8 Jahre zuvor
Ein Monat war vergangen, seitdem mein Vater seinen letzten Atemzug genommen hatte. Ein Monat, seitdem ich zur schlimmsten Version meiner Selbst wurde. Hilflos, in mich gekehrt, still, unmotiviert. Ich konnte eine ellenlange Liste mit all den negativen Eigenschaften, die ich in den letzten 4 Wochen entwickelt hatte, verfassen. Schon seit einiger Zeit hatte ich mir vorgenommen, mich verdammt nochmal zusammenzureißen, aber jedes Mal, wenn ich versuchte auf den Bolzplatz zu gehen, meine Hausaufgaben zu machen oder eine Runde spazieren zu gehen, wurde ich in ein tiefes Loch gerissen, aus dem ich weder rauswollte, noch raus konnte. Mit meinem Vater verschwand meine gesamte Lebensmotivation. Und ich wusste, dass dies falsch war. Falsch und unfair. Denn meine Mutter hatte viel mehr verloren, als ich. Und ich war ihr keine sonderlich große Hilfe. Sie musste sich um ein Baby kümmern, einen Job ohne vorhandenen Abschluss suchen, den Haushalt schmeißen und währenddessen immer schön so tun, als würde es ihr gut gehen. Als hätte sie nicht die Liebe ihres Lebens verloren. Denjenigen, der bereit war, sein Leben für unseres aufzugeben.
Ich hasste mich dafür, wie unnütz ich war. Und doch konnte ich es nicht ändern. Ich wusste, dass Khala Saloua ihr unter die Arme griff. Ab und an auf Rima aufpasste, Essen vorbei brachte oder ihr einfach ein offenes Ohr am Telefon bot. Auch ihr Mann hatte uns immens geholfen. Beim Umzug, die ganzen Möbel hierauf zuschleppen und aufzubauen. Wir lagen tief in der Schuld der Siddiqs, auch, wenn sie das niemals zugeben würden. Und dann gab es noch Amanah. Nicht in meinem Leben. Nicht in meinem Alltag. Jedenfalls nicht in meinem realen Alltag. Es gab sie oft in meinen Gedanken. Zu oft. Nachts, wenn ich nicht schlafen konnte, weil ich vor mir das offene Grab meines Vaters sah. Tagsüber, wenn ich dissoziierte und ihren besorgten Blick vor meinem inneren Auge Revue passieren ließ. In den letzten 5 Jahren hatte ich hart daran gearbeitet, sie endlich aus dem System zu bekommen. Zu akzeptieren, dass ich sie nicht mehr kannte. Dass sie nicht mehr Teil meines Lebens war oder sein würde. Ich war meinem Ziel näher gekommen, als ich jemals geglaubt hätte. Nur, damit alles binnen diesen eines Tages zunichtegemacht wurde.
Kein normaler Mensch würde sich in den Wochen nach dem Tod seines Vaters nach einem Mädchen sehnen, mit dem man ein halbes Jahrzehnt kein Wort mehr gewechselt hatte. Und doch lag mir das letzte Wiedersehen mit ihr so schwer auf der Brust, dass ich nicht mehr klar denken konnte. Sie hatte sich extrem verändert. Es war nicht so, dass ich das nicht wusste. Dass meine Mutter mir nicht ab und zu von ihr erzählt hatte, während ich so tat, als würde mich dies nicht interessieren. Dass ich sie nicht bei dem ein oder anderen Freitagsgebet aus der Ferne erblickt hatte, nachdem ich hoffnungslos versucht habe, sie in der Menschenmenge zu finden. Natürlich hatte sie sich nach fünf Jahren verändert. Aber so vieles war gleich geblieben. Ihre warmen Augen, die mich anschauten, als gäbe es nur mich. Die Art und Weise, wie mein Körper darauf reagierte, wenn sie meinen Namen sagte. Das Bedürfnis, sie bei der Hand zu nehmen, und wegzurennen, irgendwo, wo es nur uns beide gab, damit ich ihr erzählen konnte, was passiert war, und wie ich mich fühlte. Weil sie es verstehen würde. Weil sie es immer verstanden hatte. Aber wir waren keine Kinder mehr. Wir waren zwei Entfremdete, die sich aus erbärmlichen Gründen wiedersahen.
Und doch war mein Verlangen nach ihr seither so groß, dass ich erstmals in meinen 16 Jahren Lebzeit das Gefühl hatte, etwas Unbedachtes zu tun. Etwas Unbedachtes tat. Als es an jenem Mittwoch zum Ende der 5. Stunde klingelte, verließ ich unbemerkt das Schulgelände und schwänzte zum ersten Mal in meinem Leben eine Schulstunde. Es war ein angenehmer Nachmittag, der den Frühling begrüßte. Den ersten Frühling ohne Aabo. Tief in meiner Tasche verstaut war etwas, von dem ich wusste, dass es nicht da sein sollte. Meine Schritte waren schnell. Peilten ein Ziel an, von dem ich wusste, dass sie es nicht anpeilen sollten. Ich konnte nicht bis Schulschluss bleiben, wenn ich sie nicht verpassen wollte. Ich nahm den Bus, fuhr knapp 20 Minuten und bevor ich ausstieg, kramte ich die kleine Magnolie aus meinem Rucksack.
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wär sie nicht da gewesen
RomansViel zu früh musste der 24 jährige Bilal erwachsen werden. Viel zu früh musste er die Rolle seines verstorbenen Vaters einnehmen und dafür sorgen, dass seine Familie nicht den Abgrund traf. Wie viel Leid er dafür einstecken musste, war ihm gleichg...
