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kapitel 21

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Amanahs POV

Es gibt diese Tage, an denen du aufwachst, und das Gefühl hast, nicht zu wissen, wohin mit dir. Und dann gibt es Tage, wie heute. An denen du aufwachst und eine tiefe Ruhe in dir verspürst, weil dein Gehirn eine Lösung für all die wirren Gedanken gefunden hat, die dich über Wochen plagten. Die Sonne schimmerte durch meinen Vorhang und wärmte das Kissen neben mir, während ich auf dem Rücken lag und die Decke anstarrte. Zum ersten Mal nach langer Zeit hatte ich das Gefühl mir bewusst zu sein, wie ich handeln müsse.

Nach meinem letzten Treffen mit Yunus hatte ich mir selbst ein Ultimatum gesetzt. Ich wollte ihn nicht hinhalten, und auch ich brauchte Klarheit. Ich hatte mit Dua gesprochen. Und mit meinen Eltern. Sie um Rat gefragt. "Wenn es nach mir ginge, möchte ich dich für immer bei uns behalten. Aber das klappt nun mal leider nicht." Mein Vater küsste meine Stirn und schaute mich dann ernsthaft an. "Das ist eine Entscheidung, die du für dein Leben triffst. Nimm sie nicht auf die leichte Schulter." Mit den Worten verließ er das Wohnzimmer. Ob er Yunus als passend für mich empfand, beantwortete er nicht. Das müsse ich wohl selber für mich entscheiden. Meine Mutter hingegen blieb noch bei mir. "Weißt du, wann ich wusste, dass dein Vater der Richtige ist? Er hat alles dafür getan, um mir das zu geben, was ich brauchte. Ganz egal, in welcher Situation er sich befand. Er hat mir kein Gold gekauft. Mich nicht mit teuren Autos herumgefahren. Nichts dergleichen. Aber wenn er in schwierigen Zeiten noch ein trockenes Brot bei sich fand, was er aufbewahrt hatte, brachte er es zu unserem Zelt und gab es mir. Ohne ein Wort zu sagen. Er wartete vor dem Zelt, bis ich heraustrat und hielt es mir hin. Und bevor ich etwas erwidern konnte, war er weg. Nachts, wenn er glaubte, keiner würde ihn sehen, betete er unter dem Schein des Mondes, und er verweilte so lange im Sujud¹, dass ich jedes Mal Angst bekam, er würde nicht mehr aufstehen, während ich ihn beobachtete, weil ich keinen Schlaf fand. Er bezahlte den Schmuggler für meine ganze Familie mit dem Geld, was er durch wochenlange Schwarzarbeit verdient hatte. Und selbst dann war ich noch immer nicht überzeugt. Erst, als wir uns zwei Jahre später in Deutschland wiederfanden und er mir erzählte, dass er jeden einzelnen Tag dieser 712 Tage damit verbracht hatte, mich zu finden, gab ich nach. Und bis heute bereue ich es keine Sekunde. Weil dein Vater mich auf Händen trägt. Er hat mich nicht geheiratet, weil er heiraten wollte, sondern weil er mich heiraten wollte."

Ich kannte die Geschichte bereits. Ich liebte die Geschichte meiner Eltern, auch, wenn sie mit viel Leid verbunden war. Beide ihre Familien waren im selben Flüchtlingscamp, nachdem sie von israelischen Besatzern brutalst vertrieben worden sind. Dort hatte mein Vater erstmals meine Mutter erblickt. Aber nachdem ein Schmuggler sie vom Camp nach Amman brachte, trennten sich ihre Wege. Mein Vater lebte noch einige weitere Jahre in Jordanien, während die Familie meiner Mutter Bekannten nach Europa folgte. Mit ihnen das Herz meines Vaters. Er erinnerte sich an Unterhaltungen darüber, dass sie nach Deutschland wollten und als er wenig später einen Mann kennenlernte, der die Flucht nach Deutschland auf sich nehmen wollte, schloss er sich ihm kurzerhand an. Es war geschrieben, dass sie sich hier wieder begegnen würden.

"Was ich dir sagen will, Amanah, ist, dass du nichts erzwingen musst. Der Tag wird kommen, an dem du jemanden findest, der nur für dich bestimmt ist."
"Findest du Yunus und ich passen zusammen?"
Meine Mutter seufzte.
"Du weißt, dass ich mir diese eine Sache gewünscht habe, seitdem du ein Kind warst. Aber genauso, wie du nichts erzwingen musst, kann ich es ebenso wenig." Ich wusste, wovon sie sprach. Dennoch schaute ich sie fragend an, damit sie weitersprach. "Bilal hatte schon immer eine Schwäche für dich. Er hatte eine Seite, die nur du von ihm zu sehen bekamst. Er war schon immer vernünftig. Reif für sein Alter. Aber mit dir-" Sie schloss ihre Augen, als würde sie versuchen, die Bilder ihrer Erinnerung zu greifen. "Jedes Mal, wenn er dich sah, wurde sein Ausdruck so sanft. So verletzlich. Und er tat nie unbedachte Dinge, außer, wenn es um dich ging. Wie oft wurde er beleidigt? Blöd angegangen, runtergemacht? Er selbst war sich nie wichtig genug, um diese Leute zurechtzuweisen. Aber wenn dir jemand auf die Füße trat, kannte er keine Grenzen." Ich dachte an seinen letzten Auftritt. An seinen Seitenhieb an Yunus, und wie er sich danach entschuldigt hatte. 

wär sie nicht da gewesenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt