Da will Leo weg von dir ... sorry, ist nun mal so ... und dann küsst ihr euch."
„Freut mich, dass dich das so amüsiert.", sage ich, kann mir aber auch ein Schmunzeln nicht verkneifen.
„Und wann wirst du es den Anderen sagen?"
„Wenn ich mit Leo darüber gesprochen habe.", antworte ich.
„Was machst du, wenn sie noch immer weg will?", fragt Barby nach eine Weile vorsichtig. Ich schlucke den Kloß in meinem Hals herunter, der sich bei ihrer Frage da gebildet hat.
„Was soll ich da machen? Ich werde mich ihr nicht in den Weg stellen." 'Ich werde sie anflehen zu bleiben, weil ich nicht will, dass sie geht.', schießt es mir durch den Kopf, aber das kann ich schlecht sagen. Und nach allem, was ich Leo angetan habe, bin ich der Letzte, der sie zu irgendetwas überreden sollte.
Als am nächsten Morgen beim Frühstück der Platz neben mir frei bleibt, vergeht mir der Appetit. Wenn es stimmt, was Barby gestern auf der Heimfahrt angedeutet hat und Leo wirklich gehen will, wird dieser Platz immer frei bleiben. Aber vor allem werde ich sie verlieren. Und das könnte ich mir nie verzeihen. Immerhin hätte ich sie selbst vertrieben. Ich starre in meine Kaffeetasse und versuche die Gedanken aus meinem Kopf zu vertreiben.
„Du isst ja gar nichts. Bist du krank?", fragt mich Kathy, die mir gegenüber sitzt und mich kritisch mustert. Eigentlich geht bei mir nichts über ein ordentliches Frühstück, aber heute bekomme ich keinen Bissen herunter. Wieder werde ich mir des freien Platzes neben mir bewusst und mein Magen verknotet sich noch mehr.
„Hat wahrscheinlich noch ein schlechtes Gewissen wegen gestern.", kommt es von John. Den Blick, den er mir dabei zuwirft hätte mich ohne Zweifel getötet, wäre so etwas möglich. Ich will nicht sagen, dass ich es nicht verdient hätte und auch war mein großer Bruder es, der sich von Anfang an immer schützend vor Leo gestellt hat, aber jetzt gerade wird mir das Alles hier zu viel. Die ganzen tadelnden Blicke und die unausgesprochenen Vorwürfe. Nur Barby sieht mich mitfühlend an und drückt sanft meine Hand.
„Weißt du was – ja, das habe ich. Ich wollte nicht, dass das passiert. Und das weißt du genau. Weder wollte ich, dass Leo sich verletzt, noch dass sie wegen mir hier weg wollte. Vielleicht sogar noch will. Du kannst also aufhören mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Das tue ich schon selbst.", platzt es aus mir heraus. Keine Ahnung, welche Reaktionen ich erwartet hatte, aber definitiv kein Schweigen. Meine Geschwister sehen mich nur wie eingefroren an.
„Wie meinst du das, dass Leo hier ausziehen wollte?" Kathy ist schließlich die Erste die ihre Sprache wiederfindet.
„Als ich gestern ihre Sachen holen wollte war ihr Rucksack gepackt und im Zimmer sieht es aus, als hätte nie Jemand drin gewohnt.", antworte ich.
„Na bitte, da hast du ja endlich was du wolltest.", sagt John spöttisch. Die Anderen sehen mich noch immer sprachlos an.
„Jetzt halt endlich den Mund.", sage ich und werfe meine Serviette auf meinen Teller. Dann stehe ich auf, räume mein unbenutztes Geschirr in die Küche und gehe nach oben. Auf der Treppe bleibe ich noch einmal kurz stehen, um zu sehen ob mir Jemand folgt, doch die Tür zum Esszimmer bleibt geschlossen. Haben sich also Alle gegen mich verschworen, schön. Sollen sie doch denken was sie wollen! Mir doch egal!
In meinem Zimmer nehme ich mir meine neuen Songtexte und schmeiße ich mich damit auf mein Bett. Ich probiere verschiedene Melodien aus, doch bin mit keiner zu hundert Prozent zufrieden. Frustriert lege ich die Gitarre neben mich und pfeffere die Papiere wütend durchs Zimmer. Ja, ich bin wütend. Auf meine Geschwister, die sich geschlossen gegen mich stellen. Sogar Barby, die eigentlich die Wahrheit kennt. Klar, ich hatte sie gebeten erst einmal nichts zu sagen, bis ich mit Leo sprechen konnte, aber mich dann so ans Messer ausliefern? Das hätte ich von meiner kleinen Schwester nicht erwartet. Wenigstens ein paar Worte zu meiner Verteidigung ... Aber vor allem bin ich wütend auf mich selbst. Ich selbst bin Schuld an dieser ganzen Miesere. Hätte ich mich Leo gegenüber nicht wie der letzte Arsch benommen, sie anders behandelt, wäre es nie soweit gekommen. Wahrscheinlich habe ich das Verhalten meiner Geschwister verdient. Es ist die Strafe für Alles, was die letzten Wochen wegen mir passiert ist.
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Together we are strong
Fanfiction‼️TRIGGERWARUNG‼️ Diese Geschichte enthält triggernde Inhalte, die eventuelle Spoiler für den Verlauf der Geschichte enthalten. Zudem zählen: Verlust der Eltern und anderer geliebter Personen, Kindesmissachtung, Trauer, Waffenmissbrauch und Verarbe...
