Bilals POV
So langsam fügte sich alles. Wie ein Puzzle, welches nach ellenlangem Quälen Gestalt annahm. Mein Praktikum zahlte sich aus. Sowohl im lehrenden, als auch im finanziellen Sinne. Ich verbrachte meine meiste Zeit damit zu arbeiten. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine 40-Stunden-Woche arbeitete, und es war definitiv nicht ohne. Mein Alltag funktionierte nicht mehr unstrukturiert. Ich konnte nicht mal eben spontan etwas unternehmen, oder meine Pläne ändern. Alles richtete sich nach meiner Arbeit und umso mehr Relevanz legte ich darauf, den wichtigen Menschen um mich herum regelmäßig genügend Zeit zu schenken. Amanah sah ich mindestens jeden Dienstag. Jetzt, wo sie wieder studierte, war auch ihr Zeitplan enger geworden, aber neben den Dienstagen versuchten wir so oft wie möglich, kleine Begegnungen einzubauen. Sei es, dass sie in meiner Pause vorbeikam und mir etwas zu Essen mitbrachte, oder dass ich sie nach der Arbeit von der Uni nach Hause fuhr. Es gab keinen Moment in meinem Leben, in dem ich Amanah nicht verfallen war, aber die letzten Monate intensivierte sich alles nur noch mehr. Man könnte meinen, dass nach der Ehe – nachdem man endlich das bekommen hatte, was man all die Jahre vergeblich haben wollte – das Ausmaß der Empfindungen zurückging. Aber so war es nicht. Jedenfalls nicht bei mir.
Wir hatten den Winter gemeinsam überstanden, gute, sowie weniger gute Tage, und doch gab es keinen einzigen Moment, an dem wir uns gestritten hatten. Amanah verstand mich, wie niemand sonst. Und ich verstand sie. Ich kannte sie. In und Auswendig. Ich sah die Anspannung in ihrer rechten Augenbraue, wenn sie gestresst war. Ihre unruhigen Pupillen, wenn sie beschämt war. Die Art und Weise, wie ihre Finger sich in ihre Handballen gruben, wenn ihr etwas nicht passte. Wenn sie gereizt war, starrte sie aus dem Beifahrerfenster hinaus, und wenn sie gut gelaunt war, lehnte sich sich an diesem an und beobachtete mich. Ich verstand sie, und ich gab mein bestes, ihr das zu geben, was sie in den unterschiedlichen Momenten brauchte. Und dafür gab sie mir all das, was ich mir seit Jahren erträumt hatte. Sie war mein Ruhepol nach einem langen Tag. Munterte mich auf, wenn ich wieder gegen eine Wand fuhr. Und brauchte keine Worte meinerseits, um zu wissen, was in meinem Inneren abging. Sie war alles und noch viel mehr, und mit dem Aufblühen unserer Beziehung, begann auch der Frühling.
Nach 8 Stunden voller Thermodynamik und einem Abstecher auf einer der laufenden Baustellen, fuhr ich zur Fakultät für Psychologie, wo Amanah bereits auf mich wartete. Sie schaffte es nicht, ihr Grinsen zu unterdrücken, als sie mich sah, und ihre Nase zog sich kraus. Gott, ich würde mich niemals daran gewöhnen können. Aber heute war nicht Dienstag. Heute war Freitag und Für ich war mit Hamza verabredet und wollte den Abend mit Mama und Rima verbringen. Morgen würde ein weiteres Jahr seit Aabos Tod verstreichen, und ich sah, was es mit meiner Mutter machte. Ich musste für sie da sein. Mehr als sonst.
"Geht es euch allen gut?" Amanah legte besorgt ihre Hand in meinen Nacken, ihr Daumen strich federleicht über meine Haut und ich atmete tief ein und wieder aus. Sie wusste selbstverständlich, was los war, und es war seltsam, erstmals jemanden an seiner Seite zu haben, mit dem man seine Gedanken so offen teilte. "Mama tut so, als wär nichts, aber ich sehe es. Sie verlässt kaum ihr Zimmer. Nur zur Arbeit. Und sie sieht nach jeder Schicht so aus, als würde sie zerbrechen." Amanah drückte sanft meine Schulter, bevor sie sich am Beifahrerfenster anlehnte, und mich von der Seite betrachtete. Ich schmunzelte. "Ich hab sehr gute Chancen darauf nach dem kommenden Semester eine feste Stelle in der Firma zu bekommen. Ich- Das wird Welten verändern. Während meiner Masterarbeit mache ich als Werkstudent dort weiter und danach haben sie mir quasi schon eine Stelle versprochen." Amanah schaute mich voll Stolz an, während ich mir ausmalte, wie anders das Leben in weniger als einem Jahr sein könnte. "Mama kann endlich aufhören zu arbeiten. Wir können zusammenziehen. Oder wenn dir das zu viel ist mit Mama und Rima, dann hol ich eine Wohnung bei euch in der Nähe. Es wird alles-" Ich seufzte. Ich wollte mich nicht zu sehr in Wunschvorstellungen verlieren, für den Fall, dass es doch anders kam. Aber zum ersten Mal in meinem Leben sah ich Licht am Ende des Tunnels. Ich war voller Hoffnung, und Amanah teilte diese mit mir.
DU LIEST GERADE
wär sie nicht da gewesen
RomanceViel zu früh musste der 24 jährige Bilal erwachsen werden. Viel zu früh musste er die Rolle seines verstorbenen Vaters einnehmen und dafür sorgen, dass seine Familie nicht den Abgrund traf. Wie viel Leid er dafür einstecken musste, war ihm gleichg...
