Bilals POV
Es lief.
Es lief nicht gut. Nicht glatt. Nicht rund.
Aber es lief.
Als ich vor knapp drei Monaten erstmals wieder mein Handy eingeschaltet hatte, überfluteten mich Nachrichten über Nachrichten. Von Freunden, Familienmitgliedern, Verwandten und Bekannten. Und ich realisierte, wie viele Menschen ich noch in diesem Leben hatte. Wie viele noch da waren. Mich nicht verlassen hatten.
Und dann realisierte ich, wie oft das Leben es bereits gut mit mir meinte. Ich tendierte dazu, mich auf all das Negative zu konzentrieren, und dabei die positiven Dinge zu übersehen. Wie beispielsweise meine Arbeitsstelle. Die Chancen, die mir von Tag eins geboten wurden, und das Verständnis, welches mir entgegengebracht wurde. Ich hatte mich unprofessionell verhalten und sie hätten jedes Recht dazu gehabt, mich zu kündigen. Stattdessen kamen sie mir entgegen, und ich durfte nicht nur mein Praktikum bei ihnen beenden, sondern erhielt danach eine Stelle als Werkstudent, die es mir und Amanah half, uns über Wasser zu halten.
Das war eine weitere große Veränderung der letzten Monate. Wir lebten zusammen. Amanah, Rima und ich. Sie war zu uns gezogen, um uns zu unterstützen, und nur dank ihr war ich heute an dem Punkt, an dem ich mich befand. Ich schrieb meine Masterarbeit, arbeitete 16 Stunden unter der Woche und hatte mich die letzten Monate wieder an körperliche Aktivitäten gewöhnt. Boxen hatte ich fürs erste auf Eis gelegt – mir fehlte die Zeit, und die wenigen freien Momente, die ich hatte, wollte ich mit meiner Familie verbringen. Man könnte meinen, Amanah und ich sahen uns öfter – jetzt, wo wir zusammen wohnten. Aber tatsächlich war das nicht der Fall. Auch sie hatte das Semester wieder durchgestartet, und neben ihrem Studium eine Hiwi-Stelle angenommen, um ebenfalls etwas Geld beiseite legen zu können. Auch wenn ich ihr klipp und klar gesagt hatte, dass ich für unsere Kosten aufkam... zumindest den finanziellen Teil unserer Partnerschaft übernahm.
"Musst du gehen?" Amanah lag auf dem Sofa und sah mir dabei zu, wie ich meine Laufschuhe zuschnürte. Es war schwierig gewesen, wieder einzusteigen, nachdem ich meinen Körper so vernachlässigt hatte. Die ersten Tage fiel es mir schwer, mich überhaupt auf den Beinen zu halten. Ich war geschwächt und hatte an Masse verloren, und auch heute noch weit entfernt von meinem Hochpunkt. Für Strecken, die ich damals in 20 Minuten zurückgelegt hatte, brauchte ich heute, unter Pausen, mindestens doppelt so lange. "Ich muss nicht. Aber ich sollte." Amanah schaute zu mir auf, ihre Augen groß, aber gleichzeitig müde. Ich wusste, dass sie mehr Zeit mit mir verbringen wollte. Ich wollte auch. Aber manchmal waren meine Gedanken so beengend, dass ich glaubte, an ihnen verrückt zu werden, wenn ich mich nicht anderweitig beschäftigte. Laufen war schon immer diese eine Sache gewesen, die es zumindest zeitweise schaffte, mein Gehirn stumm zu schalten. Mein Daumen strich sachte über Amanahs Wangenknochen und sie schloss ihre Augen. "Sag ich soll nicht gehen, und ich geh nicht." Ihre Augen blieben zu. "Du bist gemein." Mein Finger wanderte über ihr Gesicht, bis er ihre Lippen erreichte, die sich öffneten und heiser nach Luft schnappten. Ihre Lider schlugen träge auf. "Du weißt, dass ich dich nicht davon abhalten werde, das zu tun, was du brauchst." "Ich mach nicht lange. Versprochen." Sie griff mit ihrer Hand nach meiner und drückte einen Kuss auf die raue Haut über meinen Knöcheln. "Ich warte. Ich muss dir noch eine Wohnung zeigen, die ich gefunden habe." Ihre müdes Lächeln brachte mein Herz zum stolpern, und mit diesem Gefühl, gefangen in meiner Brust, verließ ich die Wohnung in die nächtliche Dunkelheit.
Wir waren auf Wohnungssuche. Bis zum Ende meines Masters fehlten mir nur noch knapp 2 einhalb Monate. Danach könnte ich endlich Vollzeit arbeiten und die Türen zu einem besseren Leben würden uns offen stehen. Es war ein Traum, welcher zum Greifen nah stand, und deshalb erlaubten wir es uns erstmals zu träumen. Von einer gemeinsamen Zukunft, die funktionieren würde. Richtig funktionieren würde.
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wär sie nicht da gewesen
RomanceViel zu früh musste der 24 jährige Bilal erwachsen werden. Viel zu früh musste er die Rolle seines verstorbenen Vaters einnehmen und dafür sorgen, dass seine Familie nicht den Abgrund traf. Wie viel Leid er dafür einstecken musste, war ihm gleichg...
