Bilal stellte meinen Koffer im Flur ab, bevor er von meinen Eltern warm begrüßt wurde. Hilfesuchend blickte er zu mir, aber ich grinste bloß und verschwand in meinem Zimmer. Wenige Minuten später trat auch er ein und seufzte. "Musst du gehen?" Wir waren wieder zurück in Deutschland und bereits am Flughafen in Istanbul hatte ich eine ernüchternde Traurigkeit verspürt. Die drei Tage mit Bilal hätten schöner nicht sein können, und ich wollte nicht in den Alltag zurückkehren, der uns hier erwartete. Bilal nahm mein Gesicht in seine Hände und strich mit seinen Daumen über meine Wangen. Fast schon automatisch schlang ich meine Arme um seinen Oberkörper und schaute zu ihm auf. Es war verrückt, wie natürlich es sich mit ihm anfühlte. Wie schnell ich mich an ihn gewöhnt hatte. Niemand könnte mich mehr davon überzeugen, dass wir nicht füreinander geschrieben waren. "Du kannst hier schlafen." Meine Stimme hatte schon fast etwas Flehendes und Bilal küsste erst meine Stirn, dann meine linke und dann meine rechte Wange. "Meine Mutter und Rima warten auf mich." Ich wusste, dass es gegen alle Rationalität sprach, aber gleichzeitig wollte ich ihn nicht gehen lassen. Er löste seine Hände von meinem Gesicht und zog mich in eine Umarmung. "Ich werd jede freie Sekunde, die ich habe, mit dir verbringen. Keine Sorge." Er drückte einen Kuss auf meinen Scheitel und löste sich von mir. "Ich muss-" Er betrachtete mich kurz, presste seine Lippen aufeinander, und bevor er sich in Richtung Türe begeben konnte, zog ich ihm am Nacken zu mir runter und legte meine Lippen für den Bruchteil einer Sekunde auf seine. Als ich mich endgültig von ihm löste, sah er benebelt aus. Ein leichtes Lächeln zog sich durch seine Miene.
Am Ende des Tages war es besser so gewesen, denn meine Eltern wollten selbstverständlich wissen, wie die drei Tage waren. Ich zeigte ihnen Fotos, gab ihnen die Souvenirs, die ich für sie besorgt hatte und verbrachte den restlichen Tag gemeinsam mit ihnen. Und auch Dua ließ nicht lange auf sich warten und rief mich am Abend an, um ein Treffen am nächsten Tag mit mir zu vereinbaren. Bilal hatte mir lediglich kurz, nachdem er zuhause angekommen war, ein Foto von ihm und Rima geschickt. Beide grinsten in die Kamera und auch ich konnte mir mein Lächeln nicht verkneifen. Danach hörte ich länger nichts mehr von ihm. Erst gegen kurz nach elf erschienen genau drei Nachrichten in unserem Chat.
ayyoub ist gestorben.
ich geh laufen
wird spät werden. schlaf gut
Mein Herz rutschte in die Hose, und als ich versuchte ihn anzurufen, ging keiner ran. Ich wusste nicht, in was für einem Verhältnis Ayyoub und Bilal standen. Bilal wirkte bereits aufgelöst, als er mir vor dem Urlaub von der Messerstecherei erzählt hatte, hatte dann aber nicht mehr darüber gesprochen. Gute Freunde waren sie vermutlich nicht, sonst wäre er auf unserer Hochzeitsfeier gewesen. Ich starrte auf meinen Handybildschirm, bis die drei Nachrichten sich in meinen Kopf gebrannt hatten. Es löste ein ungutes Gefühl in mir aus, dass Bilal um diese Zeit laufen ging, auch, wenn ich wusste, dass das seine Art war. Seine Art, um mit Stress umzugehen, seinen Kopf freizubekommen und abzuschalten. Immerhin war es nichts Schädigendes, was er tat. Und dennoch wünschte ich, ich wäre bei ihm gewesen, als er es erfahren hatte. Ich tippte 2 Worte - Ruf an - und starrte dann auf den einzelnen Haken, der die Nachricht zierte. Nach einiger Zeit gewann meine Müdigkeit, und ich verfiel dem Schlaf.
Als ich zum Morgengebet wach wurde, lag mein Handy noch immer in meiner Hand. Bilal hatte zwar nicht angerufen, aber dafür geantwortet.
keine sorge, bin wieder zuhause
Die Nachricht war erst vor etwa einer Stunde verschickt wurden, und in Hoffnung, er wäre noch wach, rief ich ihn an. Es klingelte drei Mal, bevor Bilal abhob und mit rauer Stimme in den Hörer sprach.
"Amanah, es ist fast fünf Uhr."
"Ich muss Fajr beten. Warum bist du wach?"
"Ich muss auch Fajr beten."
"Warst du die ganze Nacht wach?"
Stille.
"Bilal?"
"Mhm?"
"Ja oder nein?"
"Ja."
Seine Stimme klang erschöpft und hatte etwas Kaltes an sich.
"Willst du reden?"
Wieder Stille.
"Ich will dich sehen."
Eine Gänsehaut durchfuhr mich. Normalerweise würde ich mich über diese Worte freuen, aber sie hatten etwas Verletzliches in sich. Etwas, was ich so noch nicht von ihm kannte.
"Komm."
Es war ein heiseres Flüstern. Eine unbedachte Reaktion, die ich aber keinesfalls bereute.
"Sag das nicht. Sonst steh ich gleich vor deiner Tür."
"Komm."
Und dann legte er auf.
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wär sie nicht da gewesen
RomanceViel zu früh musste der 24 jährige Bilal erwachsen werden. Viel zu früh musste er die Rolle seines verstorbenen Vaters einnehmen und dafür sorgen, dass seine Familie nicht den Abgrund traf. Wie viel Leid er dafür einstecken musste, war ihm gleichg...
