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kapitel 20

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Bilals POV

Ich sah sie aus der Ferne. Wie sie wartend da stand, im Schatten des großen Baumes, um sich vor der brennenden Sommersonne zu schützen. Fast schon hektisch durchsuchten ihre Blicke die Umgebung, aber mich erfassten sie nicht. Sie trug einen langen weißen Rock, eine grüne Bluse und ein grünes Kopftuch, das elegant von ihrer Schulter wehte. So, wie sie da stand, war sie ein Abbild des Sommers; und ich nichts weiter als ein miserabler junger Mann, der zu viele Entscheidungen in der kurzen Spanne seines bisherigen Lebens treffen musste. In den wenigen Minuten, in denen ich sie betrachtete, fühlte es sich ganz kurz leicht an. Bis ihre Augen sich auf eine Person fixierten, und diese Person auf sie zukam, grinsend, nervös und stolz zugleich und ihr Blumen reichte. Yunus.

All die Rationalität, die ich glaubte, über die letzten Jahre perfektioniert zu haben, verschwand in dem Moment, als ich einen meiner Kollegen mit Amanah sah. Der Gedanke von Amanah und einem anderen Mann hatte mich die letzten Wochen bereits verrückt gemacht, aber es so vor dem eigenen Auge zu sehen, zu wissen, dass Yunus seit Wochen ihr lebhaftes Lachen hören durfte, ihr beim Reden lauschen konnte, all das, während ich ihn Dienstags bei den Sitzungen sah, mit dem breiten Lächeln auf dem Gesicht, ganz so als hätte er keine Sorgen auf dieser Welt. Was auch immer ich zu diesem Zeitpunkt verspürte, es ließ sich nicht unterdrücken. Amanah und Yunus. Yunus und... Amanah.

Ich konnte meinen Blick nicht losreißen. So sehr ich es auch wollte. Zum ersten Mal, nach so langer Zeit, war ich nicht dazu in der Lage, meine Handlungen zu kontrollieren. Ich sah zu, wie sie sprachen. Wie Amanah immer wieder um sich blickte und mein Inneres flehte danach, dass sie mich entdeckte. Wie würde sie reagieren, wenn sie mich hier sitzen sah? Aber sie war zu beschäftigt mit ihrem Gegenüber. Erst, als sie zum Gehen ansetzten, erfasste Yunus Aufmerksamkeit mich, und ich wusste nicht wieso, aber es freute mich. Es freute mich, dass ihr Moment der Zweisamkeit durch mich unterbrochen werden würde und ich hasste mich für diese Gedanken, aber meine Freude war einnehmender. Er hob seine Hand und ich lächelte. Das lässigste Lächeln, was ich mir erlaubte. Und ich stand auf, überbrückte die wenigen Meter, während ich Amanahs dunklen Augen fest auf mir spürte; aber ich konnte sie nicht anschauen, weil ich nicht wusste, was es in diesem Moment mit mir angestellt hätte.

Yunus Stimme ertönte, unterbrach die skurrile Stille, um mich herum und ich kam vor ihm zum Stehen. "Bilal! As salamu aleikum, Akhi." Seine Stimme triefte vor Stolz, und so würde es auch meine, wenn ich derjenige wäre, der hier mit Amanah stand. Meine Stimme klang zäh, als ich seinen Gruß erwiderte, und dann fand mein Blick Amanah. Ich betrachtete sie. Ihre dunklen Augen, die mich verwirrt anschauten. Ihr rundes Gesicht und die leicht gebräunte Haut. Und dann schämte ich mich dafür, sie so lange gemustert zu haben. Ich senkte meinen Blick, welcher an ihrer Tasche hängen blieb. Rote Rosen waren darin verstaut. Sie hasste Rosen. Jedenfalls hatte sie das damals. Weil sie sich jedes Mal stach, wenn sie eine anfassen wollte. "Ich glaube, Rosen wollen nicht, dass man sie pflückt oder verschenkt. Manche Dinge sind nur aus der Ferne schön aber Leute wollen sie trotzdem unbedingt haben."

Ich schaute die Rosen an und fragte mich, ob sie unehrlich mit Yunus war, oder einfach nicht mehr das Mädchen, das ich einst kannte. "Das ist Amanah, wir-" Yunus Stimme klang vage in dem, was er sagte und trotzdem so, als wäre Amanah eine Trophäe, mit der er sich rühmte. Oder vielleicht war das nur meine Einbildung, weil sich alles in mir sträubte, bei dem Anblick, der sich vor mir ergab. "Wir kennen uns schon." Ich lächelte selbstsicher, obwohl das eigentlich nicht meine Art war, aber in dem Moment schien mir alles recht. "Woher?" Yunus beäugte mich skeptisch. "Wir sind quasi zusammen aufgewachsen. Unsere Mütter sind befreundet." Vielleicht hätte ich ihm noch erzählen sollen, dass wir uns als Kinder versprochen haben, später zu heiraten. Oder, dass nicht nur unsere Mütter befreundet waren. Oder, dass ihre Mutter meine angerufen hatte, bevor sie Yunus zusagte, weil sie wollte, dass ich Amanah heiratete. Aber ich beschloss, bereits genug gesagt zu haben.

"Ah perfekt, dann kannst du mir sicher Ratschläge geben." Das darauf folgende Lachen löste eine unglaubliche Antipathie in mir aus. Warum stand er nach Wochen des Kennenlernens hier mit ihr, sprach über sie, als sei sie ein Preis und schien über all die Zeit noch immer nicht zu wissen, wer sie war. Es war kein Hexenwerk zu fragen, was sie für Blumen mochte. Oder ihr anzusehen, dass sie sich unwohl fühlte. Zu wissen, dass sie solche Treffen eher im Privaten abhalten wollte oder ihren Humor zu erforschen. Aber was ich noch weniger verstand, war, wieso sie sich darauf einließ. Vielleicht war es das frustrierende Gefühl in meiner Magengegend, was diese Gedanken in meinen Kopf trieben. Ich wusste es nicht. Yunus war kein schlechter Junge. Im Gegenteil. Er war all das, was ich nicht war. Ein standhafter junger Mann mit einer stabilen Familie, einem guten Job und einem fröhlichen Charakter. Ein Palästinenser, hell und mit kurzen Haaren. Und es kratzte mein Ego zu realisieren, dass Amanah an jemandem interessiert war, der in keinster Weise an mich erinnerte.

Der Witz hing noch immer trocken zwischen uns in der Luft. Ich schaute erneut zu Amanah und womöglich setzte mein Gehirn aus. Oder es setzten mir all die vorherigen Gedanken zu, aber ich dachte nicht nach, als ich die nächsten Worte sprach. "Vielleicht erst mal erkunden, welche Blumen sie mag. Wenn ich mich recht erinnere, war sie nie ein Fan von Rosen." Ich deutete auf ihre Tasche, während ich sah, wie ihre Gesichtszüge fielen. Sie zog die Tasche näher an sich heran und es war, als würde sie mit ihrer Mimik zu mir sprechen. Irgendwas zwischen "bist du verrückt" und "du erinnerst dich?" und ich wünschte ich könnte meine Worte bereuen, aber ich sah dieses klitzekleine Fünkchen von Sehnsucht in ihren Augen, was mich davon abhielt, auch nur im Geringsten zu bedauern, was ich ausgesprochen hatte.

Erst als ich Yunus anschaute. Seinen verletzten Blick sah, und realisierte, dass ich diesen verursachte, schämte ich mich, für mein Benehmen. Ich hatte kein Recht dazu, mich so aufzuführen, und ich hatte keinen Anspruch auf Amanah. "Wobei wir damals Kinder waren. In der Zeit kann sich natürlich einiges geändert haben." Ich musste weg von hier. Ich trat einen Schritt zurück, vergrub meine Hände in meiner Hosentasche und seufzte leise. Was war eigentlich los mit mir? "Sorry, du hast sie bestimmt schon längst gefragt. Das war- ich wollte dir bloß einen Tipp geben." Die Realisation holte mich ein, dass ich Amanah vielleicht wirklich nicht mehr kannte. Vielleicht war sie inzwischen ein Mädchen, welches Rosen mochte und verwöhnt werden wollte. Welches Stabilität über Risiko und Einfachheit über Hindernisse bevorzugte. Yunus über Bilal.

Ich zwang mich zu dem authentischsten Lächeln und klopfte Yunus auf die Schulter, bevor ich mit einem stummen "Na dann." die beiden hinter mir ließ. Alles in mir fühlte sich schwer an und ich blickte kein einziges Mal zurück. Ich ging in die Bibliothek, setzte mich an meinen Platz, öffnete meine Mitschriften und starrte für eine halbe Stunde auf den Bildschirm meines Laptops, bevor ich realisierte, dass mein Gehirn nicht mehr wollte. Ich packte meine Tasche, spazierte unter der Nachmittagshitze zu meinem erbärmlichen Auto, kurbelte die Fenster runter, um nicht zu ersticken, fuhr zu mir nachhause, ließ meine Sachen ab, begrüßte meine Mutter, begrüßte Rima, zog mir ein frisches T Shirt und einen Jogger an, betete Assr, trat nach draußen, suchte den nächstbesten Spielplatz auf und machte Klimmzüge, bis meine Hände aufrissen. Dann machte ich Liegestütze auf meinen Fäusten, auf dem glühenden Asphalt, bis meine Knöchel bluteten. Als die Sonne den Horizont traf, betete ich Maghrib und dann rannte ich. Ich rannte über Straßen, durch Felder und Parks. Meine Lunge zog sich zusammen, brannte und schmerzte in meiner Brust und ich lachte. Ich rannte, bis ich nichts mehr hörte, außer die schnellen Schritte, die den Boden trafen, und meine Knöchel bluteten, und meine Handinnenflächen kratzten und meine Waden verkrampften und mein Kopf war frei. Ich atmete und schaute in den Himmel und die Leute mussten denken ich war verrückt, wie ich an ihnen vorbeisprintete, als würde ich verfolgt werden, und ich wurde verfolgt, von alldem, was mein Gehirn plagte. Ich rannte davor und rannte und rannte, bis ich spürte, wie etwas Warmes meinen Bart traf und ich wischte mit meinem Handrücken über meine Nase und eine Spur von tiefem Rot zog sich darüber, weil ich mich so lange strapaziert hatte, bis ich Nasenbluten bekam, und dieses Gefühl erfüllte mich so sehr, dass ich die ganze Nacht weiterlaufen wollte, aber meine Muskeln ließen unter mir nach und ich fand mich auf dem trockenen Boden wieder, welcher mich spöttisch empfang und ich atmete und atmete und erst, als meine Brust sich in einem gesunden Rhythmus hob und wieder senkte, stand ich auf und ging nach hause.

Und als ich in meinem dunklen Zimmer auf meiner vergilbten Matratze lag, wünschte ich mir, ich würde noch immer laufen, denn meine Gedanken holten mich ein. Der Schlaf hingegen nicht.

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eeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeh ja hier habt ihr Bilals Sicht auf das Ganze :b

wie findet ihr das Kapitel?

vergesst nicht zu voten & mir zu folgen, danki und salamu aleikum<3

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