- Leo-
Mein Kopf dröhnt. Ich weiß nicht, ob es von meinem Sturz kommt oder von dem Fernseher, welcher im Wohnzimmer noch immer eingeschaltet ist. Langsam setzte ich mich auf und sofort beginnt sich Alles um mich herum zu drehen. Mein Stiefvater ist nirgends zu sehen. Ich hatte schon damit gerechnet, dass er neben mir warten würde und, wenn ich aufwachen würde, gleich nochmal zuschlagen würde. Stück für Stück setzt sich das Puzzle der letzten Minuten zusammen. Ich hätte auf Jimmy höre sollen – einfach meine Sachen packen und von hier verschwinden. Aber nein, ich musste ja sentimental werden und ... Moment! Die Waffe! Er hat auf Jimmy geschossen! Erst jetzt bemerke ich, dass ich die ganze Zeit in seinem Schoß gelegen habe. Es muss ihm irgendwie geglückt sein die Treppe nach unten zu mir zu kommen. Von meinem Alten fehlt jede Spur. Mein Blick huscht zu Jimmys blutverschmierter Hand, zu seiner Schulter, bis hin zu seinem kreidebleichem Gesicht. Wie ein wild gewordener Flummi, den man zu hart auf den Boden getitscht hat. Verzweiflung macht sich in mir breit. Mit zittrigen Händen suche ich in seinen Hosentaschen nach seinem Handy. Fehlanzeige, natürlich.
„Jimmy, hey. Bitte wach auf.", sage ich flehend und spüre die ersten Tränen über meine Wange laufen. Doch mein Freund regt sich keinen Millimeter. Wie lange sitzt er wohl schon so da? So wie er aussieht wohl schon viel zu lange.
„Bitte tue mir das nicht an. Ich brauche dich! Gib nicht auf." Ich lasse seine Hand los, ignoriere, das Blut an meiner und hechte ins Wohnzimmer, schalte den Fernseher im Vorbeigehen aus und nehme mir das Telefon.
Ich wähle schon den Notruf, will gerade auf den grünen Hörer drücken, als von draußen das Martinshorn zu hören ist und ich das Blaulicht durch die Fenster sehen kann. Ein Hoch auf neugierige Nachbarn.
Wild winkend stelle ich mich an die Tür. Der Krankenwagen kommt zum Stehen, hinter ihm einige Einsatzfahrzeuge der Polizei. Die Nachbarn müssen die Schüsse gehört haben. Trotz meiner Kopfschmerzen und der Schwindels kann ich ganz deutlich meinen Stiefvater auf der Rückbank erkennen. Er erwidert meinen Blick, funkelt mich wütend an, doch ich wende mich ab. Er ist meine Aufmerksamkeit nicht wert. Keine einzelne Sekunde.
Stattdessen lotse ich die Sanitäter zu Jimmy, die sich sofort daran machen, ihn zu verarzten. Einer von ihnen zieht mich sanft am Oberarm von ihm weg und setzt mich in der Küche auf einen der Stühle.
„Was machen die mit Jimmy?", frage ich, während ich die Untersuchungen über mich ergehen lasse.
„Meine Kollegen kümmern sich um deinen Freund.", bekomme ich nur zur Antwort. Als ob das nicht offensichtlich wäre.
„Hast du vielleicht eine Telefonnummer? Jemanden, den wir kontaktieren können?", fragt mich einer der Sanitäter, der bis eben bei Jimmy war. Sämtliche Alarmglocken schrillen in meinem Kopf auf einmal los. Alle möglichen Szenarien spielen sich gleichzeitig vor meinen Augen ab. Bin ich zu spät zu mir gekommen? Haben die Nachbarn den Notruf zu spät abgesetzt und Jimmy ... nein, soweit will ich gar nicht denken. Ohne meinen Blick von Jimmy zu nehmen gebe ich dem Sanitäter die Festnetznummer der Kellys.
Wenig später sitze ich neben der Liege im Krankenwagen. Jimmy hat die Augen noch immer geschlossen, die Sanitäter hantieren in der Enge herum. Wir haben schon eine ziemlich lange Strecke hinter uns, als sich in meinem Kopf wieder Alles zu drehen beginnt und mir ganz plötzlich kotzübel wird. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn in der nächsten Kurve befördere ich meinen gesamten Mageninhalt in das Plastiktütchen, welches mir beim Einsteigen in die Hand gedrückt wurde.
„Hier, trink einen Schluck.", eine junge Frau hangelt sich an den Haltegriffen zu mir und streckt mir eine Flasche Wasser entgegen. Ich nehme einen großen Schluck und spucke diesen zu meinem Frühstück in den Plastikbeutel. Komisch, sonst habe ich doch auch kein Problem damit, rückwärts zu fahren.
„Mach dir keine Gedanken. Das ist nach so einem Sturz und einer Gehirnerschütterung ganz normal.", meint sie und nimmt mir den Plastikbeutel ab. Stimmt, da war ja noch was. Durch meine Angst um Jimmy hatte ich ganz vergessen, was mein Stiefvater mir angetan hat. Zumindest indirekt. Hätte er mich nicht abgedrängt, wäre ich ihm nicht ausgewichen und wäre nicht die Treppe heruntergefallen.
„Du hattest Glück im Unglück.", fügt sie noch hinzu. Ich lache nur kurz auf. So fühlt sich das hier gerade ganz und gar nicht an.
„Mein Kollege meinte, du hattest bei deinem Sturz einen Rucksack auf dem Rücken." Es ist mehr eine Feststellung, trotzdem nicke ich.
„Siehst du, Glück im Unglück. Oder einen Schutzengel. Wenn du den Rucksack nicht gehabt hättest, hätte es soweit kommen können, dass du dich so stark am Rücken verletzt hättest, dass du nie wieder laufen könntest." Mir stockt kurz der Atem. Dieses hätte, wenn und könnte habe ich noch gar nicht bedacht. Mir war Jimmy wichtiger.
„Man, was lernt man euch denn heute noch? Willst du, dass sie so einen Schrecken bekommt, dass sie uns jetzt hier zusammenklappt?", geht ihr Kollege sie an.
„Entschuldigung, ich wollte nur, dass..."
„Ist okay. Mir geht es gut.", sage ich schnell. Die junge Sanitäterin, lass sie nicht viel älter sein als ich, war so nett zu mir, dass sie das Gemotze ihres Kollegen nicht verdient hat.
Am Krankenhaus angekommen wird Jimmy sofort in einen der OP - Räume geschafft. Ich laufe neben der Liege her und nehme im Gehen seine Hand.
„Mach dir keine Sorgen. Die flicken dich wieder zusammen. Du schaffst das." Ich schaffe es gerade noch, ihm einen Kuss auf die blutverkrustete Hand zu geben, ehe sich die Türen vor mir schließen und ich alleine mit der Sanitäterin aus dem Krankenwagen im Flur zurückbleibe.
„Was machen die jetzt mit ihm?", frage ich verzweifelt.
„Dein Freund hat viel Blut verloren. Die Kugel muss noch entfernt und die Wunde versorgt werden.", erklärt sie mir ruhig.
„Und wie lange dauert das?" Ungeduldig laufe ich hin und her.
„Das kann ich dir nicht genau sagen. Aber er ist da drin in den besten Händen." Tröstend legt sie mir eine Hand auf die Schulter und lächelt mir Mut machend zu.
„Komm, wir kümmern uns jetzt erstmal um dich.", sagt sie und zieht mich vorsichtig am Arm in Richtung der Behandlungsräume. Widerwillig folge ich ihr, schaue aber immer wieder über die Schulter zu den verschlossenen Türen hinter denen Jimmy gerade meinetwegen um sein Leben kämpft.
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Together we are strong
Fanfiction‼️TRIGGERWARUNG‼️ Diese Geschichte enthält triggernde Inhalte, die eventuelle Spoiler für den Verlauf der Geschichte enthalten. Zudem zählen: Verlust der Eltern und anderer geliebter Personen, Kindesmissachtung, Trauer, Waffenmissbrauch und Verarbe...
