- Leo -
Nicht nur Jimmy reagiert überhaupt nicht verärgert darauf, dass ich einfach verschwunden bin, auch seine Geschwister verlieren keine tadelnden Worte. Sind sie vielleicht einfach nur froh, dass ich einigermaßen unversehrt wieder aufgetaucht bin? Abgesehen von meinen nassen Klamotten und das ich bis auf die Knochen durchgefroren bin.
„Du hast Glück. Dein Zimmer ist noch nicht weitervermietet.", sagt Joey, als er mich zur Begrüßung in den Arm nimmt. Ich verdrehe die Augen, kann dann aber nicht anders, als kurz aufzulachen. Was haben mir diese Sprüche die letzten vierundzwanzig Stunden gefehlt. Sie Alle haben mir die letzten Stunden gefehlt. Aber das wird mir erst so richtig bewusst, als sie jetzt um mich versammelt stehen und mich freudestrahlend ansehen.
„Tja, da habe ich tatsächlich mal Glück gehabt.", antworte ich Joey, der mich nochmal fest an sich zieht.
„Würdest du mir den Gefallen tun und meine Freundin ganz lassen?", höre ich Jimmy fragen. Er hat noch immer meinen Rucksack lässig über einer Schulter hängen und wartet am Treppenansatz auf mich.
„Nur weil du es bist, Brüderchen." Ich löse mich aus Joey's Umarmung, mache mich schon auf den Weg zu Jimmy, als ich bei John stehen bleibe. Er ist der letzte in der Reihe und steht genau neben der Tür. Auch seine Klamotten sind nass und er wirkt müde. Reflexartig schlinge ich die Arme um seinen Hals. Wie es aussieht war Jimmy nicht der Einzige, der mich bei diesem Mistwetter draußen gesucht hat.
„Mach sowas nie wieder.", flüstert mir John ins Ohr und erwidert dann meine Umarmung.
„Versprochen." Keine Ahnung, zu wievielten Mal ich das heute sage, doch ich habe es jedes Mal so gemeint. Ich werde hier nicht mehr weglaufen. Hier ist jetzt meine Familie. Hier leben Menschen, die mir wichtig sind und denen ich wichtig bin. Dieses Gefühl ist mir neu und vielleicht jagt es mir genau deswegen auch ein klein wenig Angst ein. Ich bin es nicht gewöhnt, Teil einer Gemeinschaft – einer Familie - zu sein. Die letzten zehn Jahre war ich immer auf mich alleine gestellt und plötzlich sind da neun Leute, denen ich nicht egal bin. Die wollen, dass es mir gut geht.
Zurück in meinem Zimmer lässt Jimmy mir, wenn auch etwas widerwillig, etwas Freiraum. Ich dusche heiß und ziehe mir trockene Klamotten an und räume meinen Rucksack wieder aus. Dabei fällt mir mein Buch in die Hände und mir fällt auf, dass das Foto fehlt, welches ich immer als Lesezeichen benutzt habe. Nach kurzer Suche fällt mir die Nacht in dem alten Haus und mein Zusammenbruch wieder ein. Wie ich auf dem Boden saß, das Foto von meinen leiblichen Eltern in der Hand. Wie ich es langsam und unter Tränen in winzig kleine Stücke zerrissen habe. Den letzten Teil meiner Vergangenheit, an den ich mich immer geklammert habe, wenn ich kurz davor war auseinanderzufallen. Dieses Foto konnte ich zehn zehn Jahre vor meinem Stiefvater verstecken und dann zerreiße ich es in einem schwachen Moment einfach so. Und es gibt keine Möglichkeit, es erneut entwickeln zu lassen. Es war das einzige Exemplar, welches ich von meinen Großeltern bekommen habe.
Hinter meinen Augen drücken die Tränen und mein Herz rast. Ich presse eine Hand auf meine Brust, um meine Atmung unter Kontrolle zu bekommen, die viel zu schnell geht. Es soll einfach nicht sein. Es scheint, als hätte das Leben für mich kein Fünkchen Glück vorgesehen. Ich lehne mich an meinen Kleiderschrank und rutsche daran herunter. Fast parallel zu der ersten Träne, die über meine Wange läuft. Verzweifelt versuche ich irgendwo Halt zu finden, doch noch bevor mir dass gelingt wird mir schwarz vor Augen.
„Leo! Hey, wach auf." Erst leise, dann langsam immer lauter dringen die Worte zu mir durch.
„Komm schon, mach keinen Mist." Ich kann das Zittern der Finger spüren, die mir die Haare aus dem Gesicht streichen. Dann versuche ich die Stimmen um mich herum zuzuordnen. Keine Chance, wenn Alle durcheinander reden. Langsam schlage ich die Augen auf und werde von der grellen Deckenleuchte geblendet. Ich erkenne Jimmy, der mich wohl gefunden und meinen Kopf in seinen Schoß gebettet hat. Neben ihm kniet Kathy und Patricia hat etwas in der Hand, was ich nach mehrmaligem Blinzeln als Telefon identifiziere.
„Gott sei Dank.", höre ich Jimmy über mir sagen, als er meine Regung bemerkt.
„Setzt dich mal hin, geht das?", fragt Kathy an mich gewandt. Ich nicke und setze mich mit Jimmys Hilfe auf und lehne mich an den Kleiderschrank. Er legt den Arm um mich und setzt sich neben mich, Kathy kniet mir gegenüber.
„Kann mal jemand ein Glas Wasser holen?", wendet sie sich an ihre Geschwister. Ich schaue zur Tür und sehe wie Barby nach unten verschwindet.
„Was ist denn passiert?", will Jimmy wissen und zieht meine Aufmerksamkeit wieder auf sich.
„Keine Ahnung.", flunkere ich. Ich habe ihm nur versprochen, nicht wieder zu verschwinden. Und irgendwie stimmt es ja. Keine Ahnung, warum ich, offenbar, ohnmächtig geworden bin.
„Keine Ahnung? Leo, du warst ohnmächtig. Wer weiß wie lange schon. Wenn Barby nicht in dein Zimmer gekommen wäre, um nach dir zu sehen, dann ..." Jimmy bricht ab und schüttelt den Kopf.
„Jimmy, ist gut. Wir sollten ihr jetzt ein bisschen Ruhe gönnen.", fällt Kathy ihrem Bruder ins Wort.
„Ok, wie du meinst." Widerwillig nimmt er seinen Arm von meinen Schultern. Zusammen mit Patricia balancieren sie mich zum Bett, da sich meine Knie anscheinend in Wackelpudding verwandelt haben. Mit einem letzten Blick über die Schulter schließt Jimmy die Tür hinter sich.
Ich drehe ich auf die Seite, mit dem Rücken zur Tür. Ich will den leeren Nachttisch nicht sehen. Immer habe ich das Foto meiner Eltern angesehen, bevor ich eingeschlafen bin, doch dieses existiert nun nicht mehr. Und das ist meine Schuld – das ist das schlimmste daran. Ich kann niemandem die Schuld geben. Nur mir selbst.
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Together we are strong
Fanfiction‼️TRIGGERWARUNG‼️ Diese Geschichte enthält triggernde Inhalte, die eventuelle Spoiler für den Verlauf der Geschichte enthalten. Zudem zählen: Verlust der Eltern und anderer geliebter Personen, Kindesmissachtung, Trauer, Waffenmissbrauch und Verarbe...
