Wir haben unsere Inhaltsrichtlinien aktualisiert.
Sieh dir die neuesten Richtlinien an, um weiterhin sicher Geschichten zu teilen.

kapitel 13

359 35 13
                                        

Meine Gedanken waren mal wieder bei ihr. Nach unserer heutigen Interaktion hatte ich nichts anderes erwartet, aber ich kämpfte dennoch dagegen an. Heute haben wir das erste Mal aufrichtiger miteinander geredet. Nicht mehr so, als wären wir zwei Fremde, sondern so, wie zwei Entfremdete mit einer gemeinsamen Vergangenheit. Es tat mir nicht gut, ihr so oft zu begegnen. Denn ich mochte sie. Das hatte ich schon immer. Aber ich konnte aktuell nicht. Weder heute noch die kommenden Jahre. Was mein Verstand bereits wusste, musste ich selber noch in die Realität umsetzen. Ich musste Amanah aus meiner Wahrnehmung ausschließen, denn ich konnte meinen Fokus nicht verlieren. Und jede noch so kleine Unachtsamkeit endet bekanntlich irgendwann in einer Rezession. Vielleicht mochte es heute nur ein kleiner Prozentsatz meiner Aufmerksamkeit sein, der verloren ging. Binnen kürzester Zeit hingegen würde ich mich am Abgrund wiederfinden, weil ich nicht frühzeitig eingriff, und dabei zusah, wie der Schneeball ins Rollen geriet.

Ich lag auf meiner dünnen Matratze, mein Blick starr an der viel zu nahen Decke. Mir war bewusst, dass ich nicht schlafen würde, auch wenn meine Augen brannten und meine Schläfe schmerzhaft pochte. Aber ich hatte mich bereits vollständig ausgepowert und der Schlaf würde mich nur finden, wenn ich geduldig auf ihn wartete. Ein leises Klopfen ertönte an meiner Tür und wenig später wurde sie von meiner Mutter geöffnet. Das gelblich flackernde Licht des Flures schimmerte in mein Zimmer. Meine Mutter lehnte sich an den Türrahmen und blickte zu mir runter. "Bilal?" "Eh Mama?"¹ Ich setzte mich aufrecht hin und schaute meine Mutter an. Sie sah traurig aus, und meine Alarmglocken läuteten augenblicklich. "Ich habe heute mit Saloua telefoniert. Jemand möchte Amanah kennenlernen."

Meine Anspannung ließ augenblicklich nach, doch als ich verstand, was meine Mutter mir soeben sagte, spürte ich ein seltsam mattes Gefühl in meiner Magengegend. Jemand möchte Amanah kennenlernen. "W-" "Hör mir zu, ibni. Weißt du, warum Saloua mir das erzählt hat?" Mein Kopf war wie leergefegt, während ich versuchte, eine Antwort auf all das zu finden. "Sie hat es mir erzählt, bevor sie es Amanah erzählt hat. Weißt du wieso, Bilal?" "La, maa ba3ref"² Seufzend setzte sich meine Mutter neben mich auf die Matratze und jetzt war mein Zimmer endgültig Klaustrophobie auslösend. Sie legte ihre Hand auf mein Knie und schaute mich eindringlich an. "Als ihr noch Kinder wart, war es unser Traum, dass ihr irgendwann heiraten werdet. Natürlich war das am Anfang nur Wunschdenken. Die Tochter meiner besten Freundin und mein Sohn. Es war ein Witz, nur so daher gesagt, aber als wir mit den vergehenden Jahren gesehen haben, wie sehr ihr zueinander passt; wie sehr ihr euch ergänzt und aufeinander Acht gebt und euch wortlos versteht-" Es folgte eine melodramatische Pause, aber ich unterbrach meine Mutter nicht. Aus Respekt. "Ich hab sowas noch nie gesehen. Zwei Seelen, die wie füreinander gemacht schienen. Man konnte euch nicht trennen und ihr hattet in so jungen Jahren etwas, was sich so viele im Alter wünschten. Und deswegen haben wir euch auch so früh getrennt. Ich weiß, das war gemein von uns. Ich hab gesehen, wie du deine Lebendigkeit verloren hast. Wie du dich in dein Zimmer verzogen hast und irgendwann nur noch die Schule deine Priorität war. Aber wir mussten es machen, damit ihr nicht in Haram fallt. Wir dachten eure Freundschaft wird nicht länger, als die Grundschule halten. Wir dachten, irgendwann spielst du mit deinen Jungs Fußball und schämst dich, Amanah mitzubringen. Und irgendwann trifft Amanah sich mit ihren Mädels und ekelt sich vor Jungs. So, wie es normalerweise abläuft. Wir dachten, es würde ganz natürlich passieren. Niemals hätte ich gedacht, dass du Amanah jedes einzelne Mal mitnimmst, wenn du mit deinen Jungs Fußball spielen gehst und sie nach deinen Toren stolz angrinst. Oder, dass sie ihre Pausen lieber damit verbringt, dir zuzusehen, wie du Fußball spielst, weil sie wusste, dass du ihr immer eine Blume pflückst, wenn dein Team gewinnt. Jeder hat es gesehen. Eure Lehrer, eure Freunde, wir. Als du die Pubertät erreicht hast, wussten wir, dass es eine Pause brauchte. Eine Pause. Kein Ende." Sie rieb sich müde über das Gesicht. Das matte Gefühl in meiner Magengegend füllte inzwischen auch meine Brust.

wär sie nicht da gewesenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt