Die nächsten zwei Tage verliefen genauso. Ich stand auf, machte Frühstück, brachte Rima zur Schule, kam zurück, fand Bilal wach in seinem Zimmer liegend, zwang ihn dazu, etwas zu essen, versuchte mit ihm zu reden, holte Rima ab, unternahm etwas mit ihr, kümmerte mich um den Haushalt, half ihr bei Hausaufgaben, brachte sie zu Bett, schlug den Rest der Zeit irgendwie tot, bevor auch ich schlafen ging. Bilals abweisende Art machte mir zu schaffen, auch wenn ich minimale Fortschritte sah. Er verließ ab und an ohne triftigen Grund das Zimmer. Er aß mehr, und heute hatte Rima ihn sogar dazu überredet, sich beim Mittagessen mit uns an den Tisch zu setzen. Ihn so zu sehen, tat weh, aber ich würde nicht aufgeben. Rima hatte vermehrt versucht, mit mir über Geschehenes zu reden, und ich merkte, dass sie dringend verarbeiten musste, was passiert war. Ich wusste, dass ich dies nicht alleine schaffte. Dass Rima und Bilal helfende Hände brauchten. Also entschied ich, Rima über das Wochenende, und die zwei sich anschließenden Feiertage, zu mir nach Hause zu bringen. Meine Mutter könnte sich vernünftig um sie kümmern, sie würde ihr erstes therapeutisches Gespräch haben, und anstatt in den tristen grauen Wänden der kleinen Wohnung hier in Trauer und Langeweile zu versinken, könnte sie die freien Tage mit Walid spielen, und endlich Mal abschalten. Und ich würde die Tage nutzen, um Bilal irgendwie wieder auf die Beine zu bekommen.
Also tat ich am nächsten Tag genau das. Ich packte ihr einige Dinge zusammen, und fuhr sie nach der Schule zu mir nachhause. "Freust du dich?" Rima nickte, während sie die vorbeiziehenden Bäume aus dem Beifahrerfenster beobachtete. "Hälst du vier Tage woanders aus?" Wieder nickte sie. "Ich war schon auf Klassenfahrt." "Und du hattest kein Heimweh?" Nachdenklich tippte sie ihr kleines Kinn an. "Nur ein bisschen." Ich grinste. "Khala Saloua ist ja da. Und sie kocht nur dein Lieblingsessen. Uuuuund jemand anderes ist auch da." Rima klatschte in die Hände. "WALID!" "Walid."
Ich hoffte inständig, dass sie diese vier Tage problemlos meistern würde. Sie hatte die letzten Wochen über viel zu wenig Raum für ihre Emotionen gehabt, und ich befürchtete, dass sie ihre Einsamkeit erst recht spüren würde, wenn Bilal nicht mehr bei ihr war. Wenn sie nicht in dem geschützten Raum ihrer altbekannten Wohnung war. Dass alles, wie ein Damm einbrechen würde. Auch, wenn ich wusste, dass meine Mutter diese Situation viel besser handhaben würde, als ich. Mit ihrem Rucksack in der einen, und ihr an der anderen Hand, begab ich mich zu unserer Wohnung, wo meine Mutter bereits wartete. Sie hatte ein breites Lächeln auf dem Gesicht, welches sogar mich trügen würde, wenn ich nicht die leicht geschwollenen Lider und geröteten Augen wahrnahm. Khadija war die beste Freundin meiner Mutter gewesen. Sie waren wie Schwestern. Hatten etliche Lebensphasen gemeinsam durchlebt. Vom ersten Kind, bis zu tiefen Schicksalsschlägen. Vor Bilal und Rima hatte sie alles gegeben, um sich zusammenzureißen. Aber als wir erstmals wieder alleine waren, war der Damm gebrochen. Und seitdem fehlte ihr ein Funken, welches ich zuvor für selbstverständlich gehalten hatte. Ich erlaubte mir nicht, mich zu lange diesen Gedanken hinzugeben. Sonst würde auch ich brechen. Ich war nur hier, um Rima abzusetzen. Denn auf mich wartete noch eine andere Sache. Eine andere Person. "Yallah Habibti." Ich kniete mich vor Rima und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. "Wenn du uns vermisst, sag Khala sie soll uns anrufen. In vier Tagen komm ich dich wieder holen, okay?" Rima nickte, aber ihre Aufmerksamkeit gehörte nicht mehr ganz mir, denn sie hatte Walid entdeckt, und noch während ich vor ihr kneite, rannte sie in die Wohnung, als wäre es ihre eigene. "Bist du sicher, dass du das schaffst?" Meine Mutter musterte mich mit zusammengepressten Lippen, doch ich nickte entschlossen. "Wenn er jemanden reinlässt, dann mich." Ich öffnete meine Arme, und die Frau, die die letzten Wochen um Jahre gealtert zu sein schien, zog mich in eine feste Umarmung. "Ich bin so stolz auf dich, Amanah. Aber mach dich nicht selber kaputt, um anderen zu helfen, okay?" Sie nahm mein Gesicht in ihre Hände, ihre Augen fixierten mich. Unterstrichen die Ernsthaftigkeit in ihrer Stimme. "Okay. Aber du weißt, dass ich Bilal das nicht alleine machen lasse."
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wär sie nicht da gewesen
RomanceViel zu früh musste der 24 jährige Bilal erwachsen werden. Viel zu früh musste er die Rolle seines verstorbenen Vaters einnehmen und dafür sorgen, dass seine Familie nicht den Abgrund traf. Wie viel Leid er dafür einstecken musste, war ihm gleichg...
