Bilals POV
Meine Füße waren schwer, als ich am darauffolgenden Tag den Weg zur kleinen Moschee antrat. Es war noch immer surreal und alles in mir sträubte sich dagegen, gleich ein Totengebet zu verrichten. Selbstverständlich war ich besorgt gewesen, als Ayyoubs Mutter mir von dem Angriff auf ihn erzählt hatte. Aber als ich ihm am Morgen darauf im Krankenhaus besucht hatte, war ich einfach davon ausgegangen, dass er aufwachen würde. Dass er gesund werden würde. Sein Vater wirkte hoffnungsvoll. Die Ärzte, die Krankenschwestern... ich. Oder vielleicht war die Hoffnung nur darin begründet, dass er jung war. Zu jung, um zu sterben.
Meine Augen brannten von den zwei Stündchen Schlaf, die ich mir noch einholen konnte, und meine Muskeln spannten. Die Nachricht gestern hatte mich augenblicklich aus meinem Hoch gerissen, und mich auf den stählernen Boden der Tatsachen zurückgeholt. Mit diesem Ort war nur Unglück verbunden, und während ich eigentlich gehofft hatte, in den Gedanken an Amanah etwas Freude mit in die tristen 4 Wände meiner Wohnung zu bringen, so sah die Realität mal wieder anders aus.
Meine Mutter sagte es mir nicht direkt. Sie nahm mich glücklich in den Arm, hatte Essen vorbereitet und ich erzählte ihr und Rima von dem kleinen Urlaub. Erst, als Rima in ihrem Zimmer verschwand, und ich beim Aufräumen half, beäugte sie mich von der Seite, und fragte, ob ich die Neuigkeiten mitbekommen hatte. Hatte ich nicht. "Ein Nachbarsjunge ist heute Morgen verstorben." Ich wusste sofort, dass es Ayyoub war. Ohne, dass sie einen Namen sprach, oder nähere Details gab. Mein Bauchgefühl ließ mich unmittelbar an ihn denken, und trotzdem hakte ich nach. "Du kennst ihn. Er wohnt ein paar Stockwerke unter uns. Dunkle Haare. Maghrebi?" Und mehr Informationen brauchte ich nicht. Das Gefühl, was darauf folgte, lässt sich nicht in Worte fassen. Es war stumpf. Eine Taubheit, die bis in die Fingerspitzen reichte, und dann lachte ich. Ganz kurz. Weil es nicht sein konnte. Es konnte nicht sein, dass Ayyoub tot war, weil ich vor wenigen Wochen noch mit ihm gesprochen hatte. Marlon war kein Mann von Ehre, aber so schrecklich konnte er nicht sein... Es waren Phasen, die man durchging, wenn man eine solche Nachricht erhielt. Man registrierte sie, verstand sie nicht wirklich, stellte sie in Frage... stellte seinen eigenen Verstand in Frage und dann leugnete man es. Irgendwann würde man es eventuell akzeptieren, aber ein kleiner Teil würde es nie ganz für wahr haben. So war es bei meinem Vater gewesen und jetzt auch bei Ayyoub.
Ayyoubs Tod traf mich weniger auf einer persönlichen Ebene. Vielmehr war es die Tatsache, dass er noch so viel vor sich gehabt hätte, hätte er die richtigen Entscheidungen getroffen. Es waren Schuldgefühle, Trauer und Sorge um ihn, und um das, was ihn im Grab erwarten würde. Und gleichzeitig braute sich so viel Wut in mir zusammen, auf die Leute, die mit dem Leben anderer Menschen spielten. Für nichts geringeres als Geld. Nachdem ich die Nachricht erhielt, arbeiteten meine Gedanken gegen mich. Einer meiner großen Schwächen, die ich bis heute nicht zu bewältigen schaffte. Wenn mein Kopf sich einmal in eine dunkle Richtung verlor, kam ich schwer wieder dort raus. Ich wusste nicht, ob es angebracht war, seine Familie aufzusuchen, und doch stand ich wenig später in Laufschuhen und meiner Trainingskleidung vor der Türe. Ayyoubs Mutter öffnete mit geschwollenen Augen, die nichts als Leere in sich trugen. Im Hintergrund waren Stimmen zu vernehmen, was auf Besuch hindeutete, und als die zerbrechliche Frau vor mir die Türe weiter öffnete, um mich eintreten zu lassen, hob ich beide Hände und trat einen Schritt zurück. In keinem Szenario würde ich ihnen jetzt noch zur Last fallen wollen. "Er hat gekämpft." Ihre Lippen formten sich zu einem kaum wahrnehmbaren Lächeln. "Die Ärzte haben gesagt, er wird es schaffen. Sein Körper war noch jung und stark. Aber Allah hatte andere Pläne." Eine Gänsehaut durchfuhr mich, bei dem Anblick von Ayyoubs Mutter. "Ich habe ihm immer gesagt, er soll aufhören. Es fängt klein an, weißt du? Erst kommen Mails von Lehrern. Dann ist er immer seltener Zuhause. Dann findet man Zigaretten in seinem Zimmer und irgendwann stehen fremde Männer in deiner Wohnung und suchen deinen Sohn." Jetzt sammelten sich Tränen in ihren gläsernen Augen und trotz ihres Versuches dies zu unterbinden, begann sie bitterlich zu weinen. "Inna lillahi ua inna ilaihi raji3un. Allah ist barmherzig. InshaAllah wird er seiner Seele gnädig sein." "Weißt du, wäre er ein guter Junge gewesen, dann würde ich hier mit reinem Gewissen und einem stolzen Lächeln stehen. Aber-" Ihr kleiner Körper begann zu zittern, während sie versuchte, die Fassung zu behalten. "Ich habe so Angst um das, was ihn erwartet."
"Jamila?" Ayyoubs Vater erschien hinter der Tür und als er mich erblickte streckte er mir seine Hand zu einem festen Händedruck aus. "Inna lillahi ua inna ilaihi raji3un. Ich wünschte es wäre nicht so gekommen." Sein Vater wirkte deutig gefasster, richtete seine Haltung und presste seine Lippen aufeinander. "Ich habe so oft mit ihm geredet. Ich wünschte er hätte mir einmal richtig zugehört." Ich fixierte meine Augen auf den Boden. Ich hatte meinen Vater verloren, aber der Schmerz von Eltern, die ihr Kind verloren, war sicherlich ein viel tief sitzenderer. "Wann ist das Janazah Gebet?" "Morgen nach Dhuhr. Ich hoffe, dass wenigstens ein paar Leute erscheinen werden." Ayyoubs Vater legte seine Hand auf meine Schulter und drückte leicht zu. "Hätte mein Sohn sich bloß mit so Leuten, wie dir abgegeben."
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wär sie nicht da gewesen
RomanceViel zu früh musste der 24 jährige Bilal erwachsen werden. Viel zu früh musste er die Rolle seines verstorbenen Vaters einnehmen und dafür sorgen, dass seine Familie nicht den Abgrund traf. Wie viel Leid er dafür einstecken musste, war ihm gleichg...
