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kapitel 47

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In zwei Tagen würde Rima wiederkommen, und Stand jetzt, hatte ich keine Fortschritte gemacht. Jedenfalls keine nennenswerten. Bilal kam öfter aus seinem Zimmer. Er aß mehr, und wirkte - wenn auch nur minimal - aktiver, als zuvor. Aber er war noch immer stillschweigend. Noch immer abweisend. Noch immer nicht der Bilal, der in ihm steckte. Und heute würde ich mit ihm reden. Es gab kein Drumherum mehr. Der Schaden musste angerichtet werden, um größeren Schaden zu vermeiden. Und nach gestern Nacht schien heute der richtige Tag zu sein. Konnte ich ihm wirklich so egal sein, wenn er sich darum sorgte, wo ich schlief? Ich versuchte positiv zu sein, aber seine kalte Art, als er die Küche betrat, ließ jeden Schimmer Hoffnung im Kern aussterben. Er machte sich einen Tee, bevor er sich ins Wohnzimmer setzte, um nichts zu tun. Das war ein Fortschritt. Ich kümmerte mich um die Wäsche, und setzte mich anschließend auf den Balkon. Wenn ich ihn zur Rede stellen wollte, brauchte ich einen klaren Kopf. Und die kühle Frühlingsluft war perfekt, um mein Gehirn für wenige Sekunden auf stumm zu schalten.

Bilal hatte sich selber einen Tee gemacht. Er hatte gestern ohne Aufforderung gegessen und er hatte mich ins Bett getragen. Am liebsten wollte ich mich bei diesem Gedanken heulend wieder dorthin verziehen. Aber stattdessen rief ich Dua an, um mich etwas aufzumuntern. Sie hatte immer die richtigen Worte parat. Wusste immer, welches Verhalten man an den Tag legen musste. Alles, was sie zu hause begleitete, hatte sie Geduld und Charakterstärke gelehrt, und ich verstand, was Hamza in ihr sah. Was ihn dazu verleitet hatte, so lange auf sie zu warten. Noch wenige Wochen, und sein Warten würde sich auszahlen. Aber das war ein anderes Fass.

Dua verstand, bevor ich etwas sagte, und nur ihre Stimme zu hören, gab mir ein Selbstbewusstsein, welches mich davon überzeugte, dass heute ein Erfolg sein würde. "Das gehört dazu. Beziehungen sind kein Zuckerschlecken. Es sind die schönen Momente, die liebenden Momente. Aber es sind auch die selbstzerstörerischen. Die Wütenden, die Gestressten. Die Tiefpunkte. Niemand hat jemals gesagt, eine Ehe ist leicht." "Und deswegen hast du Angst davor." Ihre grünen Augen musterten mich. "Ich habe keine Angst." "Natürlich nicht." Ich dachte daran, wie Dua Hamza bereits zu Beginn abgewiesen hatte. Wie sie auf gleichgültig tat, wenn er zum Thema wurde. Sie hatte Angst davor, sich auf jemanden einzulassen, weil sie aus ihrem eigenen Leben keinen Nutzen darin sah. Sie kannte es nicht. Sich einer Person zu öffnen. Sich ihrem Gegenüber verletzlich zu zeigen. Dua hatte eine harte Schale. Und sie wollte niemanden hinter diese lassen. "Ich bin vorsichtig. Nicht ängstlich. Und ich bin gerade auch nicht das Thema. Geh und hilf deinem Prinzen wieder auf die Beine." Ich schmunzelte, aber tief im Inneren war ich nervös. Ich war ängstlich. Was, wenn ich es nicht schaffte? Nein. Das war keine Option.

Mein Plan war es, einen möglichst guten Moment abzupassen. Bilal seinen Raum zu geben, ihn nicht unter Druck zu setzen, und abends dann das Gespräch mit ihm zu suchen. Und tatsächlich stieg meine Hoffnung von Stunde zu Stunde. Scheinbar störte es ihn nicht mehr, sich im selben Raum mit mir aufzuhalten. Den gesamten Tag über, blieb er seinem Zimmer fern. Er tat nicht wirklich was, außer auf dem Sofa Löcher in die Wände zu starren, aber ab und zu erhob er sich, spazierte durch die Wohnung, aß eine Kleinigkeit. Es war seltsam, dass wir nicht miteinander sprachen. Seltsam, dass wir schweigend aneinander vorbei lebten. Und deshalb entschied ich mich, bei Einbruch der Dämmerung endlich mit ihm zu reden. Nicht für mich. Für ihn. Für Rima. Für seine Zukunft und für das, was seine Eltern gewollt hätten.

Ich setzte mich nicht hin. Ich drang nicht in seine persönliche Sphäre ein. Stattdessen blieb ich inmitten des Wohnzimmers vor ihm Stehen. Mir war klar, dass er mich nicht anschauen würde. Er würde so tun, als würde er nicht merken, dass ich hier stand. Als würde er nicht merken, dass mir etwas auf dem Herzen lag. Aber heute würde ich nicht locker lassen. Koste es, was es wolle.

