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kapitel 35

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Amanahs POV

"Also warst es wirklich du?" Ich zog meine Knie auf dem Beifahrersitz an und schlang meine Arme um sie, bevor ich meine Stirn auf ihnen ablegte. Obwohl ich lachte, schossen mir Tränen in die Augen, bei dem Gedanken daran, dass der 16 jährige Bilal mich nach dem Tod seines Vaters aufgesucht hatte... aber nie dazu kam, mit mir zu sprechen. "Wieso weinst du deswegen?" Bilal lachte und ich hob meinen Kopf an, um mit meinem Handrücken über mein Gesicht zu wischen. Er nutzte die Situation, legte seine freie Hand auf mein Knie und drückte sanft zu. Das Gefühlschaos der letzten Tage hatte nicht nachgelassen, und ich konnte meine Emotionen seit Wochen nicht vernünftig kontrollieren. "Du brauchtest jemanden- du brauchtest mich und ich wollte zu der Zeit unbedingt mit dir reden und der Fakt, dass wir uns so nah waren und du-" Seufzend lehnte ich meinen Kopf gegen die Fensterscheibe, und starrte auf die graue Fahrbahn, die bei der Geschwindigkeit in ein undefinierbares Gebilde verschwamm. "Ich glaube, es war am besten so. Ich habe verstanden, dass ich mir selbst aus dieser Situation helfen musste, und ich habe es geschafft." Er löste seine Hand von meinem Knie und legte sie auf dem Kupplungsknopf ab. "Und außerdem warst du so vertieft in das Gespräch mit deinem Typen da..." Meine Hand landete schwungvoll auf seinem Oberarm und er lachte. "Als hättest du noch nie mit einer anderen Frau geredet." Für einen kurzen Moment verließ Bilals Aufmerksamkeit die Fahrbahn und er musterte mich von der Seite. "Also meine Augen kennen nur 2 andere." Ich spürte, wie meine Wangen warm wurden, und ließ meinen Blick erneut nach außen wandern. "Meine auch?" Er lachte erneut. "Natürlich."

Wir waren auf dem Weg zum Flughafen, und ich fühlte mich leicht benommen. Es war so viel auf einmal und so viel schöner als jede meiner Vorstellungen. Als Bilal heute Vormittag in meiner Wohnung stand, und darauf wartete, dass ich mich fertig machte, mich lässig im Türrahmen lehnend beobachtete, mit dem klitzekleinstem Lächeln auf seinen Lippen. Ich wusste nicht, wann ich realisieren würde, dass das hier echt war, aber ich versuchte jede einzelne Sekunde tief in mein Gedächtnis zu brennen.

Es nieselte, und nach dem ganzen Uni-Stress des letzten Semesters freute ich mich umso mehr darauf, eine kleine Pause von diesem Alltag zu bekommen. Was in Bilal vorging, wusste ich nicht, aber was ich wusste, war, dass das sein erster richtiger Urlaub war. In seinen gesamten 24 Jahren war er zwei Mal in Somalia und einige Male in Syrien gewesen, bevor der Krieg ausgebrochen war. Außer seiner Heimatländer hatte er keine anderen Orte gesehen. Ich hatte es mir insgeheim zur Aufgabe gemacht, aus dieser Reise einen unvergesslichen ersten Trip für Bilal zu machen, und hoffte, dass es mir gelingen würde. Man hörte oft, dass man sich erst richtig kennenlernt, wenn man zusammen verreiste, und auch, wenn ich der festen Überzeugung war, dass Bilals Seele und meine füreinander geschrieben waren, hatte ich die Sorge, dass irgendetwas unvorhergesehenes passieren könnte.

Wobei der Start nichts anderes als reibungslos verlief. Bilal ließ mich keine einzige Sekunde meinen eigenen Koffer berühren. Vom Auto bis hin zum Check-In. Da er das letzte Mal als Kind am Flughafen war und von der ganzen Hektik mehr als überfordert schien, war es meine einzige Aufgabe, für Orientierung zu sorgen. Alles andere übernahm er. Das Einchecken, das Gerede, die Verantwortung über unsere Reisepässe und Tickets. Er wich nicht von meiner Seite, und sobald er einen anderen Ort anpeilte, suchte seine Hand meine, und hielt diese fest, als würde ich sonst verloren gehen. Er ließ sich weder stressen, noch provozieren, und selbst, als er beim Security Check noch einmal separat rausgezogen und befragt wurde, schien seine einzige Sorge mein Wohlbefinden zu sein. Seine Augen suchten nach mir, und als er mich auf der anderen Seite am Warten fand, lächelte er ermutigend, als sei er nicht derjenige, der jetzt nochmal kontrolliert werden würde.

Jetzt saßen wir am Gate, und während das sonst immer der nervenzerreißende Teil war, wäre ich in diesem Moment nirgendwo lieber gewesen, als hier, mit Bilal. Er hatte seinen Kopf auf meine Schulter gelegt und tippte auf seinem Handy rum. Dann steckte er es ein und umfasste stattdessen meine Hand mit seiner. Er sagte kein Wort, fuhr bloß mit seinen Fingern meine Handinnenfläche entlang, während mein Herz in meiner Brust zu explodieren drohte. Dann irgendwann hob er seinen Kopf und schaute aus dem Fenster, zu den vielen Flugzeugen, die draußen darauf warteten, in den Himmel zu steigen. "Es ist irgendwie verrückt, dass Menschen diese Teile entwickelt und gebaut haben, und wir uns so sehr auf diese Menschen verlassen, dass wir ihnen unser Leben anvertrauen." Ich grinste. Nicht, weil er etwas Witziges gesagt hatte, sondern weil es jedes Mal automatisch passierte, wenn er mit mir sprach. Ich konnte es nicht kontrollieren. "Wir vertrauen unser Leben ja auch Allah an, und nicht diesen Maschinen." Wortlos legte er seinen Arm um mich und platzierte seinen Kopf erneut auf meiner Schulter.

wär sie nicht da gewesenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt