13 Jahre zuvor
"Wer zuerst da ist." Bilal schaute mich herausfordernd an. Ein verschmitztes Grinsen auf seinen Lippen.
"Das ist nicht fair. Du bist größer, schneller und älter." Ich verschränkte meine Arme vor der Brust und schaute zu meinem besten Freund auf. Er war tatsächlich um einiges größer geworden. Noch vor zwei Jahren übertraf ich ihn um ganze 4cm. Jetzt war er locker einen Kopf größer als ich, und er hörte nicht auf zu wachsen. Mit jedem Treffen wurde er noch ein Stückchen größer... und älter. Und auch wenn er mir nie das Gefühl gab, fühlte ich mich inzwischen in seiner Anwesenheit wie ein kleines Kind. Er ging schon in die sechste Klasse, hatte neue Freunde in seinem Alter gefunden und wir sahen uns nicht mehr ganz so häufig, wie noch vor einem Jahr.
Genau ein Jahr war es her, dass wir beide auf dem kleinen Hügel den Beginn des Sommers genossen haben, traurig darüber, dass er auf eine neue Schule ging. Jetzt waren wieder Sommerferien und Bilal und ich waren noch immer Bilal und ich. Beste Freunde. Unzertrennlich. Ich hatte über die letzten Monate verhäuft Zweifel gehabt. Darüber, dass er mich ersetzen würde, oder glauben würde, dass ich nicht cool genug für ihn sei. Aber dann schaute ich ihn mir an. Meinen besten Freund, mit den struppigen dunklen Haaren und dem langen, schlaksigen Körper. Sein unbekümmerter Blick und das kecke Grinsen, welches mich sofort ansteckte. Und obwohl bereits ein Jahr vergangen war, und ich ihn nie wieder darauf angesprochen hatte, trug er noch immer mein Armband. Ein rosanes Armband mit meinem Namen darauf. Und wenn ich das sah, wenn ich ihn sah, dann wusste ich, dass all meine Zweifel und Sorgen überflüssig waren. Er war hier. Mit mir.
"Ich geb dir Vorsprung. 15 Sekunden" Bevor ich etwas erwidern konnte, begann Bilal von 15 runter zu zählen, und ich sprintete los. In Richtung kleiner Hügel. Seit letztem Jahr waren wir vermehrt hierher gekommen und es war, als ob diese kleine Wiese, die unsere Stadt überblickte, zu unserem Ort geworden war. Ich hörte Bilal hinter mir zählen und rannte schneller denn je. Meine Chancen waren gering, aber mein Ego war riesig.
"Ich komme!" Das gab mir den letzten Kick. Bilal war definitiv schneller als ich. Er spielte Fußball und war noch sportlicher geworden als zuvor. In wenigen Sekunden hörte ich seine Schritte hinter mir und setzte noch einen Gang drauf. "Hinter dir". Ich hörte das Grinsen aus seiner Stimme und spürte, wie meine Beine schwer unter mir wurden, jetzt, wo die Steigung begann. "BILAL DAS IST NICHT FAIR" Mir fehlte nicht mehr viel, bis oben, aber er war mir dicht auf den Fersen. Kurz bevor ich oben angekommen war, erschien er neben mir und ich wusste, dass er absichtlich langsamer rannte, als er konnte. Wir kamen gleichzeitig oben an, und ich ließ mich erschöpft und mit brennender Lunge auf die Wiese fallen. Bilal setzte sich lachend neben mich. Eine gewisse Distanz zwischen uns, von der ich wusste, dass er sie beabsichtigte. Er war vorsichtiger mit mir geworden. Vorsichtiger damit, mir zu nahe zu kommen, mich zu berühren. Manchmal, wenn er es doch tat, schaute er mich nicht mehr an. Oder schaute so, als ob er sich verbrannt hätte. Ich wusste nicht, was es war. Aber ich sagte nichts dazu.
Stattdessen schubste ich ihn gegen seine Schulter, bis er sich ebenfalls fallen ließ und grinsend in den Himmel starrte. Für einige Sekunden sagten wir beide nichts und ringten lediglich hechelnd nach Luft. Dann drehte er seinen Kopf in meine Richtung, und wartete, bis ich seinen Blick erwiderte. Seine dunklen Augen bohrten sich in meine und das Lächeln auf meinen Lippen bildete sich automatisch. Ich sah, wie sein Blick zu meiner Nase wanderte, über mein gesamtes Gesicht flog, bevor er wieder meine Augen fand.
"Lass uns eine Liste schreiben, was wir diesen Sommer alles machen werden."
Ich nickte, während Bilal eine Hand flach unter seine Wange schob, und sie als Kissen nutzte. Seine andere landete zwischen uns. Meine Haare waren wie wild in der Wiese um mich herum verfangen, und Bilals Finger fanden zu einer Strähne, die sich vor mir erstreckte. Er fuhr seinen Zeigefinger sanft darüber, während ich ihn dabei beobachtete. Dann unterbrach er die Bewegung abrupt, und legte seine zweite Hand ebenfalls unter seine Wange. "Wasserschlacht."
Ich fuhr fort. "3 Tiere finden, die keine Hunde, Katzen oder Vögel sind."
"Du guckst mir bei einem Fußballspiel zu."
"Du pflückst mir die höchste Magnolie auf dem Baum."
"Tierpark?"
"Kirschen pflücken."
Er schaute mich wieder an.
"Einen Schmetterling fangen. Und wieder freilassen."
Ich lächelte.
"Zusammen die Sterne beobachten."
Ich drehte mich zurück auf meinen Rücken und schaute in den klaren Himmel. Die Sonne war grell und ich musste meine Augen zusammenkneifen, um nicht zu erblinden.
"Du musst zuhause sein, bevor es dunkel ist."
Seufzend verschränkte ich meine Hände hinter meinem Kopf.
"Ich weiß. Ich gucke von mir zuhause aus dem Fenster und du von dir. Aber gleichzeitig."
Ich spürte Bilals Lächeln förmlich, bevor er mir die Hand hin hielt.
"Deal"
Ich nahm seine Hand in meine, mit dem Wissen, dass er sie gleich tief in seiner Hosentasche vergraben würde, oder die nächsten paar Minuten meine Augen meiden würde. "Deal."
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wär sie nicht da gewesen
RomanceViel zu früh musste der 24 jährige Bilal erwachsen werden. Viel zu früh musste er die Rolle seines verstorbenen Vaters einnehmen und dafür sorgen, dass seine Familie nicht den Abgrund traf. Wie viel Leid er dafür einstecken musste, war ihm gleichg...
