- Leo -
Meine Knie werden weich wie Pudding, als ich Jimmy da so liegen sehe. Er ist immer noch so blass, dass er beinahe in der weißen Bettwäsche verschwindet. Neben ihm piepsen Geräte in einem regelmäßigem Rhythmus, was wahrscheinlich ein gutes Zeichen sein soll. Doch mir macht diese ganze Situation Angst. Ich stehe an der Tür und wage es nicht, näher zu treten. Barby meint, das schlimmste hätte er überstanden. Jimmy ist auf dem Weg der Besserung. Aber wie er da so liegt ... er wirkt so klein und so hilflos. Kurzerhand setze ich mich neben ihn auf die Bettkante und nehme seine Hand. Mein Blick ruht verschwommen auf seinem Gesicht.
„Es tut mir so leid. Es tut mir Alles so leid." Ich bringe nur ein Flüstern zustande, welches von meinen Tränen erstickt wird. Hektisch wische ich mit dem Ärmel meines Pullovers über mein Gesicht, lasse Jimmy dabei aber keine Sekunde aus den Augen.
„Ich liebe dich.", bringe ich zwischen zwei Schluchzern hervor. Kraftlos lasse ich mich wieder auf den Stuhl fallen und lege meinen Kopf auf Jimmys zugedeckten Beine. Das war heute zu viel für mich. Es ist, wie ich vorhin schon zu Barby sagte. Ich sollte hier liegen. Nicht Jimmy.
„Kannst du das nochmal sagen?" Augenblicklich bin ich wieder hellwach. Ich schaue auf und treffe genau auf Jimmys Blick. Seine Lider sind leicht geöffnet, aber er ist wach.
„Ich höre diese Worte so gerne aus deinem Mund.", nuschelt er, wahrscheinlich noch benommen von der Kombination aus Narkose und Schmerzmitteln. Er dreht den Kopf in meine Richtung und lächelt mich schief an.
„Oh mein Gott." Ich schlage mir die Hand vor den Mund und mache mir gar nicht mehr die Mühe, die Tränen zurückzuhalten.
„Ich hatte solche Angst um dich.", sage ich.
„Und ich um dich.", entgegnet Jimmy und verschränkt die Finger seiner gesunden Hand mit meinen.
„Die Ärzte meinten ich hatte Glück. Wenn der Rucksack nicht gewesen wäre, hätte ich mich so stark verletzten können, dass ich vielleicht im Rollstuhl gelandet wäre.", erzähle ich, als ich mich einigermaßen gefasst habe.
„Da hatten wir wohl beide einen Schutzengel. Wenn die Kugel mich ein paar Zentimeter weiter rechts erwischt hätte, könnte ich mir die Radieschen jetzt von unten anschauen.", erwidert Jimmy, was mir einmal mehr klar macht, wie viel Glück wir letztendlich doch hatten. Und gleichzeitig läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken. Ohne dieses Glück, wäre Jimmy jetzt vielleicht tot.
„Sag sowas nicht. Ich hätte mir das nie verzeihen können."
„Leo, das ist nicht deine Schuld, okay?" Ich nicke nur, sehe aber zu Boden.
„Hey, sieh mich an." Jimmy legt seine Hand an meine Wange und streicht über das Pflaster an meiner Schläfe. „Sieh mich an und dann sag mir, dass es nicht deine Schuld ist.", fordert er mich auf.
„Bleib bei mir. Bei deiner Familie. Wir brauchen dich." Ich stehe auf und gebe ihm, ohne seine Hand loszulassen, einen Kuss auf die Stirn. Eine einzelne Träne tropft mir vom Kinn genau auf diese Stelle. Ich wische sie mit dem Daumen weg.
„Das kann ich nicht tun, weil es so ist.", entgegne ich stattdessen. „Ich hätte dich nie mitnehmen dürfen. Ich wusste ja wie mein Stiefvater drauf war, aber ich hätte nie gedacht, dass er wirklich abdrückt."
„Siehst du. Er hat abgedrückt, nicht du. Und dafür wird er bezahlen."
„Die Nachbarn haben den Notruf gewählt und sie haben ihn an der nächsten Kreuzung festgenommen. Wegen Alkohol am Steuer und Waffenbesitz. Irgendjemand hat den Polizisten von dem Schuss erzählt und besoffen wie er war hat er Alles zugegeben.", erzähle ich Jimmy das, was die Sanitäter mir noch vor Ort berichtet haben.
„Na siehst du. Dann hat der Albtraum jetzt ein Ende. Für immer." Jimmy schiebt seine Hand in meinen Nacken und zieht mein Gesicht näher zu sich.
„Und jetzt will ich nochmal höre, was du vorhin gesagt hast." Er lächelt und mein Herz macht einen Sprung.
„Ich liebe dich."
„Ich liebe dich auch. Für immer." Dann presst Jimmy seinen Mund auf meinen. Ich muss mich mit den Händen neben seinem Kopf abstützen, um nicht auf ihn zu fallen. Seine verletzte Schulter und die sämtlichen Kabel, an die er noch angeschlossen ist, machen die Sache nicht gerade leichter.
„Ich glaube, ich sag dann jetzt mal deinen Geschwistern Bescheid. Die warten schon draußen.", sage ich, nachdem wir uns nach einer gefühlten Ewigkeit voneinander lösen um Luft zu holen.
„Oh man. Ist echt die ganze Herde da draußen?", fragt Jimmy und spielt mit meinen Fingern.
„Wow, da freut sich ja Jemand seine Familie zu sehen.", gebe ich ironisch zurück. „Nein, nur Patricia, Joey und Barby.", sage ich schließlich.
„Na schön. Aber sag ihnen, dass ich noch ganz schwach und müde von der OP bin, ja?" Jimmy zieht einen Schmollmund und sieht mich bittend an.
„Spinner.", entgegne ich nur, ziehe meine Hand aus seiner, gebe ihm einen letzten Kuss und gehe dann nach draußen. Sofort springen Alle auf.
„Und? Wie geht's ihm?", will Joey wissen, der mich als erster bemerkt.
„Jimmy freut sich schon, euch zu sehen.", sage ich, vielleicht ein bisschen zu laut, damit er es im Zimmer auch hören kann. Sofort springen Alle drei auf und eilen zur Tür. Patricia, die ich bisher noch gar nicht gesehen habe, bleibt kurz bei mir stehen und streicht mir über den Arm. Ich nicke nur. Wir verstehen uns ohne Worte. Sie ist froh, dass Jimmy und ich so glimpflich aus der Sache heraus gekommen sind und mit meinem Nicken bestätige ich dies.
DU LIEST GERADE
Together we are strong
Fanfiction‼️TRIGGERWARUNG‼️ Diese Geschichte enthält triggernde Inhalte, die eventuelle Spoiler für den Verlauf der Geschichte enthalten. Zudem zählen: Verlust der Eltern und anderer geliebter Personen, Kindesmissachtung, Trauer, Waffenmissbrauch und Verarbe...