"Wir wollten sprechen, erinnerst du dich noch?" Er seufzte schwer und schloss seine Augen. "Ich kann gerne den Anfang machen. Wenn du nichts sagen möchtest, dann ist das so. Aber hör mir zumindest zu, okay?" Seine Lider schlugen auf und seine tiefschwarzen Pupillen huschten für eine Sekunde über mein Gesicht. "Ich bin nicht hierher gekommen, um dir zu sagen, dass du so schnell wie möglich alles wieder auf die Reihe kriegen musst. Ich bin nicht gekommen, weil du nicht trauern darfst, oder dich wieder um alles kümmern sollst. Ich bin gekommen, Bilal, weil ich dich kenne. Weil ich weiß, dass du lieber alles in dich reinfrisst, und daran erstickst, anstatt darüber zu sprechen. Weil du glaubst, du belastet uns. Und dabei belastest du nur dich selbst. Und irgendwann wirst du daran kaputt gehen. Ich bin gekommen, um dir zu helfen. Um euch zu helfen. Und ich verlange nichts von dir, außer, dass du mich reinlässt, Bilal. Ich bin hier für dich." Ich biss mir auf die Zunge, um nicht zu emotional zu werden. Meine Worte mussten Gewicht tragen. Sie mussten unverfälscht bei ihm ankommen. "Amanah." Es war das erste Mal seit Wochen, dass ich meinen Namen aus seinem Mund hörte, und es machte etwas mit mir, was ich nicht in Worte fassen konnte. "Ich bin keines deiner Projekte. Ich bin kein Patient, an dem du dein erlerntes Wissen in die Praxis umsetzen kannst. Ich brauche deine psychologischen Tipps nicht, und ich bin kein hilfsbedürftiger Junge, den du retten musst." Die Worte drangen messerscharf unter meine Haut und meine Kehle verwandelte sich in Sandpapier. Ich hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass er mich so darstellen würde. Wie eine erbärmliche Psychologie-Studentin, die ihr privates Umfeld zu ihren Spielfiguren machte, um ihr Können zu testen. "Natürlich bist du das nicht? Glaubst du wirklich, dass das meine Intention ist? Dass ich dich als meinen Test-Patienten sehe? Ich habe fast alle meine Kurse dieses Semester pausiert, nach dem, was passiert ist. Wie kannst du sowas von mir denken?" Bilal legte seinen Kopf in den Nacken und mit dem gelblich schimmernden Licht von oben, sah er noch ungesünder aus, als sonst. Seine Wangenknochen waren präsenter, als je zuvor. Sein Bart ungetrimmt und wild, und seine Haut von Falten und dunklen Ringen geprägt. "Danke. Danke, dass du deine Uni für uns pausiert hast. Ich brauche trotzdem keine Hilfe." Meine Luft schnürte ab, und ich spürte, wie ich den Tränen nahe war. Das war nicht mein Bilal. Mein Bilal würde niemals so mit mir reden. Mich niemals mit seinen Worten so verletzen. Egal, wie schlecht es ihm ging. Bilal hatte es noch nie an mir rausgelassen. "Bilal, hörst du dir eigentlich selber zu?" Er mied meinen Blick, während ich ihn fast schon flehend anstarrte. "Du- Glaubst du, ich verstehe nicht, wie schlimm das alles für dich ist? Aber ich kann nicht dabei zusehen, dass du deine ganze Zukunft aufgibst. Dass du dich hier verbarrikadierst und alle ignorierst. Glaubst du, dass hätte deine Mutter gewollt?" Jetzt schnappten seine Augen zu mir, und die Kälte, die sie in sich trugen, lösten eine schmerzhafte Gänsehaut auf meinen Armen aus. "Du weißt nicht, was sie gewollt hätte. Und du weißt nicht, was ich will. Und du kannst nicht jeden um dich herum retten. Ich bin kein Kind." Alles in mir kämpfte gegen das heiße Brennen hinter meinen Augen an, während ich Bilals Blick begegnete. "Du bist kein Kind. Aber du bist ein Bruder und ein Ehemann. Es ging mir nie um mich, aber weißt du was? Du hast auch Verpflichtungen mir gegenüber. Was soll ich deiner Meinung nach tun, hm? Was stellst du dir vor? Dass wir uns weiter ignorieren? So tun, als würden wir uns nicht kennen? Stört es dich, dass ich hier bin?" Er sagte nichts und wandte seinen Blick von mir ab. Mein Herz riss in tausend kleine Fetzen, die alle ihm gehörten, aber die er nicht wollte. "Bilal, sag mir, was es ist, das du willst. Wenn du nichts sagst, kann ich nur raten." "Ich dachte ich hätte das die letzten Tage über deutlich gemacht." Wow....
Mein Körper fühlte sich leer und gleichzeitig so an, als sei er an den Boden gekettet. Es fühlte sich nach Ertrinken mit Zement in der Lunge an. Nach dem Moment des Fallens, kurz vor dem Aufprall. Voller Angst und Panik vor dem, was einen erwartete. Und doch sprach ich dir Worte aus. "Also was? Willst du es beenden? Gibst du uns auf?" Ich schaute ihn an. Meine Augen glasig, meine Stimme flehend. Alles, was ich hören wollte, war ein nein. Ein "Ich brauche nur mehr Zeit." oder ein "Niemals würde ich uns aufgeben." Aber es kam nichts.

wär sie nicht da gewesenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt